Besuch Der Alten Dame Zusammenfassung
Friedrich Dürrenmatts Tragikomödie Der Besuch der alten Dame ist ein vielschichtiges Werk, das Themen wie Rache, Gerechtigkeit, Korruption und die Macht des Geldes behandelt. Die folgende Zusammenfassung soll Ihnen helfen, die komplexen Handlungsstränge und die zugrundeliegenden Motive des Stücks besser zu verstehen.
Handlung in Kürze
Die Geschichte spielt in dem heruntergekommenen Städtchen Güllen, das einst wohlhabend war, aber nun wirtschaftlich am Boden liegt. Hoffnung keimt auf, als die Milliardärin Claire Zachanassian, gebürtig aus Güllen, einen Besuch ankündigt. Die Bewohner erhoffen sich finanzielle Unterstützung und bereiten ihr einen festlichen Empfang.
Claire Zachanassian bietet der Stadt tatsächlich eine Milliarde Franken an, jedoch unter einer Bedingung: Alfred Ill, ein angesehener Bürger und ehemaliger Liebhaber Claires, muss sterben. Vor vielen Jahren hatte Ill Claire geschwängert und dann vor Gericht geleugnet, der Vater des Kindes zu sein. Zwei falsche Zeugen, die er bestochen hatte, bestätigten seine Version. Claire wurde gedemütigt und aus der Stadt getrieben.
Obwohl die Güllener zunächst empört auf Claires Angebot reagieren und beteuern, dass Moral und Gerechtigkeit über Geld stehen, beginnt sich die Stimmung allmählich zu ändern. Die Bürger nehmen Kredite auf, kaufen teure Konsumgüter und warten ungeduldig auf den versprochenen Reichtum. Der Druck auf Ill wächst stetig, und er erkennt, dass sein Leben in Gefahr ist.
Schließlich wird Ill von der Gemeinschaft getötet, und die Stadt erhält das versprochene Geld. Der Mord wird als tragischer Unfall dargestellt, und Claire Zachanassian verlässt Güllen mit Ills Leiche.
Detaillierte Zusammenfassung
Akt 1: Die Ankunft und das Angebot
Der erste Akt führt uns in die trostlose Atmosphäre von Güllen ein. Die Stadt ist bankrott, die Fabriken sind geschlossen, und die Arbeitslosigkeit ist hoch. Die Ankunft von Claire Zachanassian, einer steinreichen Witwe, wird als letzte Rettung gesehen. Bürgermeister, Lehrer und Pfarrer empfangen sie am Bahnhof in der Hoffnung auf eine großzügige Spende.
Claire Zachanassian, begleitet von ihrem Gefolge aus Dienern und einem Sarg, präsentiert ihr Angebot: Eine Milliarde für Güllen, aber nur wenn Alfred Ill getötet wird. Sie enthüllt, dass Ill sie vor Jahren betrogen hat, indem er die Vaterschaft leugnete und falsche Zeugen bestach. Diese Zeugen, Boby und Roby, sind nun kastriert und blind in ihrem Dienst. Claire hat ihr Leben der Rache verschrieben und ist entschlossen, Gerechtigkeit zu üben.
Die Güllener reagieren mit Entsetzen und Ablehnung. Der Bürgermeister betont, dass Güllen eine Stadt mit Anstand und Moral sei und dass Geld nicht alles sei. Ill selbst beteuert seine Unschuld und hofft auf den Schutz seiner Mitbürger.
Akt 2: Der schleichende Wandel
Im zweiten Akt beobachtet der Zuschauer, wie sich die Stimmung in Güllen langsam verändert. Obwohl die Bewohner Ill zunächst versichern, dass sie ihn nicht ausliefern werden, beginnen sie, sich teure Dinge zu kaufen – neue Schuhe, Radios, sogar Autos. Sie nehmen Kredite auf und spekulieren auf den bevorstehenden Reichtum.
Ill wird zunehmend isoliert und von seinen Mitbürgern gemieden. Er spürt, wie sich der Kreis um ihn schließt. Er sucht Hilfe beim Polizisten, beim Bürgermeister und beim Pfarrer, aber niemand ist bereit, ihn zu schützen. Sie alle sind von der Aussicht auf Reichtum geblendet.
Ein besonders bezeichnendes Detail ist der gelbe Farbeimer im Laden von Ill. Zuerst leugnet er, dass er teurer geworden ist, dann gibt er es widerwillig zu. Dieses kleine Detail symbolisiert den beginnenden moralischen Verfall in Güllen.
Ill erkennt schließlich, dass er keine Chance hat zu entkommen und dass sein Tod unausweichlich ist. Er akzeptiert sein Schicksal und bereitet sich darauf vor.
Akt 3: Die Hinrichtung und die Auszahlung
Im dritten Akt erreicht die Spannung ihren Höhepunkt. Die Güllener versammeln sich zu einer Bürgerversammlung, angeblich um über Claires Angebot zu entscheiden. In Wirklichkeit ist die Entscheidung längst gefallen.
Ill wird von den Güllenern in den Wald gelockt und dort getötet. Der Mord wird als Herzinfarkt inszeniert, um den Anschein eines natürlichen Todes zu erwecken. Ein Arzt bestätigt den Tod und bescheinigt, dass Ill an Herzversagen gestorben sei.
Claire Zachanassian akzeptiert Ills Leiche und übergibt der Stadt den Scheck über eine Milliarde Franken. Sie betont, dass sie Gerechtigkeit erhalten hat und dass ihr Racheakt vollendet ist.
Die Güllener jubeln über ihren neugewonnenen Reichtum, während Claire mit Ills Leiche Güllen verlässt. Das Stück endet mit einem bitteren Nachgeschmack und der Frage nach der wahren Bedeutung von Gerechtigkeit und Moral.
Wichtige Themen und Motive
- Rache: Claire Zachanassian ist von dem unbändigen Wunsch nach Rache getrieben. Sie kehrt nach Güllen zurück, um sich für die Demütigung und das Leid zu rächen, das ihr von Alfred Ill angetan wurde.
- Geld und Korruption: Das Geld ist das zentrale Motiv des Stücks. Es korrumpiert die Moral der Güllener und führt dazu, dass sie bereit sind, einen Mord zu begehen, um ihren wirtschaftlichen Ruin abzuwenden.
- Gerechtigkeit: Die Frage nach der Gerechtigkeit wird im gesamten Stück aufgeworfen. Claire Zachanassian sieht ihren Racheakt als Gerechtigkeit, während die Güllener ihre Tat als notwendiges Übel rechtfertigen. Die eigentliche Frage ist jedoch, ob Geld jemals Gerechtigkeit kaufen kann.
- Schuld und Verantwortung: Alfred Ill trägt eine große Schuld an Claires Leid. Er hat sie betrogen und gedemütigt, und er muss letztendlich die Konsequenzen seiner Taten tragen. Auch die Güllener tragen eine Schuld, da sie durch ihre Untätigkeit und ihre Gier den Mord an Ill ermöglichen.
- Verfall: Der Verfall von Güllen ist nicht nur wirtschaftlicher, sondern auch moralischer Natur. Die Stadt ist ein Spiegelbild der korrumpierenden Macht des Geldes und des Verlusts von Werten.
Charakteranalyse
Claire Zachanassian
Claire ist eine faszinierende und komplexe Figur. Sie ist eine Milliardärin, die durch ihr Vermögen eine enorme Macht besitzt. Sie ist rücksichtslos, unbarmherzig und fest entschlossen, ihre Rache zu vollziehen. Gleichzeitig ist sie auch eine tragische Figur, die von ihrem Schicksal gezeichnet ist.
Alfred Ill
Alfred Ill ist ein einst angesehener Bürger, der in Ungnade gefallen ist. Er ist ein Opportunist, der in seiner Jugend einen Fehler begangen hat, der ihn nun einholt. Er versucht zunächst, sich gegen Claires Rache zu wehren, erkennt aber schließlich sein Schicksal und akzeptiert es.
Die Güllener
Die Güllener sind ein Spiegelbild der menschlichen Natur. Sie sind anfällig für Gier, Korruption und Gruppenzwang. Sie sind bereit, ihre Moral und ihre Werte zu opfern, um ihren eigenen Vorteil zu wahren. Sie verkörpern die Gefahr des blinden Opportunismus.
Interpretation
Der Besuch der alten Dame ist ein zeitloses Stück, das auch heute noch relevant ist. Es warnt vor der korrumpierenden Macht des Geldes und der Gefahr des Verlusts von Werten. Es stellt die Frage, was wichtiger ist: Moral oder wirtschaftlicher Wohlstand? Und es zeigt, wie leicht Menschen dazu gebracht werden können, unmoralische Taten zu begehen, wenn sie von der Aussicht auf Reichtum geblendet sind.
Das Stück kann auch als Kritik an der Konsumgesellschaft und der Oberflächlichkeit der modernen Welt interpretiert werden. Die Güllener sind bereit, alles für Geld zu tun, auch einen Mord. Sie sind besessen von materiellen Gütern und haben ihre moralischen Werte vergessen. Die Tragikomödie zeigt die Abgründe der menschlichen Natur, wenn Geld und Gier die Oberhand gewinnen.
Fazit
Der Besuch der alten Dame ist ein komplexes und vielschichtiges Stück, das zum Nachdenken anregt. Es ist eine Tragikomödie, die uns mit einem bitteren Nachgeschmack zurücklässt und uns dazu auffordert, unsere eigenen Werte und Prioritäten zu hinterfragen. Die Lektüre lohnt sich, um die tiefgründigen Themen und die eindringlichen Charaktere zu entdecken.
