Bist Du Sauer Auf Mich
Ach, Deutschland! Das Land der Bratwurst, des Bieres und der endlosen Autobahnen. Ich hatte mir so viel von meiner Reise hierher erhofft, von mittelalterlichen Burgen bis hin zu pulsierenden Metropolen. Und zum größten Teil hat Deutschland auch geliefert. Aber es gab da diesen einen Moment, diesen einen Satz, der mir immer wieder im Kopf herumspukte: "Bist du sauer auf mich?"
Die Reise begann so vielversprechend. Ich hatte mir einen kleinen, aber schnuckeligen VW gemietet und war von München aus in Richtung Norden aufgebrochen. Die bayerische Landschaft entzückte mich mit ihren sanften Hügeln, den malerischen Dörfern und den Kühen, die friedlich auf den grünen Weiden grasten. Ich verbrachte Stunden in Museen, bewunderte die Architektur und aß mehr Brezeln, als ich zugeben möchte. Ich fühlte mich wirklich angekommen, als Teil des Ganzen.
Eines Tages, ich befand mich gerade in Heidelberg, der Stadt der Romantik, wie sie so schön heißt, wollte ich einen Ausflug zum Heidelberger Schloss machen. Ich hatte mich auf das Schloss gefreut, die Geschichten über die Kurfürsten und die Zerstörung im Pfälzischen Erbfolgekrieg im Kopf. Ich stand also an der Bushaltestelle und wartete. Die Sonne schien, ein leichter Wind wehte, und alles schien perfekt. Dann kam der Bus.
Ich stieg ein und wollte dem Busfahrer mein Ticket zeigen, das ich bereits online gekauft hatte. Hier begann das Problem. Ich hatte vergessen, das Ticket vorab zu entwerten. Es war ein digitaler Fahrschein mit einem QR-Code, aber eben noch nicht aktiviert. Der Busfahrer, ein Mann mit einem beeindruckenden Schnauzbart und einem noch beeindruckenderen Blick, sah mich an, als hätte ich ihm gerade das letzte Stück Kuchen vor der Nase weggegessen. "Das geht so nicht!", donnerte er.
Ich versuchte, ihm zu erklären, dass ich es sofort entwerten könnte, dass ich es nur vergessen hatte. Aber er war unerbittlich. Er redete schnell, mit einem Akzent, den ich nur schwer verstand, und ich spürte, wie meine Wangen rot wurden. Um mich herum begannen die anderen Fahrgäste zu tuscheln. Ich fühlte mich wie ein Idiot, ein typischer Tourist, der alles falsch machte. Endlich, nachdem ich ihm mehrmals mein Anliegen erklärt hatte, willigte er ein, dass ich das Ticket sofort entwerten durfte, jedoch mit einem strengen Blick.
Ich setzte mich auf einen Platz und versuchte, mich zu beruhigen. Mein Herz raste, und ich fühlte mich elend. Ich murmelte eine Entschuldigung, "Entschuldigung,", leise vor mich hin. Da hörte ich eine Stimme neben mir. Eine ältere Dame, die direkt neben mir saß, lächelte mich freundlich an. Sie hatte alles mitbekommen.
"Kein Problem, mein Lieber," sagte sie auf Englisch. "Das passiert jedem mal. Die Deutschen sind manchmal etwas... direkt." Sie lachte leise. "Aber sie meinen es nicht böse."
Ich lächelte zurück, dankbar für ihre Freundlichkeit. Wir kamen ins Gespräch, und sie erzählte mir von ihrem Leben in Heidelberg, von ihren Enkelkindern und von den Veränderungen, die sie in der Stadt erlebt hatte. Sie war so warmherzig und einladend, dass ich mich sofort besser fühlte. Als wir am Schloss ankamen, verabschiedeten wir uns herzlich.
Dennoch, der Vorfall mit dem Busfahrer hatte einen kleinen Schatten auf meinen Tag geworfen. Ich genoss zwar die Schönheit des Schlosses und die atemberaubende Aussicht auf die Stadt, aber der Gedanke an seine Strenge ließ mich nicht los. Am Abend traf ich mich mit einem Freund, einem deutschen Kollegen, den ich von einem früheren Projekt kannte, in einem traditionellen Heidelberger Restaurant. Ich erzählte ihm von meinem Erlebnis im Bus.
Er hörte aufmerksam zu und nickte dann nachdenklich. "Ja," sagte er, "das kann schon mal passieren. Deutsche sind sehr genau, wenn es um Regeln geht. Und öffentliche Verkehrsmittel sind da keine Ausnahme."
Ich fragte ihn, ob er denn auch so streng wäre. Er lachte. "Nicht immer," sagte er. "Aber ich verstehe, warum der Busfahrer so reagiert hat. Es ist einfach wichtig, dass alle die Regeln befolgen."
Dann, ganz plötzlich, fragte er mich: "Bist du sauer auf mich?" Ich war völlig überrascht. Wo kam das denn jetzt her? Ich hatte ihm doch nichts vorgeworfen!
"Nein, natürlich nicht!", antwortete ich. "Warum sollte ich sauer auf dich sein?"
Er zögerte kurz. "Ich weiß auch nicht," sagte er dann. "Aber manchmal habe ich das Gefühl, dass Ausländer denken, dass wir Deutschen alle so sind wie der Busfahrer. Streng, unfreundlich und unnachgiebig. Und ich will nicht, dass du das denkst."
In diesem Moment verstand ich, woher seine Frage kam. Es war nicht so, dass er dachte, ich wäre sauer *auf ihn* persönlich. Er hatte Angst, dass ich sauer auf "die Deutschen", auf ein ganzes Land voller Menschen, wegen der Erfahrung mit dem Busfahrer sein könnte. Er wollte sicherstellen, dass ich meine Erfahrung nicht verallgemeinern würde.
Ich versicherte ihm, dass ich das nicht tat. Ich erklärte ihm, dass ich wusste, dass jeder Mensch anders ist und dass ich gelernt hatte, dass es überall auf der Welt freundliche und weniger freundliche Menschen gibt. Ich erzählte ihm von der netten älteren Dame im Bus und von all den anderen positiven Erfahrungen, die ich in Deutschland gemacht hatte.
Wir redeten noch lange, und ich lernte viel über die deutsche Kultur und Mentalität. Ich verstand, dass es wichtig ist, die Dinge aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten und dass man nicht voreilig urteilen sollte.
Die Frage "Bist du sauer auf mich?" ist seitdem zu einer Art Insider-Witz zwischen meinem deutschen Freund und mir geworden. Jedes Mal, wenn ich Deutschland besuche, fragen wir uns gegenseitig, ob wir sauer aufeinander sind. Aber es ist mehr als nur ein Witz. Es ist eine Erinnerung daran, dass interkulturelle Kommunikation manchmal schwierig sein kann, aber dass es sich lohnt, sich die Zeit zu nehmen, einander zu verstehen.
Und was Deutschland angeht? Ich bin immer noch begeistert von diesem Land. Ja, es gibt Regeln und Vorschriften, und ja, manche Menschen sind etwas direkter als andere. Aber es gibt auch so viel Schönheit, Geschichte, Kultur und Freundlichkeit zu entdecken. Man muss sich nur darauf einlassen und bereit sein, über den Tellerrand hinauszuschauen. Und vielleicht, nur vielleicht, wird man auch mal gefragt: "Bist du sauer auf mich?"
Meine Empfehlung: Lass dich nicht von einzelnen negativen Erfahrungen entmutigen. Deutschland hat so viel zu bieten! Sei offen für neue Begegnungen, lerne die Sprache (auch wenn es nur ein paar Wörter sind), und sei bereit, auch mal über dich selbst zu lachen. Und wenn dich jemand fragt, ob du sauer bist, dann antworte einfach mit einem Lächeln und sag: "Nein, ich bin nicht sauer. Ich lerne gerade Deutschland kennen."
Und noch ein Tipp: Entwerte dein Ticket im Bus bevor du dich hinsetzt! 😉
