Der Besuch Der Alten Dame Charakterisierung Bürgermeister
Die Tragödie Friedrich Dürrenmatts, Der Besuch der alten Dame, ist ein zeitloses Werk, das Leser und Zuschauer gleichermaßen in seinen Bann zieht. Eine zentrale Figur in diesem komplexen Drama ist der Bürgermeister von Güllen. Seine Charakterisierung offenbart nicht nur die Mechanismen von Macht und Korruption, sondern wirft auch unbequeme Fragen nach Moral, Verantwortung und dem Einfluss von Geld auf. Eine detaillierte Analyse seiner Rolle bietet einen tiefen Einblick in die Abgründe der menschlichen Natur und die Dynamik einer Gemeinschaft, die dem Verfall preisgegeben ist.
Der Bürgermeister: Repräsentant und Spiegelbild Güllens
Der Bürgermeister ist zunächst die Verkörperung der bürgerlichen Ordnung und des Zusammenhalts in Güllen. Er repräsentiert die Gemeinde nach außen und verkündet öffentlich die Werte, an die man angeblich glaubt: Humanität, Gerechtigkeit und Solidarität. Doch hinter dieser Fassade verbirgt sich eine tiefe Verunsicherung und die wachsende Erkenntnis, dass Güllen am Rande des Ruins steht. Der Bürgermeister ist somit ein Spiegelbild der Gemeinde selbst: nach außen hin bemüht um Anstand und Würde, innerlich jedoch von Verzweiflung und der Angst vor dem finanziellen Zusammenbruch zerrissen.
Seine anfängliche Ablehnung des Angebots von Claire Zachanassian, Alfred Ill für eine Milliarde Franken zu töten, zeugt von einem gewissen moralischen Kompass. Er versucht, die Bevölkerung zu überzeugen, dass Geld nicht alles ist und dass die Güllener an ihren Werten festhalten müssen.
"Wir sind arm, aber wir sind anständig!"lautet seine Parole. Dieser Ausruf, zunächst von Überzeugung getragen, klingt jedoch mit fortschreitender Handlung immer hohler und verliert zunehmend an Glaubwürdigkeit.
Der Verfall der Moral: Vom Idealisten zum Opportunisten
Der Bürgermeister durchläuft eine erschreckende Transformation. Angesichts der zunehmenden wirtschaftlichen Besserung Güllens, die ironischerweise auf den baldigen Tod Ills zurückzuführen ist, weicht seine anfängliche moralische Standhaftigkeit dem Opportunismus. Er beobachtet, wie die Güllener auf Kredit einkaufen, neue Schuhe tragen und sich auf einen vermeintlich bevorstehenden Wohlstand freuen. Die Verlockung des Geldes ist allgegenwärtig und untergräbt die ursprünglichen Ideale der Gemeinschaft. Der Bürgermeister, als ihr Repräsentant, kann sich diesem Sog nicht entziehen.
Er beginnt, Ill aus dem Weg zu gehen, seine Warnungen zu ignorieren und schließlich sogar aktiv an der Inszenierung seines Todes mitzuwirken. Er wird zum Mittäter, indem er die Stimmung der Bevölkerung manipuliert und indirekt zu Ills Ermordung aufruft. Seine Beteiligung ist subtiler als die der anderen Güllener, aber gerade deswegen umso perfider. Er missbraucht seine Autorität, um die vermeintliche Gerechtigkeit zu befördern, die in Wahrheit nichts anderes als ein kaltblütiger Mord ist, motiviert durch Habgier und die Hoffnung auf wirtschaftlichen Aufschwung.
Die Szene, in der er Ill die Waffe gibt, ist ein erschütterndes Beispiel für seinen moralischen Verfall. Obwohl er beteuert, dass er Ill nur zur Selbstverteidigung ausrüsten wolle, ist es offensichtlich, dass er ihn in den sicheren Tod schickt. Diese Handlung verdeutlicht, wie weit er bereit ist zu gehen, um den Wohlstand Güllens zu sichern – auch wenn dies bedeutet, einen unschuldigen Mann zu opfern. Die Rhetorik des Gemeinwohls wird zum Deckmantel für eine zynische Kalkulation.
Die Inszenierung des Schuldspruchs: Eine Farce der Gerechtigkeit
Die Gerichtsverhandlung, die Ill den Schuldspruch bringen soll, ist eine einzige Farce. Der Bürgermeister inszeniert sie bewusst als ein Spiel, bei dem das Ergebnis von vornherein feststeht. Die Anwesenheit der Journalisten, die er herbeiruft, dient nicht der Wahrheitsfindung, sondern der Rechtfertigung des bevorstehenden Mordes vor der Weltöffentlichkeit. Er will den Eindruck erwecken, dass Güllen im Namen der Gerechtigkeit handelt, obwohl er genau weiß, dass es sich um eine rein wirtschaftlich motivierte Tat handelt.
Seine Rede vor dem versammelten Volk ist ein Meisterstück der Manipulation. Er appelliert an ihr Verantwortungsbewusstsein, beschwört die Notwendigkeit der Opferbereitschaft und verweist auf die gemeinsame Vergangenheit. Er konstruiert ein Narrativ, das Ill als Gefahr für die Gemeinschaft darstellt und seinen Tod als notwendiges Übel rechtfertigt. Der Bürgermeister versteht es, die Ängste und Hoffnungen der Güllener zu instrumentalisieren, um seine eigenen Ziele zu erreichen. Seine Worte sind sorgfältig gewählt, um die Bevölkerung zu überzeugen, dass sie im Einklang mit ihren Werten handeln, obwohl sie in Wirklichkeit einen grausamen Mord begehen.
Die Verantwortlichkeit des Einzelnen: Eine unbequeme Frage
Die Figur des Bürgermeisters wirft die entscheidende Frage nach der Verantwortlichkeit des Einzelnen in einer kollektivistischen Gesellschaft auf. Er ist nicht der einzige Schuldige, aber seine Rolle als Anführer und Repräsentant der Gemeinde macht ihn besonders verantwortlich. Er hätte die Macht gehabt, den Verfall der Moral aufzuhalten und die Bevölkerung auf den richtigen Weg zu führen. Stattdessen hat er sich dem Druck der Verhältnisse gebeugt und seine moralischen Prinzipien verraten.
Dürrenmatt zeigt, dass die Verantwortung nicht einfach auf Einzelpersonen abgewälzt werden kann. Die gesamte Gemeinschaft ist schuldig, weil sie sich von der Verlockung des Geldes blenden ließ und die Augen vor dem Unrecht verschloss. Doch der Bürgermeister trägt eine besondere Verantwortung, weil er eine Vorbildfunktion innehat und die Möglichkeit gehabt hätte, eine andere Entscheidung zu treffen. Seine Tragödie ist, dass er diese Möglichkeit nicht genutzt hat und stattdessen zum Komplizen eines grausamen Verbrechens geworden ist.
Die bleibende Relevanz des Bürgermeisters: Ein Mahnmal für die Gegenwart
Die Charakterisierung des Bürgermeisters in Der Besuch der alten Dame ist auch heute noch von Relevanz. Sie erinnert uns daran, wie leicht sich Menschen von Macht, Geld und Gruppenzwang korrumpieren lassen können. Sie mahnt uns, kritisch zu hinterfragen, wer unsere Interessen vertritt und welche Motive hinter ihren Handlungen stehen. Sie fordert uns auf, uns nicht von der Fassade des Anstands und der Moral blenden zu lassen, sondern auf unsere eigenen Werte zu vertrauen und für das einzustehen, was richtig ist.
Der Bürgermeister ist mehr als nur eine literarische Figur. Er ist ein Spiegelbild der menschlichen Natur und ein Mahnmal für die Gefahren von Opportunismus, Korruption und der Verlockung des Geldes. Seine Geschichte ist eine Warnung vor den Konsequenzen moralischer Kompromisse und der Verantwortung, die jeder Einzelne für die Gestaltung der Gesellschaft trägt. Indem wir uns mit seiner Rolle auseinandersetzen, können wir lernen, die Mechanismen von Macht und Manipulation besser zu verstehen und uns gegen ihre negativen Auswirkungen zu wappnen.
Die Tragödie des Bürgermeisters liegt nicht nur in seinem persönlichen Scheitern, sondern auch in dem kollektiven Versagen der Güllener. Sie zeigt, dass die Bewahrung von Werten und Moral eine ständige Anstrengung erfordert und dass es keine Garantie dafür gibt, dass eine Gemeinschaft, die einmal von Idealen geprägt war, diesen auch treu bleibt. Die Geschichte von Güllen ist eine Mahnung, wachsam zu sein und die eigenen Prinzipien niemals dem kurzfristigen Gewinn unterzuordnen. Denn am Ende zählt nicht der materielle Wohlstand, sondern die moralische Integrität. Der Bürgermeister, als tragische Figur, wird uns dies noch lange in Erinnerung rufen.
