Charakterisierung Englisch Beispiel Pdf
Habt ihr jemals einen richtig guten Freundschaftskuchen gebacken? Nein? Dann verpasst ihr was! Stellt euch vor, ihr bekommt einen Klumpen Teig. Der ist schon 10 Tage alt, stinkt ein bisschen nach Hefe und trägt den vielversprechenden Namen “Freundschaftskuchen”. Ihr dürft ihn aber nicht sofort backen! Erstmal muss er gefüttert werden – mit Mehl, Zucker und Milch. Jeden Tag. Wie ein kleines Haustier, nur ohne Fell und Gebell.
Warum erzähl ich euch das? Weil das Ganze ein bisschen so ist wie eine Charakterisierung im Englischunterricht. Man nehme einen Protagonisten – sagen wir, Holden Caulfield aus The Catcher in the Rye. Der ist auch ein bisschen wie dieser Teigklumpen. Am Anfang riecht er vielleicht nur nach Teenager-Frust und Rebellion. Aber dann füttern wir ihn. Mit Textstellen, Zitaten, Beobachtungen. Wir geben ihm sozusagen Mehl, Zucker und Milch in Form von Beweisen aus dem Buch.
Die Detektivarbeit der Charakterisierung
Und genau hier wird’s spannend. Denn Charakterisierung ist eigentlich Detektivarbeit. Wir sind Sherlock Holmes und der Text ist unser Tatort. Wir suchen nach Hinweisen. Was sagt die Figur? Was tut sie? Was denken andere über sie? All das sind kleine Brotkrumen, die uns helfen, das große Ganze zu verstehen.
Nehmen wir mal an, Elizabeth Bennet aus Pride and Prejudice sagt ständig irgendwelche bissigen Kommentare. Das ist unser erster Hinweis. Wir notieren: “Elizabeth ist sarkastisch.” Aber das reicht noch nicht. Warum ist sie sarkastisch? Ist sie vielleicht unsicher? Oder einfach nur gelangweilt? Wir müssen weiter suchen, weiter füttern!
Das Zitat als Beweismittel
Und jetzt kommt der Teil, der vielen Angst macht: das Zitat. Aber keine Panik! Zitate sind unsere besten Freunde. Sie sind der Zuckerguss auf unserem Freundschaftskuchen. Ein gutes Zitat untermauert unsere Argumentation und verleiht unserer Charakterisierung Würze. Denkt dran: Ein Zitat ist wie ein Foto. Es zeigt uns die Figur in Aktion. Und wir sind die Kommentatoren, die erklären, was auf dem Foto zu sehen ist.
Angenommen, Elizabeth sagt zu Mr. Darcy: “I could easily forgive his pride, if he had not mortified mine.” Bäm! Da haben wir’s. Sie kann seinen Stolz verzeihen, aber nicht, dass er sie gedemütigt hat. Das sagt doch alles über ihren Stolz, ihre Verletzlichkeit und ihre Schlagfertigkeit aus! Mit diesem Zitat im Gepäck können wir unsere Charakterisierung so richtig aufpeppen.
Von der Liste zur Geschichte
Am Anfang steht oft eine lange Liste: Eigenschaften, Zitate, Beispiele. Das ist wie das Rezept für unseren Freundschaftskuchen. Aber das Rezept allein macht noch keinen Kuchen. Wir müssen die Zutaten vermischen, kneten und formen. Wir müssen aus der Liste eine Geschichte machen. Eine Geschichte darüber, wer diese Figur wirklich ist. Und das ist gar nicht so schwer, wie es klingt.
Vergesst die komplizierten Formulierungen und die hochtrabenden Worte. Erzählt einfach, was ihr entdeckt habt. Was hat euch an der Figur überrascht? Was hat euch zum Lachen gebracht? Was hat euch berührt? Wenn ihr die Figur mit euren eigenen Worten beschreiben könnt, dann habt ihr eine gute Charakterisierung geschrieben.
Stellt euch vor, ihr sitzt mit euren Freunden in der Kneipe und erzählt von Jay Gatsby. Ihr würdet ja auch nicht anfangen, komplizierte Satzkonstruktionen zu bilden und Fachbegriffe um euch zu werfen. Ihr würdet sagen: “Boah, der Gatsby, ey! Der hat ja ’ne krasse Party nach der anderen geschmissen, nur um Daisy zu beeindrucken. Voll der Spinner, aber irgendwie auch total romantisch.” Und genau so solltet ihr auch schreiben. Nur vielleicht ein bisschen weniger umgangssprachlich.
Der Aha-Moment
Das Schönste an der Charakterisierung ist der Aha-Moment. Der Moment, in dem man die Figur plötzlich ganz neu versteht. Der Moment, in dem man merkt: “Ach so, deswegen hat sie das gemacht! Das ergibt ja alles Sinn!” Das ist wie beim Freundschaftskuchen. Am Anfang ist da nur ein stinkender Klumpen Teig. Aber nach zehn Tagen Füttern und Backen verwandelt er sich in ein saftiges, leckeres Meisterwerk. Und genauso ist es mit der Charakterisierung. Am Anfang ist da nur ein Name auf dem Papier. Aber nach sorgfältiger Analyse und liebevoller Interpretation wird daraus eine lebendige, dreidimensionale Figur.
Also, keine Angst vor der Charakterisierung! Seht sie als ein spannendes Abenteuer, als eine Reise in die Tiefen einer fiktiven Person. Und denkt immer daran: Es geht nicht darum, die “richtige” Antwort zu finden. Es geht darum, eure eigene Interpretation zu entwickeln. Und wer weiß, vielleicht entdeckt ihr dabei ja auch etwas über euch selbst.
Und wenn ihr das nächste Mal einen Freundschaftskuchen backt, denkt an Hamlet, Jane Eyre oder Atticus Finch. Denn auch sie sind wie ein Freundschaftskuchen: Am Anfang ein bisschen gewöhnungsbedürftig, aber am Ende unendlich bereichernd.
