Charakterisierung Von Andri Andorra
Okay, lasst uns über Andri aus Max Frischs "Andorra" reden. Aber keine Angst, wir lassen den Deutschlehrer zu Hause. Wir betrachten Andri nicht als eine Aufgabe, sondern als einen... sagen wir mal, etwas tollpatschigen, manchmal nervigen, aber letztendlich herzzerreißenden Mitbewohner, den wir alle irgendwie kennen.
Andri: Der vermeintliche Jude – Ein tragischer Witz
Andri, unser armer Kerl, ist also der vermeintliche Jude in der kleinen fiktiven Stadt Andorra. Betonung liegt auf vermeintlich, denn er ist in Wirklichkeit der uneheliche Sohn des Lehrers Can, und somit gar nicht jüdisch. Aber das weiß niemand, außer Can selbst, und der behält das lieber für sich. Das ist quasi der erste, richtig fiese Witz auf Andris Kosten. Stell dir vor, du lebst dein Leben und alle behandeln dich anders, aufgrund einer Lüge, die du nicht mal kennst! Das ist schon mal ein denkbar schlechter Start.
Die andorranische Eigenart: Vorurteile als Volkssport
Die Andorraner sind, sagen wir mal, "speziell". Sie haben Vorurteile im Überfluss, und die gegen Juden sind besonders saftig. Andri wird also von klein auf mit diesen Vorurteilen konfrontiert. Er ist angeblich "anders", angeblich "geschäftstüchtig", angeblich "ängstlich". Alles, was die Andorraner über Juden zu wissen glauben (oder zu wissen *glauben*), projizieren sie auf Andri. Es ist, als ob sie ein vorgefertigtes Drehbuch haben und Andri muss die Rolle des stereotypischen Juden darin spielen, ob er will oder nicht.
Das Fatale ist, dass Andri diese Rolle irgendwann annimmt. Er internalisiert die Vorurteile, die ihm ständig entgegengebracht werden. Wenn dir 100 Leute sagen, du seist ein guter Handwerker, obwohl du zwei linke Hände hast, fängst du vielleicht irgendwann an, es selbst zu glauben. Genauso ist es mit Andri und den negativen Stereotypen. Er wird zu dem, was die Andorraner in ihm sehen wollen – oder besser gesagt, zu dem, was sie *glauben*, sehen zu wollen.
Der naive Optimist? Oder einfach nur verzweifelt?
Am Anfang versucht Andri noch, sich gegen die Vorurteile zu wehren. Er versucht, ein guter Mensch zu sein, ein fleißiger Handwerker, ein liebevoller Freund. Er will beweisen, dass die Andorraner falsch liegen. Aber es ist ein Kampf gegen Windmühlen. Egal, was er tut, die Andorraner finden immer einen Weg, es zu verdrehen und in ihr vorgefertigtes Bild von ihm einzupassen.
Es ist fast schon tragisch-komisch, wie Andri versucht, es allen recht zu machen. Er ist wie ein kleiner Welpe, der versucht, einem Rudel grimmiger Wölfe zu gefallen. Manchmal wirkt er naiv, fast schon dumm. Aber vielleicht ist es auch einfach nur Verzweiflung. Er will dazugehören, er will geliebt werden, er will einfach nur ein normales Leben führen. Aber in Andorra ist das für ihn unmöglich.
Barblin: Die treue Seele – und das stille Gewissen
Eine der wenigen Lichtblicke in Andris Leben ist Barblin. Sie liebt ihn aufrichtig und sieht in ihm nicht den "Juden", sondern den Menschen. Sie ist quasi sein Fels in der Brandung, seine einzige Verbindung zur Realität. Aber auch ihre Liebe kann Andri nicht retten. Denn die Vorurteile der Andorraner sind zu stark, die Lüge ist zu tief verwurzelt. Barblin ist das stille Gewissen von Andorra, die Mahnung, dass es auch anders hätte sein können. Sie verkörpert all das Gute, was in Andorra fehlt: Mitgefühl, Toleranz, Ehrlichkeit.
Das Ende vom Lied: Ein vorhergesagter Tod
Das Ende von Andris Geschichte ist alles andere als ein Happy End. Er wird von den Schwarzhemden, den Schergen der Vorurteile, getötet. Sein Tod ist nicht nur tragisch, sondern auch zutiefst sinnlos. Er stirbt nicht, weil er etwas falsch gemacht hat, sondern weil er das Opfer einer kollektiven Paranoia ist. Sein Tod ist die logische Konsequenz der Vorurteile, der Lügen und der Feigheit der Andorraner.
"Andorra ist überall,"
sagt Frisch. Und damit meint er, dass die Mechanismen, die in Andorra zum Tod von Andri führen, auch in anderen Gesellschaften und zu anderen Zeiten wirksam sind. Vorurteile, Gruppendruck, die Angst vor dem Fremden – das sind alles Dinge, die auch heute noch existieren. Und deshalb ist "Andorra" auch heute noch ein wichtiges und erschreckend aktuelles Stück.
Also, das nächste Mal, wenn du "Andorra" liest oder siehst, versuche Andri nicht nur als eine literarische Figur zu betrachten. Sieh ihn als einen Menschen, mit all seinen Fehlern und Schwächen, der zum Opfer von Vorurteilen wird. Und frag dich, ob du in deinem eigenen Leben nicht auch schon mal Vorurteilen begegnet bist – oder sie sogar selbst gehegt hast.
Denn letztendlich ist die Geschichte von Andri eine Geschichte über uns selbst.
