Charakterisierung Bürgermeister Besuch Der Alten Dame
Hallo liebe Reisefreunde! Na, habt ihr schon mal von Güllen gehört? Vielleicht nicht sofort, aber wenn ich euch sage, dass es die fiktive Kleinstadt in Friedrich Dürrenmatts tragischer Komödie "Der Besuch der alten Dame" ist, klingelt es vielleicht. Bei meiner letzten Theatertournee durch die Schweiz hatte ich die Gelegenheit, mir das Stück anzusehen und anschließend die Charaktere genauer unter die Lupe zu nehmen. Heute möchte ich euch speziell den Bürgermeister vorstellen, eine Figur, die so typisch und doch so komplex ist, dass sie einen eigenen Reisebericht verdient!
Der Bürgermeister von Güllen: Ein erster Eindruck
Stellt euch vor: Ein Mann in den besten Jahren, tadelloser Anzug, joviales Lächeln. Das ist unser Bürgermeister! Er repräsentiert Güllen, diese heruntergekommene Stadt, die einst Glanz und Gloria kannte, aber nun von Armut und Hoffnungslosigkeit gezeichnet ist. Er ist das Gesicht der Stadt, derjenige, der die wenigen noch vorhandenen Geschäfte am Laufen hält und versucht, die Moral der Bevölkerung aufrechtzuerhalten. Er ist ein Diplomat, ein Organisator und, wie sich herausstellen wird, ein Mann mit einem äußerst pragmatischen Sinn für Gerechtigkeit – oder eben deren Abwesenheit.
Als Claire Zachanassian, die Milliardärin und ehemalige Bürgerin Güllens, in die Stadt zurückkehrt, ist der Bürgermeister natürlich einer der ersten, der sie empfängt. Er begrüßt sie überschwänglich, gibt sich alle Mühe, ihr den Aufenthalt so angenehm wie möglich zu gestalten und hofft insgeheim, dass sie Güllen mit einer großzügigen Spende aus der Misere helfen wird. Er ist charmant, zuvorkommend und versucht, ihr jeden Wunsch von den Augen abzulesen. Kurzum: Er ist der perfekte Gastgeber.
Seine Rolle im Drama: Mehr als nur ein Empfangskomitee
Aber der Bürgermeister ist natürlich mehr als nur ein freundlicher Empfangschef. Er ist derjenige, der die Bevölkerung auf Claires Besuch vorbereitet, der die Erwartungen schürt und der versucht, die moralischen Bedenken im Keim zu ersticken. Denn schnell wird klar: Claires Angebot ist verlockend, aber es hat einen hohen Preis. Sie bietet Güllen eine Milliarde, aber nur unter der Bedingung, dass Alfred Ill, ihr Jugendliebhaber, getötet wird.
Anfangs ist der Bürgermeister entsetzt. Er beteuert, dass Güllen eine rechtsstaatliche Stadt sei, dass Mord inakzeptabel sei und dass man sich niemals auf einen solchen Handel einlassen würde. Er hält Reden über Moral, Anstand und die Werte der Gemeinschaft. Er appelliert an das Gewissen der Bürger und versucht, sie davon zu überzeugen, dass Geld nicht alles im Leben ist. Aber... naja, ihr könnt euch denken, was passiert, oder?
"Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt."
Diese Worte hallen in den Ohren, während der Bürgermeister immer mehr unter den Druck der Bevölkerung gerät. Denn die Aussicht auf Reichtum ist zu verlockend, die Hoffnung zu groß. Und so beginnt er, seine Meinung langsam aber sicher zu ändern.
Der Wandel: Vom Moralapostel zum Opportunisten
Es ist faszinierend zu beobachten, wie der Bürgermeister im Laufe des Stücks seinen Charakter verändert. Zuerst ist er der Fels in der Brandung, der die Werte der Stadt verteidigt. Dann wird er zum Zweifler, der die Argumente der anderen abwägt. Und schließlich wird er zum Handlanger, der den Mord an Alfred Ill stillschweigend unterstützt.
Dieser Wandel ist subtil, aber unaufhaltsam. Der Bürgermeister lässt sich von der allgemeinen Euphorie anstecken, er profitiert von der steigenden Kaufkraft der Bevölkerung, er genießt das Ansehen, das ihm als Entscheidungsträger zuteil wird. Er blendet die moralischen Bedenken aus und redet sich ein, dass der Mord an Alfred Ill im Grunde genommen eine gerechte Strafe für dessen Vergehen in der Vergangenheit sei. Alfred Ill hatte Claire nämlich in jungen Jahren geschwängert und dann verleugnet, was sie in Armut und Elend zurückließ.
Er rechtfertigt sein Handeln damit, dass er im Interesse der Stadt handelt, dass er das Wohl der Allgemeinheit über das Wohl des Einzelnen stellt. Aber im Grunde genommen geht es ihm nur um den Machterhalt und den eigenen Vorteil. Er ist ein Opportunist, der seine Prinzipien verrät, um seine Position zu sichern.
Die Inszenierung der "Gerechtigkeit": Ein zynisches Spiel
Der Höhepunkt des Dramas ist natürlich die Szene, in der Alfred Ill tatsächlich getötet wird. Der Bürgermeister ist anwesend, er beobachtet das Geschehen und er greift nicht ein. Er lässt die Dinge ihren Lauf nehmen, er akzeptiert das Urteil der Gemeinschaft. Und danach erklärt er vor laufenden Kameras, dass Alfred Ill an einem Herzinfarkt gestorben sei. Eine Lüge, die er mit eiskalter Professionalität vorträgt.
Diese Inszenierung der "Gerechtigkeit" ist zynisch und erschreckend zugleich. Sie zeigt, wie leicht sich Menschen von Geld und Macht korrumpieren lassen, wie schnell sie ihre moralischen Werte vergessen und wie bereit sie sind, über Leichen zu gehen, um ihre Ziele zu erreichen.
Was können wir vom Bürgermeister lernen?
Der Bürgermeister von Güllen ist eine komplexe und vielschichtige Figur, die uns viele Denkanstöße gibt. Er ist ein Spiegelbild der menschlichen Natur, die sowohl zu Gutem als auch zu Bösem fähig ist. Er zeigt uns, wie wichtig es ist, seine Prinzipien zu wahren, auch wenn der Druck groß ist. Und er warnt uns davor, uns von Geld und Macht blenden zu lassen.
Wenn ihr also das nächste Mal in Güllen – äh, ich meine, in einer Kleinstadt unterwegs seid und einen Bürgermeister trefft, dann erinnert euch an diese Geschichte. Seid kritisch, hinterfragt die Motive und lasst euch nicht von schönen Worten täuschen. Denn manchmal steckt hinter einem freundlichen Lächeln eine dunkle Wahrheit.
Und denkt daran: Die Reise selbst ist das Ziel, aber die Begegnungen mit den Menschen – auch den fiktiven – machen sie unvergesslich! Bis zum nächsten Mal, eure reiselustige Theaterfreundin!
