Alle Hab Nen Job Ich Hab Langeweile
Es ist schon komisch, dieses Gefühl. Die meisten meiner Freunde rackern sich ab, in Büros, in Werkstätten, manche im Schichtdienst. Und ich? Ich sitze hier, am kleinen Holztisch einer Straßencafé in Lissabon, eine Pastel de Nata vor mir, die Sonne im Gesicht, und… ja, ich habe Langeweile. "Alle hab'n nen Job, ich hab Langeweile," wie es so schön heißt. Ein Satz, der mir oft im Kopf herumgeistert, besonders wenn ich wieder mal auf Reisen bin.
Wie bin ich hierher gekommen? Das ist eine lange Geschichte, aber kurz gesagt: Ich habe vor ein paar Jahren meinen Job gekündigt. Nicht, weil ich unzufrieden war, sondern weil ich das Gefühl hatte, etwas verpasst zu haben. Etwas Wichtiges. Ich wollte die Welt sehen, Erfahrungen sammeln, die über den Büroalltag hinausgehen. Ein klischeehafter Traum, ich weiß. Aber mein Traum.
Am Anfang war es großartig. Die Freiheit, jeden Tag neu zu entscheiden, wohin die Reise geht, war berauschend. Ich wanderte durch Südostasien, schlief in Hostels mit Rucksacktouristen aus aller Welt, aß Streetfood, das ich mir zu Hause nie getraut hätte, und lernte so viele interessante Menschen kennen. Ich fühlte mich lebendig, erfüllt, wie nie zuvor.
Aber dann kam sie, die Langeweile. Sie schlich sich langsam ein, wie ein Schatten, der immer länger wird. Ich hatte so viel gesehen, so viel erlebt, dass es irgendwann fast zur Routine wurde. Tempel, Strände, Märkte – alles wunderschön, alles faszinierend, aber irgendwann eben auch… ähnlich. Das klingt vielleicht undankbar, ich weiß, aber es ist die Wahrheit. Das ewige Reisen, das ständige Unterwegssein, es kann auch anstrengend und ermüdend sein.
Die Suche nach dem Sinn im Müßiggang
Was also tun gegen die Langeweile? Das ist die Frage, die mich in letzter Zeit beschäftigt. Einfach zurück in den Job? Das ist keine Option. Ich bin noch nicht bereit, meine Freiheit aufzugeben. Aber ich brauche etwas, das meinem Leben einen Sinn gibt, etwas, das mich fordert und erfüllt. Etwas mehr als nur schöne Orte zu sehen und leckeres Essen zu essen.
Ich habe angefangen, mich ehrenamtlich zu engagieren. In Chiang Mai half ich in einem Tierheim für Straßenhunde. In Buenos Aires arbeitete ich in einem Gemeinschaftsgarten mit. Und hier in Lissabon gebe ich Touristen kostenlose Stadtführungen. Es sind kleine Dinge, aber sie machen einen Unterschied. Sie geben mir das Gefühl, etwas Sinnvolles zu tun, etwas Positives zur Welt beizutragen.
Lissabon: Mehr als nur Pastel de Nata
Und da wir gerade von Lissabon sprechen: Diese Stadt ist einfach unglaublich. Natürlich, die Pastel de Nata sind ein Muss (ich könnte jeden Tag eine essen!), aber Lissabon hat so viel mehr zu bieten.
Alfama, das älteste Viertel der Stadt, mit seinen engen Gassen und den bunten Häusern. Hier hört man überall den melancholischen Gesang des Fado, der die Seele Portugals widerspiegelt. Ein Spaziergang durch Alfama ist wie eine Reise in die Vergangenheit. Man sollte sich einfach treiben lassen, die Atmosphäre genießen und sich von den Geräuschen und Gerüchen verzaubern lassen.
Belém, ein Stadtteil am Ufer des Tejo, mit seinen beeindruckenden Sehenswürdigkeiten wie dem Jerónimos-Kloster und dem Torre de Belém. Beide sind UNESCO-Weltkulturerbe und zeugen von Portugals glorreicher Vergangenheit als Seefahrernation. Unbedingt probieren sollte man hier die "Pastéis de Belém", die Originalversion der Pastel de Nata, die seit 1837 nach einem streng gehüteten Geheimrezept gebacken werden.
Die Straßenbahnlinie 28: Eine Fahrt mit der historischen Straßenbahnlinie 28 ist ein absolutes Muss für jeden Lissabon-Besucher. Die Tram schlängelt sich durch die engen Gassen der Altstadt, vorbei an den wichtigsten Sehenswürdigkeiten und bietet atemberaubende Ausblicke auf die Stadt. Allerdings sollte man sich auf lange Wartezeiten einstellen, besonders in der Hochsaison. Es lohnt sich aber, früh aufzustehen und die erste Tram zu nehmen.
Die Aussichtspunkte (Miradouros): Lissabon ist eine Stadt der Hügel, und das bedeutet, dass es überall wunderschöne Aussichtspunkte gibt. Mein Lieblings-Miradouro ist der Miradouro da Senhora do Monte, von dem aus man einen fantastischen Blick über die ganze Stadt hat. Besonders schön ist es hier bei Sonnenuntergang, wenn die Sonne die Dächer der Stadt in goldenes Licht taucht.
Mehr als nur Sightseeing: Eintauchen in die Kultur
Aber Lissabon ist mehr als nur Sehenswürdigkeiten. Es ist eine Stadt, die man mit allen Sinnen erleben muss.
Der Mercado da Ribeira ist ein riesiger Markt, auf dem man alles findet, von frischem Fisch und Gemüse bis hin zu traditionellen portugiesischen Gerichten. Hier kann man stundenlang bummeln, probieren und die lokale Atmosphäre genießen. Besonders empfehlenswert sind die kleinen Restaurants im Food Court, wo man köstliche portugiesische Spezialitäten zu günstigen Preisen bekommt.
Der Fado: Ein Besuch einer Fado-Vorstellung ist ein unvergessliches Erlebnis. Der Fado ist die traditionelle portugiesische Musik, ein melancholischer Gesang, der oft von Gitarren begleitet wird. Es gibt viele Fado-Häuser in Lissabon, besonders in Alfama, aber man sollte sich vorher informieren, welche empfehlenswert sind. Einige sind eher touristisch, während andere authentischer sind.
Die Street Art: Lissabon ist auch eine Stadt der Street Art. In einigen Vierteln, wie z.B. Bairro Alto, findet man an jeder Ecke beeindruckende Graffitis und Wandmalereien. Es lohnt sich, einen Spaziergang zu machen und die Kunstwerke zu entdecken. Es gibt sogar geführte Street-Art-Touren, bei denen man mehr über die Künstler und ihre Werke erfahren kann.
Die Freundlichkeit der Menschen: Was mir an Lissabon besonders gefällt, ist die Freundlichkeit der Menschen. Die Portugiesen sind unglaublich gastfreundlich und hilfsbereit. Sie sind immer bereit, einem Touristen den Weg zu erklären oder eine Empfehlung für ein gutes Restaurant zu geben. Diese Herzlichkeit macht Lissabon zu einem ganz besonderen Ort.
Was ich aus der Langeweile gelernt habe
Und was habe ich aus all dem gelernt? Dass Langeweile nicht unbedingt etwas Schlechtes ist. Sie kann ein Zeichen sein, dass man etwas ändern muss, dass man neue Wege gehen muss. Sie kann ein Anstoß sein, um sich selbst besser kennenzulernen und herauszufinden, was einem wirklich wichtig ist.
Ich habe gelernt, dass Reisen nicht nur bedeutet, schöne Orte zu sehen, sondern auch, sich selbst zu finden. Ich habe gelernt, dass Glück nicht von äußeren Umständen abhängt, sondern von der inneren Einstellung. Und ich habe gelernt, dass auch die "Alle hab'n nen Job, ich hab Langeweile"-Momente ihre Berechtigung haben. Sie sind Teil meiner Reise, Teil meines Lebens.
Also, wenn ihr das nächste Mal das Gefühl habt, dass euch langweilig ist, dann nehmt es als Chance. Eine Chance, etwas Neues auszuprobieren, etwas zu lernen, etwas zu verändern. Eine Chance, euer Leben bewusster zu gestalten und eure Träume zu verwirklichen. Vielleicht findet ihr ja auch euren Weg nach Lissabon. Oder in eine andere Stadt, die euch inspiriert und euch das Gefühl gibt, lebendig zu sein. Und vergesst nicht: Das Leben ist zu kurz für Langeweile!
Bleibt neugierig! Und vielleicht sehen wir uns ja mal auf der Straße, irgendwo in der Welt.
