Charakterisierung Von Barblin Andorra
Ach, die Barblin! Wer kennt sie nicht, die andorranische Ikone aus Max Frischs Andorra? Aber mal ehrlich, haben wir uns wirklich mal hingesetzt und uns gefragt: Was macht Barblin so besonders? Außer, dass sie die Dorfnärrin und irgendwie auch das Gewissen von Andorra ist?
Barblin: Mehr als nur eine Spinnerin
Klar, Barblin ist anders. Sie ist die, die Blumen verkauft, die am Rand steht und das Treiben in Andorra mit großen Augen beobachtet. Sie ist die, die Andri liebt, den vermeintlich jüdischen Findling, den der Lehrer aufgezogen hat. Aber Barblin ist eben nicht einfach nur "verrückt". Sie ist ein Seismograph. Sie spürt die unterschwelligen Spannungen, die Lügen und die Heuchelei, die in Andorra brodeln, lange bevor es kracht.
Denkt mal drüber nach: Wer schenkt Andri Beachtung, wenn er als der "jüdische" Außenseiter abgestempelt wird? Wer versucht, ihn zu verteidigen, auch wenn es aussichtslos erscheint? Barblin! Sie ist die Einzige, die Andri wirklich sieht, nicht die Projektionen, die die anderen in ihn hineinlesen.
Die stille Beobachterin mit dem scharfen Blick
Barblins vermeintliche Verrücktheit ist eigentlich ihre Stärke. Weil sie nicht ins System passt, kann sie es von außen betrachten. Sie sieht, wie sich die Andorraner gegenseitig belügen, wie sie aus Feigheit und Bequemlichkeit wegschauen. Und sie benennt es, auf ihre ganz eigene, manchmal kryptische Art. Aber sie benennt es. Das macht sie unbequem, aber auch unersetzlich.
Und dann ist da noch ihre Beziehung zu Andri. Es ist eine Liebe, die von Anfang an zum Scheitern verurteilt ist. Nicht nur, weil Andri (Achtung, Spoiler!) gar kein Jude ist, sondern weil er das Produkt der andorranischen Vorurteile geworden ist. Barblin liebt Andri so, wie er ist, mit all seinen Ängsten und Unsicherheiten. Sie ist bereit, ihn zu verteidigen, ihn zu beschützen. Aber am Ende kann sie ihn nicht retten.
Barblin und die bittere Wahrheit
Das Tragische an Barblins Geschichte ist, dass sie die Einzige ist, die die Wahrheit erkennt. Sie sieht, dass Andorra nicht das idyllische Fleckchen Erde ist, für das es sich hält. Sie sieht die latent vorhandene Gewaltbereitschaft, den Antisemitismus und die Angst vor dem Andersartigen. Aber sie kann es nicht ändern. Sie ist zu machtlos, zu "verrückt", um gehört zu werden.
Ihr tragisches Ende – sie wird von den Andorranern vergewaltigt und stirbt – ist nicht nur ein persönlicher Tiefpunkt, sondern auch ein Spiegelbild der kollektiven Schuld Andorras. Sie ist das unschuldige Opfer, das für die Sünden der anderen büßen muss.
"Ihr wart alle Zeugen. Ihr habt weggesehen."
Dieser Satz, den Barblin kurz vor ihrem Tod sagt (oder zumindest im Nachhinein in den Mund gelegt bekommt), ist der Schlüssel zu ihrem Charakter. Sie ist die Zeugin, die nicht schweigen kann, die aber auch nicht gehört wird. Sie ist das Opferlamm, das die andorranische Schuld auf sich nimmt.
Warum Barblin uns heute noch etwas zu sagen hat
Andorra mag ein Stück sein, das in den 1960er Jahren geschrieben wurde, aber Barblins Geschichte ist erschreckend aktuell. Auch heute noch gibt es Außenseiter, die stigmatisiert und ausgegrenzt werden. Auch heute noch gibt es Menschen, die wegschauen, wenn Unrecht geschieht. Und auch heute noch gibt es Barblins, die versuchen, die Wahrheit zu sagen, auch wenn es unbequem ist.
Vielleicht sollten wir alle ein bisschen mehr wie Barblin sein. Nicht unbedingt, indem wir Blumen verkaufen und wirre Reden schwingen (obwohl, warum eigentlich nicht?), sondern indem wir aufmerksam sind, indem wir hinschauen, wenn andere wegschauen, und indem wir uns nicht scheuen, unsere Stimme zu erheben, auch wenn wir damit anecken.
Barblin ist keine einfache Figur, aber sie ist eine wichtige Figur. Sie erinnert uns daran, dass Zivilcourage nicht immer einfach ist, aber dass sie immer notwendig ist. Und dass die vermeintlichen "Spinner" oft die klarsten Köpfe haben.
Also, das nächste Mal, wenn ihr Andorra lest oder seht, achtet mal genau auf Barblin. Sie ist mehr als nur eine Randfigur. Sie ist das Herz und die Seele des Stücks. Und sie hat uns eine Menge zu sagen – wenn wir bereit sind, zuzuhören.
