Der Besuch Der Alten Dame Charakterisierung
Willkommen in Güllen, einem kleinen, fiktiven Städtchen in der Schweiz, das in Friedrich Dürrenmatts tragikomischem Bühnenstück "Der Besuch der alten Dame" eine zentrale Rolle spielt. Dieses Stück ist nicht nur ein Klassiker der deutschen Literatur, sondern wirft auch tiefgreifende Fragen über Moral, Gerechtigkeit und die Macht des Geldes auf. Um die komplexe Handlung und ihre Implikationen wirklich zu verstehen, ist es unerlässlich, die Hauptcharaktere und ihre Motivationen genauer zu betrachten. In diesem Artikel nehmen wir die wichtigsten Figuren des Stücks unter die Lupe und beleuchten ihre vielschichtigen Persönlichkeiten.
Claire Zachanassian: Die Rächerin mit dem goldenen Herzen (oder auch nicht)
Claire Zachanassian, die titelgebende "alte Dame," ist ohne Zweifel die schillerndste und dominanteste Figur des Stücks. Sie kehrt nach Güllen zurück, nachdem sie die Stadt vor Jahrzehnten verarmt und verlassen hat, nun aber als Milliardärin. Ihre Erscheinung ist exzentrisch und fast schon grotesk: Sie ist mehrfach verwitwet, trägt Prothesen und wird von einer kuriosen Entourage aus Eunuchen und einem blinden Butler begleitet. Doch hinter dieser Fassade verbirgt sich eine Frau, die von einem einzigen Ziel besessen ist: Rache.
Die Verletzte und die Rache
Vor langer Zeit wurde Claire von Alfred Ill, ihrem damaligen Geliebten, verlassen und geschwängert. Ill leugnete die Vaterschaft und bestach zwei Zeugen, um gegen sie auszusagen. Gedemütigt und mittellos wurde Claire aus Güllen vertrieben. Diese tiefe Verletzung hat sie nie überwunden, und nun, da sie unermesslich reich ist, kehrt sie zurück, um Gerechtigkeit zu fordern. Ihr Angebot ist simpel: Eine Milliarde für Güllen, im Austausch für den Tod von Alfred Ill. "Ich gebe euch eine Milliarde, wenn jemand Alfred Ill tötet," lautet ihr unmissverständliches Statement.
Die Macht des Geldes
Claire Zachanassian verkörpert die absolute Macht des Geldes. Sie hat die Fähigkeit, ganze Städte zu beeinflussen und moralische Prinzipien außer Kraft zu setzen. Ihr Reichtum ist ihr Werkzeug, um ihre Rache zu inszenieren. Sie ist sich bewusst, dass sie die Güllener in Versuchung führt und dass ihre Notlage sie anfällig für ihren Vorschlag macht. Sie manipuliert die Situation geschickt und beobachtet, wie die Stadt langsam, aber sicher ihren moralischen Kompass verliert.
Mehr als nur Rache
Obwohl Rache ihr Hauptmotiv ist, ist Claire Zachanassian keine eindimensionale Figur. Sie ist auch von einer tiefen Enttäuschung und einem Zynismus geprägt. Sie glaubt nicht mehr an Gerechtigkeit oder Moral, sondern nur noch an die Macht des Geldes. Ihr Angebot an die Güllener ist gleichzeitig eine Prüfung und eine Strafe. Sie will sehen, wie weit sie bereit sind zu gehen, um ihren eigenen Vorteil zu wahren. Man könnte argumentieren, dass sie, trotz ihrer Rache, den Güllenern einen Spiegel vorhält und ihre eigene moralische Verkommenheit aufdeckt. Ihr Zynismus ist schockierend, aber auch nachvollziehbar vor dem Hintergrund ihrer Vergangenheit. Sie ist eine faszinierende, wenn auch verstörende, Figur, die uns dazu zwingt, über die Grenzen der Gerechtigkeit und die Verlockungen des Reichtums nachzudenken.
Alfred Ill: Das Opferlamm
Alfred Ill ist der ehemalige Geliebte von Claire Zachanassian und das designierte Opfer ihrer Rache. Er ist ein angesehener Bürger von Güllen, ein Ladenbesitzer und ein Familienvater. Zu Beginn des Stücks wird er als sympathisch und beliebt dargestellt. Er hofft, dass Claires Besuch der Stadt neue wirtschaftliche Impulse geben wird. Er ahnt nicht, dass er in Wirklichkeit das Ziel ihrer Rache ist.
Die Vergangenheit holt ihn ein
Ills Vergangenheit holt ihn ein, als Claire ihr Angebot macht. Plötzlich wird er von seinen Mitbürgern mit Misstrauen und Feindseligkeit betrachtet. Er erkennt, dass er in Gefahr ist, aber er hofft zunächst, dass die Güllener seinem Charme und seiner Vernunft trauen werden. Doch mit jedem Tag, der vergeht, spürt er, wie sich die Stimmung in der Stadt verändert und wie seine ehemaligen Freunde und Nachbarn sich immer mehr von ihm distanzieren.
Die Angst und die Erkenntnis
Die Angst vor dem Tod verändert Ill grundlegend. Er versucht zunächst zu fliehen, aber er erkennt schließlich, dass er seinem Schicksal nicht entkommen kann. Er akzeptiert seine Schuld und stellt sich seiner Verantwortung. "Ich bin schuldig," gesteht er schließlich. Diese Erkenntnis führt zu einer Art inneren Reinigung. Er wird demütiger und ehrlicher. Er erkennt, dass er Claire Unrecht getan hat und dass er die Konsequenzen seiner Taten tragen muss.
Ein tragischer Held?
Obwohl Ill ein Täter in seiner Jugend war, wird er im Laufe des Stücks zu einer tragischen Figur. Er wird zum Sündenbock für die Verfehlungen der gesamten Stadt. Die Güllener projizieren ihre eigenen Wünsche und Ängste auf ihn und sehen ihn als Hindernis für ihren erhofften Reichtum. Ills Akzeptanz seines Schicksals und seine Bereitschaft, für seine Taten einzustehen, machen ihn zu einer komplexen und letztlich sogar zu einer respektablen Figur. Er ist kein Held im herkömmlichen Sinne, aber er zeigt eine gewisse Größe in seinem Umgang mit dem Tod.
Die Güllener: Moralischer Bankrott
Die Bewohner von Güllen sind eine zentrale Kraft im Stück. Sie repräsentieren die Verführbarkeit des Menschen durch Geld und die Korrumpierung der Moral durch materielle Interessen. Zu Beginn des Stücks sind sie arm und verzweifelt, doch sie präsentieren sich als ehrenwerte Bürger, die an Gerechtigkeit und Moral glauben.
Die Verlockung des Reichtums
Claires Angebot weckt in den Güllenern die Hoffnung auf ein besseres Leben. Sie beginnen, auf Kredit einzukaufen, neue Kleidung zu tragen und ihre Häuser zu renovieren. Sie verfallen in eine Art Konsumrausch, obwohl sie wissen, dass dieser Reichtum auf dem Blut von Alfred Ill beruht. Sie rationalisieren ihre Handlungen, indem sie sich einreden, dass Ill den Tod verdient hat und dass Claires Angebot eine Form der Gerechtigkeit ist.
Die Maske der Moral
Die Güllener versuchen, ihre wahren Motive zu verbergen, indem sie eine Fassade der Moral aufrechterhalten. Sie behaupten, dass sie Ill nicht töten werden, aber sie tun alles, um ihn in die Enge zu treiben und ihn zu isolieren. Sie kaufen Waffen und bilden eine Bürgerwehr, angeblich um die Ordnung aufrechtzuerhalten, aber in Wirklichkeit, um Ill zu überwachen und zu verhindern, dass er flieht.
Der Verlust der Menschlichkeit
Im Laufe des Stücks verlieren die Güllener ihre Menschlichkeit. Sie werden zu einer grausamen und skrupellosen Masse, die bereit ist, einen Mord zu begehen, um ihren eigenen Vorteil zu wahren. Ihr moralischer Bankrott ist das eigentliche Thema des Stücks. Dürrenmatt zeigt uns, wie leicht Menschen durch Geld und Macht korrumpiert werden können und wie schnell eine Gesellschaft ihre Werte verraten kann.
Weitere wichtige Charaktere
Neben Claire Zachanassian, Alfred Ill und den Güllenern gibt es noch weitere wichtige Charaktere, die zum Verständnis des Stücks beitragen:
- Der Bürgermeister: Er repräsentiert die politische Führung von Güllen und versucht zunächst, Claires Angebot abzulehnen. Doch er wird zunehmend von dem Druck der Bevölkerung beeinflusst und gibt schließlich nach.
- Der Lehrer: Er ist ein Intellektueller, der die moralischen Implikationen von Claires Angebot erkennt. Er versucht, die Güllener vor den Konsequenzen ihrer Handlungen zu warnen, aber er wird ignoriert.
- Der Pfarrer: Er versucht, Ill zu trösten und ihm moralischen Beistand zu leisten. Er ist jedoch machtlos, um den Lauf der Ereignisse zu ändern.
Fazit
"Der Besuch der alten Dame" ist ein komplexes und vielschichtiges Stück, das uns dazu anregt, über Moral, Gerechtigkeit und die Macht des Geldes nachzudenken. Die Charaktere sind vielschichtig und ihre Motivationen sind oft widersprüchlich. Dürrenmatt zeichnet ein düsteres Bild der menschlichen Natur und zeigt uns, wie leicht Menschen durch materielle Interessen korrumpiert werden können. Ein Besuch des Stücks oder die Lektüre des Textes lohnt sich auf jeden Fall, um sich mit diesen wichtigen Fragen auseinanderzusetzen und über die Abgründe der menschlichen Seele nachzudenken. Es ist ein faszinierendes und beunruhigendes Werk, das uns noch lange nach der Aufführung oder Lektüre beschäftigen wird.
