An Was Glauben Die Yeziden
Die Yeziden sind eine religiöse und ethnische Minderheit, die hauptsächlich in Irakisch-Kurdistan, aber auch in Syrien, der Türkei und im Kaukasus beheimatet ist. Ihre Religion, der Yezidismus, ist eine synkretistische Religion, die Elemente aus dem Zoroastrismus, dem Islam, dem Christentum und anderen lokalen Glaubensvorstellungen vereint. Für Außenstehende ist der Yezidismus oft schwer zu verstehen, da viele Aspekte des Glaubens mündlich überliefert werden und die Religion lange Zeit auf Geheimhaltung ausgelegt war, um die Gemeinschaft vor Verfolgung zu schützen.
Die Grundlagen des yezidischen Glaubens
Im Zentrum des yezidischen Glaubens steht ein einziger Gott, Xwedê, der Schöpfer des Universums. Xwedê ist allmächtig und allwissend, aber er hat die Welt und das Leben der Menschen sieben heiligen Wesen, den Engel, anvertraut. Diese Engel sind Emanationen Gottes und dienen als Vermittler zwischen Gott und der Welt.
Melek Taus: Der Pfauenengel
Der wichtigste dieser Engel ist Melek Taus, der Pfauenengel. Er ist der Anführer der Engel und gilt als Repräsentant Gottes auf Erden. Melek Taus ist eine kontroverse Figur, da er oft mit dem gefallenen Engel Lucifer aus dem Christentum und dem Islam verwechselt wird. Dies beruht auf einer Fehlinterpretation der yezidischen Theologie, die Melek Taus nicht als böse, sondern als von Gott geprüft und geläutert ansieht.
Yeziden glauben, dass Melek Taus einst von Gott auf die Probe gestellt wurde, indem er befehlen sollte, sich vor Adam, dem ersten Menschen, zu verbeugen. Melek Taus weigerte sich, da er sich nur vor Gott verbeugen würde. Diese Weigerung wurde von Gott als Beweis für seine Treue und seinen Gehorsam gegenüber dem göttlichen Willen angesehen, und er wurde zum Anführer der Engel ernannt. Im Yezidismus wird Melek Taus also als Symbol für Gehorsam, Weisheit und Macht verehrt.
Die Sieben Engel
Neben Melek Taus verehren die Yeziden sechs weitere wichtige Engel, die zusammen mit Melek Taus die sieben heiligen Wesen bilden. Diese Engel haben jeweils spezifische Aufgaben und Verantwortlichkeiten. Ihre Namen sind:
- Ezra'il: Der Engel des Todes.
- Jibrail: Der Engel der Offenbarung, vergleichbar mit dem Erzengel Gabriel.
- Mikail: Der Engel der Natur und des Überflusses, vergleichbar mit dem Erzengel Michael.
- Derdail: Ein Engel, der für die Gesundheit und das Wohlergehen der Menschen verantwortlich ist.
- Shamnail: Ein Engel, der für die Liebe und die Harmonie verantwortlich ist.
- Nura'il: Ein Engel, der für das Licht und die Erkenntnis verantwortlich ist.
Diese Engel werden in Gebeten und Ritualen angerufen und spielen eine wichtige Rolle im yezidischen Glaubenssystem.
Kosmologie und Reinkarnation
Die yezidische Kosmologie geht von einer zyklischen Weltanschauung aus. Sie glauben an die Reinkarnation der Seelen. Nach dem Tod eines Menschen wandert die Seele in einen anderen Körper, entweder in einen menschlichen oder einen tierischen. Der Zyklus der Reinkarnationen wird fortgesetzt, bis die Seele sich geläutert hat und mit Gott vereint werden kann. Die Qualität des nächsten Lebens hängt von den Taten im vorherigen Leben ab.
Die Yeziden glauben an eine Unterscheidung zwischen reinen und unreinen Seelen. Reine Seelen, die ein gutes Leben geführt haben, werden in höhere Sphären wiedergeboren, während unreine Seelen, die ein sündiges Leben geführt haben, in niedere Sphären oder in Tiere wiedergeboren werden können.
Rituale und Praktiken
Der Yezidismus beinhaltet eine Reihe von Ritualen und Praktiken, die eng mit dem täglichen Leben der Yeziden verbunden sind. Einige der wichtigsten Rituale sind:
- Tawûsgeran: Ein jährliches Fest, bei dem die Tawûs, die heiligen Pfauenfiguren, in die Dörfer gebracht werden. Die Tawûs sind Symbole für Melek Taus und werden von den Yeziden mit großer Ehrfurcht behandelt.
- Das Beschneidungsritual: Obwohl der Yezidismus Elemente aus dem Islam enthält, ist die Beschneidung männlicher Kinder kein obligatorischer Ritus, wird aber in manchen Gemeinschaften praktiziert.
- Heilige Stätten: Die Yeziden verehren eine Reihe von heiligen Stätten, darunter das Lalisch-Tal im Irak, das als das wichtigste Heiligtum des Yezidismus gilt. Das Lalisch-Tal beherbergt die Gräber vieler heiliger Figuren und ist ein Wallfahrtsort für Yeziden aus aller Welt.
- Gebete: Yeziden beten täglich, meistens in Richtung der Sonne. Die Gebete beinhalten oft das Anrufen der Engel und das Bitten um ihren Schutz und Segen.
- Fasten: Die Yeziden fasten während bestimmter religiöser Feiertage. Das Fasten beinhaltet den Verzicht auf Essen, Trinken und andere weltliche Freuden.
- Pilgerfahrten: Eine Pilgerfahrt nach Lalisch mindestens einmal im Leben ist für jeden Yeziden erstrebenswert.
Soziale Struktur und Kastenwesen
Die yezidische Gesellschaft ist in ein strenges Kastenwesen gegliedert. Es gibt drei Hauptkasten:
- Scheichs: Die Scheichs sind die religiösen Führer der Yeziden. Sie sind für die Durchführung religiöser Zeremonien und die Bewahrung der religiösen Traditionen verantwortlich.
- Pirs: Die Pirs sind ebenfalls religiöse Führer, die den Scheichs untergeordnet sind. Sie dienen als spirituelle Mentoren und Berater für die Yeziden.
- Muriden: Die Muriden sind die Laien der yezidischen Gesellschaft. Sie bilden die Mehrheit der yezidischen Bevölkerung und unterliegen der Führung der Scheichs und Pirs.
Die Ehe zwischen Mitgliedern verschiedener Kasten ist verboten. Die Kastenstruktur ist erblich, und die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Kaste wird von Generation zu Generation weitergegeben. Diese starre soziale Struktur hat in der Vergangenheit zur Isolation der Yeziden beigetragen und ihre Integration in die Mehrheitsgesellschaft erschwert.
Geheimhaltung und Verfolgung
Aufgrund der wiederholten Verfolgung in der Vergangenheit haben die Yeziden eine Politik der Geheimhaltung entwickelt, um ihre Religion und ihre Traditionen zu schützen. Viele Aspekte des yezidischen Glaubens werden mündlich überliefert und sind Außenstehenden nicht zugänglich. Diese Geheimhaltung hat zu vielen Missverständnissen und falschen Darstellungen des Yezidismus geführt.
Die Yeziden wurden im Laufe der Geschichte immer wieder verfolgt, insbesondere von muslimischen Extremisten, die sie als "Teufelsanbeter" diffamierten. Die Verfolgung gipfelte im Genozid durch den Islamischen Staat (IS) im Jahr 2014, bei dem Tausende von Yeziden getötet, versklavt oder zur Flucht gezwungen wurden. Dieser Genozid hat die yezidische Gemeinschaft tief traumatisiert und zu einer Massenflucht in andere Länder geführt.
Der Yezidismus heute
Trotz der Verfolgung und der Herausforderungen, vor denen sie stehen, haben die Yeziden ihren Glauben und ihre Identität bewahrt. In den letzten Jahren gab es Bemühungen, den Yezidismus zu dokumentieren und zu bewahren, um ihn für zukünftige Generationen zu sichern. Die yezidische Diaspora hat sich in vielen Ländern etabliert und trägt zur Bewahrung und Weiterentwicklung der yezidischen Kultur und Religion bei.
Die Yeziden kämpfen weiterhin für ihre Rechte und ihre Anerkennung als religiöse Minderheit. Sie fordern Gerechtigkeit für die Verbrechen, die gegen sie begangen wurden, und setzen sich für den Schutz ihrer heiligen Stätten und ihrer kulturellen Erbes ein. Trotz der Schwierigkeiten bewahren die Yeziden ihren Glauben und ihre Hoffnung auf eine bessere Zukunft.
Zusammenfassend lässt sich sagen:
Der Yezidismus ist eine einzigartige und komplexe Religion, die auf einer reichen mündlichen Tradition und einem tiefen Glauben an einen einzigen Gott und seine sieben heiligen Engel basiert. Melek Taus, der Pfauenengel, spielt eine zentrale Rolle im yezidischen Glauben und wird nicht als Teufel, sondern als Repräsentant Gottes verehrt. Die Yeziden glauben an die Reinkarnation der Seelen und streben nach einem Leben in Reinheit und Harmonie mit der Natur. Trotz der Verfolgung und der Herausforderungen, vor denen sie stehen, haben die Yeziden ihren Glauben und ihre Identität bewahrt und kämpfen weiterhin für ihre Rechte und ihre Anerkennung.
