Amy Tan Short Story Two Kinds
Amy Tans Kurzgeschichte "Two Kinds", erstmals veröffentlicht im Jahr 1989 im Sammelband "The Joy Luck Club", ist eine tiefgründige Erkundung der Mutter-Tochter-Beziehung, der Schwierigkeiten der kulturellen Anpassung und der Suche nach der eigenen Identität. Die Geschichte spielt im San Francisco der 1960er Jahre und dreht sich um Jing-mei Woo, die Tochter chinesischer Einwanderer, und ihre Mutter, die von Jing-mei schlicht "Mother" genannt wird. Die Erzählung ist aus der Ich-Perspektive von Jing-mei geschrieben, was dem Leser einen intimen Einblick in ihre Gedanken und Gefühle ermöglicht.
Die Suche nach dem amerikanischen Traum
Nachdem die Mutter alles in China verloren hat, einschliesslich ihres Zuhauses, ihrer Familie und ihrer ersten Zwillingstöchter, flieht sie nach Amerika, getrieben von dem unerschütterlichen Glauben an den amerikanischen Traum. Sie ist fest davon überzeugt, dass in Amerika alles möglich ist und dass auch ihre Tochter zu etwas Besonderem bestimmt ist. Dieser Glaube führt zu ihrem unermüdlichen Streben, Jing-mei in ein Wunderkind zu verwandeln. Die Mutter testet Jing-mei in verschiedenen Bereichen - von Schauspielerei und Gedächtnisleistungen bis hin zu Mathematik und Geografie. Sie liest ihr Artikel über Wunderkinder vor und drängt sie, Tests durchzuführen, in der Hoffnung, dass Jing-mei in einem dieser Bereiche herausragende Fähigkeiten zeigt.
Jing-mei, anfangs von der Idee fasziniert, etwas Besonderes zu sein, verliert jedoch schnell das Interesse und beginnt, sich gegen die Erwartungen ihrer Mutter aufzulehnen. Sie empfindet das ständige Testen und den Druck als erdrückend und entwickelt einen wachsenden Widerwillen gegen die Versuche ihrer Mutter, sie zu formen. Dieser Widerstand wird durch Jing-meis Wunsch nach individueller Freiheit und ihrer Sehnsucht, selbst zu bestimmen, wer sie sein möchte, noch verstärkt.
Der Klavierunterricht und der Wendepunkt
Der Wendepunkt in der Geschichte ist die Klavierstunde. Nachdem Jing-mei ein begabtes chinesisches Mädchen im Fernsehen Klavier spielen sieht, beschliesst ihre Mutter, dass Jing-mei Klavier lernen soll. Sie arrangiert Unterricht bei Mr. Chong, einem gehörlosen, pensionierten Klavierlehrer, der in der Wohnung unter ihnen wohnt. Aufgrund von Mr. Chongs Beeinträchtigung und Jing-meis mangelndem Engagement verläuft der Unterricht katastrophal. Jing-mei übt nicht, lernt nicht richtig und macht kaum Fortschritte. Dennoch meldet ihre Mutter sie für einen Talentwettbewerb an.
Der Auftritt beim Talentwettbewerb ist ein Desaster. Jing-mei spielt schrecklich und versagt vor Publikum. Die Erfahrung ist für beide demütigend, aber sie markiert auch den Höhepunkt des Konflikts zwischen Mutter und Tochter. Nach dem Auftritt kommt es zu einer heftigen Auseinandersetzung, in der Jing-mei ihrer Mutter Vorwürfe macht und ihr sagt, sie wünschte, sie wäre nicht ihre Tochter. Die Mutter erwidert, dass Jing-mei auch nicht ihre Tochter sein sollte. Diese Worte verletzen Jing-mei tief und führen zu einer langen Periode der Entfremdung.
Die Bedeutung des Titels "Two Kinds"
Der Titel "Two Kinds" bezieht sich auf zwei verschiedene Interpretationen, die beide zentral für die Geschichte sind. Einerseits verweist er auf die beiden Arten von Töchtern, von denen die Mutter in einem Streit mit Jing-mei spricht: "Only two kinds of daughters," she shouted in Chinese. "Those who are obedient and those who follow their own mind! Only one kind of daughter can live in this house. Obedient daughter!" Hier repräsentieren die "gehorsamen" Töchter die traditionellen chinesischen Werte von Respekt und Unterordnung gegenüber den Eltern, während die "eigenwilligen" Töchter die amerikanische Betonung auf Individualität und Selbstbestimmung verkörpern.
Andererseits bezieht sich der Titel auch auf die beiden Stücke, die Jing-mei auf dem Klavier lernt: "Pleading Child" und "Perfectly Contented". Nach dem Tod ihrer Mutter findet Jing-mei die Noten dieser beiden Stücke und stellt fest, dass sie zwei Hälften desselben Liedes sind. Diese Entdeckung deutet darauf hin, dass die scheinbar gegensätzlichen Eigenschaften von Gehorsam und Individualität miteinander verbunden und komplementär sind. Es ist eine Metapher für die komplexe Beziehung zwischen Mutter und Tochter und für Jing-meis eigene Suche nach Identität.
Versöhnung und Verständnis
Nach dem Tod der Mutter, viele Jahre nach dem desaströsen Talentwettbewerb, beginnt Jing-mei, ihre Mutter besser zu verstehen. Sie erkennt, dass die Mutter nicht nur aus Ehrgeiz handelte, sondern auch aus Liebe und dem Wunsch, Jing-mei vor den Schwierigkeiten des Lebens zu bewahren. Sie erkannte auch, dass ihre Mutter durch den Verlust ihrer Familie in China traumatisiert war und dass ihr Wunsch, Jing-mei zu einem Wunderkind zu machen, auch ein Versuch war, etwas von dem zurückzugewinnen, was sie verloren hatte.
Der Besuch in China, den Jing-mei nach dem Tod ihrer Mutter unternimmt, um ihre Halbschwestern zu treffen, ist ein wichtiger Schritt zur Versöhnung. Die Begegnung mit ihren Schwestern, die ihrer Mutter sehr ähnlich sehen, ermöglicht es Jing-mei, ein tieferes Verständnis für ihre Mutter und ihre eigene Identität zu entwickeln. Sie erkennt, dass sie ein Teil von etwas Grösserem ist, eine Verbindung zu ihrer chinesischen Herkunft und zu ihrer Familie. Diese Reise hilft ihr, die Vergangenheit zu akzeptieren und Frieden mit dem zu schliessen, was war.
Kulturelle Identität und die Schwierigkeiten der Einwanderung
"Two Kinds" thematisiert auch die Schwierigkeiten der kulturellen Anpassung und die Herausforderungen, die sich für Einwandererfamilien ergeben. Die Mutter, die in einer traditionell chinesischen Kultur aufgewachsen ist, versucht, ihre Werte und Erwartungen in die amerikanische Kultur zu übertragen. Dies führt zu Konflikten mit Jing-mei, die in Amerika aufwächst und sich stärker mit amerikanischen Werten wie Individualität und Selbstbestimmung identifiziert.
Die Geschichte zeigt, wie schwierig es für Einwanderer sein kann, ihre kulturelle Identität zu bewahren und gleichzeitig sich in einer neuen Umgebung zu integrieren. Die Mutter versucht, Jing-mei ihre chinesische Kultur nahezubringen, aber Jing-mei wehrt sich dagegen, weil sie sich als Amerikanerin sieht. Diese Spannung zwischen den beiden Kulturen ist ein zentrales Thema der Geschichte und spiegelt die Erfahrungen vieler Einwandererfamilien wider.
Die Bedeutung der Kommunikation
Ein weiteres wichtiges Thema in "Two Kinds" ist die Bedeutung der Kommunikation. Der Mangel an offener und ehrlicher Kommunikation zwischen Mutter und Tochter führt zu Missverständnissen und Konflikten. Die Mutter ist nicht in der Lage, Jing-mei ihre Beweggründe und Wünsche klar zu vermitteln, und Jing-mei ist nicht in der Lage, ihrer Mutter ihre Gefühle und Bedürfnisse auszudrücken. Dieser Mangel an Kommunikation führt zu einer Entfremdung, die jahrelang andauert.
Die Geschichte unterstreicht, wie wichtig es ist, dass Eltern und Kinder miteinander reden und sich gegenseitig zuhören. Nur durch offene Kommunikation können Missverständnisse ausgeräumt und Beziehungen gestärkt werden. Die Versöhnung zwischen Jing-mei und ihrer Mutter, wenn auch erst nach dem Tod der Mutter, ist ein Beweis für die heilende Kraft der Kommunikation und des Verständnisses.
Zusammenfassend
Amy Tans "Two Kinds" ist eine vielschichtige und bewegende Geschichte, die viele wichtige Themen behandelt. Sie erzählt von der komplexen Beziehung zwischen Mutter und Tochter, der Suche nach Identität, den Schwierigkeiten der kulturellen Anpassung und der Bedeutung der Kommunikation. Die Geschichte ist besonders relevant für Expats und Neuankömmlinge, die ähnliche Herausforderungen in ihrem eigenen Leben erfahren haben mögen. Durch die ehrliche und einfühlsame Darstellung der Charaktere und ihrer Konflikte bietet "Two Kinds" einen wertvollen Einblick in die menschliche Erfahrung und die Kraft der Versöhnung. Die Geschichte ermutigt den Leser, über seine eigenen Beziehungen nachzudenken und die Bedeutung von Verständnis, Kommunikation und Akzeptanz zu erkennen.
