Darf Ich Die Mauer Meines Nachbarn Streichen
Also, der Nachbar, Herr Gruber, hatte ja schon immer so seine Eigenheiten. Ein Mann, der Gartenzwerge mit kleinen Hütchen tapeziert – muss man mehr sagen? Aber die Mauer! Die Mauer, die unsere Grundstücke trennte, war ein Graus. Eine Betonwüste in einem unsäglichen Graubraun. Einfach nur… deprimierend. Jeden Morgen, wenn ich aus dem Fenster sah, dachte ich: Das kann doch nicht alles sein!
Die Idee, die alles veränderte
Eines Nachmittags, beim Kaffeetrinken mit meiner Freundin Erika, kam mir die Erleuchtung. Erika, die Künstlerin mit dem Faible für bunte Socken und noch buntere Ideen, meinte so ganz beiläufig: „Warum streichst du die Mauer nicht einfach? Mach doch was Schönes draus!“
Ich starrte sie an. Die Mauer… streichen? War das überhaupt erlaubt? Durfte man einfach so Herren Grubers Seite der Mauer verschönern? Die Vorstellung war so absurd und gleichzeitig so verlockend, dass ich einfach lachen musste.
Die Recherche (oder der Versuch davon)
Natürlich googelte ich erst mal. „Darf ich die Mauer meines Nachbarn streichen?“ Die Ergebnisse waren… verwirrend. Irgendwelche Paragraphen, Urteile, Abstandsregelungen… Mein Kopf schwirrte. Ich beschloss, das Ganze pragmatisch anzugehen. Was nicht weiß, macht nicht heiß, oder so ähnlich.
Also ab in den Baumarkt. Dort stand ich dann vor der riesigen Farbpalette, überwältigt von den unendlichen Möglichkeiten. Ich entschied mich für ein strahlendes Gelb, ein leuchtendes Blau und ein fröhliches Grün. Hauptsache, es würde gute Laune verbreiten!
Die "heimliche" Malaktion
Ich wusste, dass ich Herrn Gruber nicht fragen durfte. Er hätte mir das nie im Leben erlaubt. Also beschloss ich, die Malaktion heimlich durchzuführen. An einem Samstagmorgen, als ich wusste, dass er in seinem Schrebergarten war, bewaffnete ich mich mit Farbe, Pinseln und einer großen Leiter.
Das Streichen war anstrengender als gedacht. Die Mauer war rau und uneben, die Farbe spritzte überall hin, und ich hatte ständig Angst, dass Herr Gruber plötzlich um die Ecke kommt. Aber mit jedem Pinselstrich wurde die Mauer bunter, fröhlicher, einfach… schöner!
Ich malte Blumen, kleine Vögel, einen lachenden Mond. Eine bunte, fröhliche Welt entstand auf Herren Grubers Seite der Mauer. Ich war so vertieft in meine Arbeit, dass ich die Zeit völlig vergaß.
Die Entdeckung
Plötzlich hörte ich ein Räuspern. Ich fuhr herum und sah Herrn Gruber vor mir stehen. Er starrte auf die Mauer, dann auf mich, dann wieder auf die Mauer. Sein Gesicht war unleserlich.
„Was… was soll das denn sein?“, fragte er schließlich mit heiserer Stimme.
Ich konnte nur stammeln: „Ich… ich wollte die Mauer einfach nur etwas verschönern.“
Herr Gruber schwieg. Er ging näher an die Mauer heran und betrachtete die bunten Blumen. Dann lächelte er plötzlich. Ein kleines, zaghaftes Lächeln, das sein ganzes Gesicht veränderte.
„Na ja“, sagte er. „So schlecht ist das ja gar nicht. Viel besser als dieses scheußliche Grau.“
Und dann, etwas völlig Unerwartetes geschah. Herr Gruber nahm mir den Pinsel aus der Hand und sagte: „Hier, lass mich auch mal! Kann ja nicht sein, dass du den ganzen Spaß alleine hast.“
Das bunte Ende (und der Beginn einer Freundschaft?)
Zusammen bemalten wir die Mauer. Herr Gruber entpuppte sich als überraschend talentierter Künstler. Er malte kleine Gartenzwerge mit bunten Hütchen – eine Hommage an seine geliebten Gartenzwerge, wie er mir verriet.
Die Mauer wurde immer bunter, immer fröhlicher, immer verrückter. Sie wurde zu einem Symbol unserer neu gewonnenen Freundschaft. Denn ja, ausgerechnet das illegale Anmalen einer Mauer hatte uns zusammengebracht.
Seitdem trinken wir jeden Sonntag zusammen Kaffee und betrachten unser gemeinsames Kunstwerk. Und manchmal, ganz selten, sehe ich Herrn Gruber sogar lächeln, wenn er seine Gartenzwerge mit bunten Hütchen tapeziert.
Also, wenn Sie jemals vor der Frage stehen, ob Sie die Mauer Ihres Nachbarn streichen dürfen… fragen Sie ihn vielleicht vorher. Aber manchmal, ganz manchmal, kann es sich lohnen, einfach zu machen. Man weiß ja nie, welche bunten Überraschungen das Leben für einen bereithält.
