Charaktere In Der Zerbrochene Krug 1937
Hallo ihr Lieben,
gerade zurück von einer meiner vielen Reisen, möchte ich euch heute von einem ganz besonderen Ort erzählen, der mir besonders ans Herz gewachsen ist: ein kleines, unscheinbares Theaterstück, das jedoch voller Leben, Intrigen und skurriler Charaktere steckt. Ich spreche von Heinrich von Kleists Der zerbrochne Krug, genauer gesagt, von der Inszenierung aus dem Jahr 1937. Ich weiß, ein Theaterstück von 1808, inszeniert in den 30er Jahren – klingt vielleicht erstmal staubig, aber glaubt mir, es lohnt sich, genauer hinzusehen!
Lasst mich euch mitnehmen auf eine kleine Zeitreise, in eine Zeit, in der die Welt sich gerade dramatisch veränderte und in der Kunst und Kultur trotzdem ihren Platz behaupteten. Die Inszenierung von 1937 ist natürlich kein reiner Abklatsch des Originals, sondern spiegelt auch die damalige Zeit wider. Aber im Kern bleiben die Charaktere und ihre Eigenarten, die Kleist so meisterhaft gezeichnet hat, erhalten. Und genau diese möchte ich euch jetzt vorstellen, so, wie ich sie in Erinnerung habe – lebendig, menschlich und voller Fehler.
Richter Adam: Mehr Schurke als Held?
Fangen wir mit dem Richter Adam an. Oh, Adam… Was für ein Mann! Auf den ersten Blick ein ehrenwerter Richter, der das Recht vertreten soll. Aber hinter dieser Fassade verbirgt sich ein wahrer Schlitzohr. Er ist korrupt, eitel und versucht, seine eigenen Verfehlungen mit allen Mitteln zu vertuschen. Kleists Adam ist ein Meister der Ausflüchte, der Lügen und der Manipulation. Er verdreht Tatsachen, schreckt nicht vor Bestechung zurück und versucht, seine eigene Schuld auf andere abzuwälzen.
Ich erinnere mich noch genau, wie der Schauspieler in der Inszenierung von 1937 ihn dargestellt hat. Nicht als den klassischen Bösewicht, sondern als einen durchaus sympathischen Gauner. Mit einem Augenzwinkern, einem verschmitzten Lächeln und einer unglaublichen Eloquenz, die einen fast vergessen ließ, dass er gerade das Recht beugt. Gerade diese Ambivalenz macht den Charakter des Adam so faszinierend und zeitlos. Man hasst ihn, aber gleichzeitig amüsiert man sich über seine dreisten Versuche, aus der Misere herauszukommen.
"Ich bin der Richter, und ich kann machen, was ich will!" – Dieser Satz, den Adam in der Aufführung mehrmals ausspricht, hallt mir immer noch im Ohr. Er verkörpert perfekt seine Machtbesessenheit und seine Arroganz.
Marthe Rull: Die Mutter mit Herz und Stolz
Als nächstes haben wir Marthe Rull, die Mutter von Eve. Sie ist eine einfache Frau, aber mit einem starken Gerechtigkeitssinn und einem unerschütterlichen Glauben an die Unschuld ihrer Tochter. Sie kämpft wie eine Löwin für ihr Kind und lässt sich von niemandem einschüchtern – auch nicht vom korrupten Richter Adam. Marthe ist eine beeindruckende Figur, die trotz ihrer einfachen Herkunft eine unglaubliche Stärke und Würde besitzt.
In der Inszenierung von 1937 wurde Marthe Rull von einer Schauspielerin dargestellt, die ihr eine unglaubliche Wärme und Menschlichkeit verlieh. Man spürte ihre Angst um ihre Tochter, aber auch ihren Stolz und ihre Entschlossenheit. Sie war das moralische Gewissen des Stücks, der Gegenpol zu Adams Korruption und Machtmissbrauch. Ihre Szenen waren oft die emotionalsten und berührendsten der gesamten Aufführung.
Eve: Opfer oder Mitwisserin?
Dann ist da Eve, die Tochter von Marthe. Sie ist die eigentliche Auslöserin des ganzen Dramas. Sie ist jung, unschuldig und angeblich Opfer eines Überfalls. Aber je mehr die Wahrheit ans Licht kommt, desto unsicherer wird man sich, ob sie wirklich so unschuldig ist, wie sie vorgibt. Eve ist eine komplexe Figur, die zwischen Unschuld und Schuld, zwischen Wahrheit und Lüge hin- und hergerissen ist.
Die Eve in der Inszenierung von 1937 war ein wahres Rätsel. Sie wirkte zerbrechlich und verängstigt, aber gleichzeitig spürte man eine gewisse Geheimnis um sie herum. War sie wirklich ein Opfer, oder spielte sie nur eine Rolle? Diese Frage blieb bis zum Schluss offen und trug maßgeblich zur Spannung des Stücks bei.
Licht: Der Schreiber mit dem scharfen Verstand
Nicht zu vergessen Licht, der Gerichtsrat. Er ist jung, ehrgeizig und möchte eigentlich nur seine Arbeit richtig machen. Er ist derjenige, der die Ungereimtheiten in Adams Aussagen bemerkt und versucht, die Wahrheit ans Licht zu bringen. Licht ist quasi der Gegenpart zu Adam – er verkörpert die Hoffnung auf Gerechtigkeit und Rechtsstaatlichkeit.
In der Aufführung von 1937 wurde Licht als ein idealistischer junger Mann dargestellt, der voller Tatendrang ist. Er ist ein bisschen naiv, aber er lernt schnell und lässt sich nicht von Adams Machtspielchen einschüchtern. Seine Figur erinnert daran, dass es immer Menschen gibt, die sich für Gerechtigkeit einsetzen, auch wenn die Umstände schwierig sind.
Weitere wichtige Figuren
Neben diesen Hauptfiguren gibt es natürlich noch weitere wichtige Charaktere, die das Stück bereichern:
- Walter, der Dorfrichter, der von außen kommt und die Untersuchung leitet. Er ist ein wenig schwerfällig, aber letztendlich gerecht.
- Ruprecht, der Verlobte von Eve, der eifersüchtig und wütend ist, aber auch um seine Liebste kämpft.
- Brigitte, die Magd, die einiges mitbekommt und deren Aussagen zur Aufklärung beitragen.
Jeder dieser Charaktere trägt auf seine Weise zur Vielschichtigkeit und zum Reiz des Stücks bei. Sie alle sind menschlich, mit Fehlern und Stärken, mit guten und schlechten Seiten. Und gerade diese Komplexität macht sie so lebendig und interessant.
Die Inszenierung von 1937 hat es geschafft, diese Charaktere auf eine Weise zum Leben zu erwecken, die mich bis heute beeindruckt. Es war nicht nur eine Wiedergabe des Textes, sondern eine Interpretation, die die zeitlosen Themen des Stücks – Machtmissbrauch, Korruption, Gerechtigkeit und Wahrheit – auf eine eindringliche Art und Weise vermittelt hat.
Wenn ihr also mal die Gelegenheit habt, euch mit Der zerbrochne Krug zu beschäftigen, sei es durch eine Aufführung, eine Verfilmung oder einfach nur durch die Lektüre des Textes, dann lasst euch darauf ein. Es ist ein Stück, das zum Nachdenken anregt, das unterhält und das die menschliche Natur in all ihren Facetten zeigt. Und vielleicht entdeckt ihr ja auch euren eigenen "Lieblingsschurken" in Richter Adam, oder findet in Marthe Rull ein Vorbild an Stärke und Mut. Ich wünsche euch viel Spaß auf eurer eigenen Entdeckungsreise in die Welt des zerbrochnen Krugs!
Bis bald, eure reiselustige Freundin!
