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Das Sein Und Das Nichts Sartre


Das Sein Und Das Nichts Sartre

Jean-Paul Sartres Das Sein und das Nichts (L'Être et le Néant, Being and Nothingness), veröffentlicht 1943, ist ein Eckpfeiler des Existenzialismus. Es ist ein komplexes philosophisches Werk, das Sartres tiefgreifende Analyse des menschlichen Bewusstseins, der Freiheit, der Verantwortung und der Beziehung zu anderen darlegt. Dieses Werk prägte das philosophische Denken des 20. Jahrhunderts maßgeblich. Dieses Artikel soll eine verständliche Einführung in die Schlüsselkonzepte des Buches bieten, besonders für Neuankömmlinge in dieser Materie.

Die grundlegenden Unterscheidungen: Sein-an-sich und Sein-für-sich

Sartre beginnt seine Analyse mit einer fundamentalen Unterscheidung zwischen zwei Arten von Sein: dem Sein-an-sich (être-en-soi) und dem Sein-für-sich (être-pour-soi). Es ist wichtig, diese Terminologie zu verstehen, um Sartres Argumentation folgen zu können.

Sein-an-sich (Être-en-soi)

Das Sein-an-sich bezieht sich auf die Welt der Objekte und Dinge. Es ist einfach da, es ist massiv, undurchsichtig und ohne Bewusstsein. Ein Stein, ein Tisch, ein Baum – all das sind Beispiele für das Sein-an-sich. Es hat keine innere Subjektivität, keine Freiheit und keine Möglichkeit zur Selbstbestimmung. Es ist, was es ist, und es kann nichts anderes sein. Es ist durch seine Eigenschaften vollständig definiert. Es ist vollkommen kontingent, das heißt, es gibt keinen notwendigen Grund für seine Existenz. Es ist einfach so. Es ist plein, voll, ohne Leere oder Negation.

Sein-für-sich (Être-pour-soi)

Das Sein-für-sich ist das menschliche Bewusstsein. Im Gegensatz zum Sein-an-sich ist das Sein-für-sich nicht statisch oder festgelegt. Es ist durch Bewusstsein, Reflexion und vor allem durch Freiheit gekennzeichnet. Das Sein-für-sich ist sich seiner selbst bewusst, kann über sich selbst nachdenken und Entscheidungen treffen. Es ist in der Lage, die Welt zu erfahren und zu interpretieren. Der entscheidende Unterschied zum Sein-an-sich liegt darin, dass das Sein-für-sich durch eine fundamentale Leere, eine Négation, gekennzeichnet ist. Es ist nicht einfach "da", sondern es ist ein "Sein, dem es an Sein mangelt" (être manqué). Diese Leere ist die Quelle seiner Freiheit. Es ist die Fähigkeit, sich von dem zu distanzieren, was es ist, und sich in etwas anderes zu projizieren. Das Sein-für-sich ist verurteilt zur Freiheit.

Das Nichts (Le Néant)

Das "Nichts" (le néant) ist kein abstrakter Begriff der Nichtexistenz, sondern ein aktives Prinzip im menschlichen Bewusstsein. Es ist die Fähigkeit des Bewusstseins, sich von dem Sein-an-sich zu distanzieren, es zu negieren und eine Differenz zwischen sich und der Welt zu schaffen. Durch das Nichts wird die Welt überhaupt erst als solche erfahrbar. Ohne das Nichts gäbe es keine Unterscheidung, keine Bedeutung und keine Freiheit.

Das Nichts entsteht, wenn das Sein-für-sich eine Frage stellt. Die Frage selbst beinhaltet bereits eine Negation des Bestehenden. "Warum ist das so?" impliziert, dass es auch anders sein könnte. Das Nichts ist also nicht einfach Abwesenheit, sondern eine aktive Kraft der Negation und Transformation.

Angst (Angoisse) und Verantwortung

Sartre betont, dass die menschliche Freiheit mit einer immensen Verantwortung einhergeht. Da wir frei sind, unsere eigenen Werte und unseren Sinn im Leben zu wählen, sind wir auch für die Konsequenzen unserer Entscheidungen voll verantwortlich. Diese Verantwortung kann zu Angst (angoisse) führen. Angst ist nicht einfach Furcht vor etwas Bestimmtem, sondern ein Gefühl der grundsätzlichen Unsicherheit angesichts der unendlichen Möglichkeiten und der daraus resultierenden Verantwortung.

Die Angst ist ein Ausdruck unserer Freiheit und unserer Konfrontation mit dem Nichts. Sie entsteht, weil wir erkennen, dass wir keine vorgegebenen Werte oder eine vorgegebene Essenz haben, die unsere Entscheidungen leiten könnte. Wir sind gezwungen, uns selbst zu definieren und zu erschaffen.

Schlechter Glaube (Mauvaise Foi)

Um der Angst und der Verantwortung zu entkommen, können wir uns in den schlechten Glauben (mauvaise foi) flüchten. Schlechter Glaube bedeutet, dass wir uns selbst belügen, indem wir unsere Freiheit leugnen und uns hinter vorgefertigten Rollen, Werten oder Identitäten verstecken. Ein Kellner, der sich übermäßig als Kellner inszeniert, um seine Rolle zu erfüllen, ist ein klassisches Beispiel für schlechten Glauben. Er versucht, sich selbst und anderen vorzugaukeln, er *sei* einfach ein Kellner, statt zu akzeptieren, dass er ein freies Wesen ist, das sich jederzeit anders entscheiden könnte.

Schlechter Glaube ist eine Form der Selbsttäuschung, die uns kurzfristig Erleichterung verschaffen kann, aber langfristig zu Entfremdung und Unauthentizität führt. Es ist eine Flucht vor der harten Realität unserer Freiheit und Verantwortung.

Der Blick (Le Regard) und die Beziehung zu Anderen

Sartre analysiert auch die Bedeutung der Beziehung zu anderen. Er argumentiert, dass wir uns unserer selbst erst durch den Blick (le regard) eines anderen bewusst werden. Wenn jemand uns ansieht, werden wir zu einem Objekt in seiner Welt. Wir erfahren uns selbst als ein "Sein-für-andere" (être-pour-autrui).

Der Blick des Anderen kann uns beschämen und uns unserer Objektifizierung bewusst machen. Er kann aber auch eine Quelle der Anerkennung und Bestätigung sein. Die Beziehung zu Anderen ist also immer ambivalent: Sie ist notwendig für unsere Selbsterkenntnis, aber sie birgt auch die Gefahr der Entfremdung und der Reduktion auf ein Objekt.

Sartre beschreibt das grundlegende Verhältnis zu Anderen als einen Konflikt. Jeder versucht, den Anderen zu kontrollieren und zu vereinnahmen. Diese Dynamik führt oft zu Eifersucht, Hass und Unterdrückung. Die Überwindung dieses Konflikts erfordert die Anerkennung der Freiheit des Anderen und die Akzeptanz seiner Subjektivität.

Authentizität

Obwohl Sartre keine konkreten Anweisungen für ein "gutes Leben" gibt, impliziert seine Philosophie die Bedeutung der Authentizität. Authentizität bedeutet, die eigene Freiheit anzunehmen, die Verantwortung für die eigenen Entscheidungen zu übernehmen und sich nicht im schlechten Glauben zu verstecken. Es bedeutet, sich bewusst zu sein, dass man selbst der Autor seines eigenen Lebens ist und dass man sich ständig neu erschaffen muss.

Authentisches Leben bedeutet, sich der Angst zu stellen, die mit der Freiheit einhergeht, und trotzdem mutig Entscheidungen zu treffen, die den eigenen Werten und Überzeugungen entsprechen. Es bedeutet, sich nicht von den Erwartungen anderer oder den Konventionen der Gesellschaft definieren zu lassen, sondern seinen eigenen Weg zu gehen.

Zusammenfassung

Das Sein und das Nichts ist ein anspruchsvolles, aber lohnendes Werk. Es bietet eine radikale und provokative Analyse des menschlichen Daseins, die uns dazu auffordert, über unsere Freiheit, Verantwortung und Beziehung zu anderen nachzudenken. Die wichtigsten Punkte lassen sich wie folgt zusammenfassen:

  • Die Unterscheidung zwischen Sein-an-sich (Objekte) und Sein-für-sich (Bewusstsein).
  • Die Bedeutung des Nichts als aktive Kraft der Negation und Transformation.
  • Die Angst als Ausdruck unserer Freiheit und Verantwortung.
  • Der schlechte Glaube als Flucht vor der Freiheit.
  • Der Blick des Anderen und die ambivalente Natur der Beziehung zu Anderen.
  • Die Bedeutung der Authentizität als Ausdruck der Freiheit und Verantwortung.

Auch wenn Sartres Werk komplex und anspruchsvoll ist, so bietet es doch wichtige Einsichten in die menschliche Existenz und fordert uns heraus, unser Leben bewusst und authentisch zu gestalten. Die Auseinandersetzung mit Sartres Ideen kann uns helfen, unsere Freiheit besser zu verstehen und die Verantwortung für unser Leben selbst in die Hand zu nehmen.

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