Der Besuch Der Alten Dame Klassenarbeit
Friedrich Dürrenmatts Tragikomödie "Der Besuch der alten Dame" ist nicht nur ein fester Bestandteil des Deutschunterrichts, sondern bietet auch reichhaltiges Material für eine aufschlussreiche Klassenarbeit. Diese sollte jedoch nicht nur Faktenwissen abfragen, sondern vielmehr zum kritischen Denken und zur Auseinandersetzung mit den komplexen Themen des Werkes anregen. Im Folgenden sollen einige Aspekte beleuchtet werden, die eine Klassenarbeit zu "Der Besuch der alten Dame" besonders wertvoll machen können, wobei der Fokus auf den vermittelten Inhalten, dem pädagogischen Mehrwert und der Erfahrung der Schülerinnen und Schüler liegt.
Ausstellung der Ambivalenz: Kernaspekte des Werkes
Eine gelungene Klassenarbeit zum Thema "Der Besuch der alten Dame" sollte die Schülerinnen und Schüler dazu auffordern, die zentralen Motive und Konflikte des Stückes zu analysieren und zu interpretieren. Dazu gehört zunächst die Auseinandersetzung mit der Figur der Claire Zachanassian, einer milliardenschweren Frau, die in ihre verarmte Heimatstadt Güllen zurückkehrt, um Rache zu üben. Ihre Forderung nach Gerechtigkeit – im Austausch für eine Milliarde DM – wirft grundlegende moralische Fragen auf:
- Gerechtigkeit vs. Kapitalismus: Kann man Gerechtigkeit kaufen? Wie beeinflusst Geld die Moralvorstellungen einer Gesellschaft? Die Schülerinnen und Schüler sollten in der Lage sein, die Korrumpierung Güllens durch das Angebot Claire Zachanassians zu erkennen und zu diskutieren.
- Schuld und Sühne: Alfred Ills Vergehen in der Vergangenheit ist der Auslöser für Claires Rachefeldzug. Die Klassenarbeit sollte die Frage nach der Verjährung von Schuld und der Legitimität von Rache aufwerfen.
- Individuum vs. Gemeinschaft: Wie verhält sich der Einzelne, wenn er unter dem Druck der Gemeinschaft steht? Die zunehmende Akzeptanz von Ills Mord unter den Güllenern sollte analysiert und kritisch hinterfragt werden.
- Die Macht der Inszenierung: Claire Zachanassian ist eine Meisterin der Inszenierung. Sie manipuliert die Güllener mit ihrem Geld und ihren carefully-crafted Auftritten. Die Schülerinnen und Schüler sollten erkennen, wie Dürrenmatt dieses Element der Inszenierung nutzt, um die Fragilität der menschlichen Moral zu verdeutlichen.
Die Klassenarbeit sollte nicht nur die bloße Wiedergabe der Handlung verlangen, sondern vielmehr zur kritischen Analyse dieser Themen anregen. Die Schülerinnen und Schüler sollten ihre eigenen Positionen entwickeln und diese anhand von Textbelegen argumentativ untermauern.
Die Figurenanalyse als Schlüssel zum Verständnis
Ein weiterer wichtiger Aspekt der Klassenarbeit sollte die detaillierte Analyse der Hauptfiguren sein. Dabei geht es nicht nur darum, ihre äußeren Merkmale zu beschreiben, sondern vor allem ihre Motivationen, ihre Entwicklung im Laufe des Stückes und ihre Beziehungen zueinander zu untersuchen. Besonders relevant sind hier:
- Claire Zachanassian: Ihre Wandlung von Klara Wäscher zur rachsüchtigen Milliardärin. Ihre Motive für die Rache und die Art und Weise, wie sie diese umsetzt.
- Alfred Ill: Sein anfängliches Leugnen, seine zunehmende Verzweiflung und seine letztendliche Akzeptanz seines Schicksals. Seine Rolle als Sündenbock und Opfer der Güllener Gesellschaft.
- Der Bürgermeister: Seine anfänglichen Versuche, Claire zu beschwichtigen und Ill zu schützen, und sein späteres Umschwenken. Seine Rolle als Repräsentant der korrupten Güllener Gemeinschaft.
- Die Güllener Bürger: Ihre anfängliche Ablehnung von Claires Angebot und ihre zunehmende Bereitschaft, Ill zu töten. Ihre Verblendung durch die Aussicht auf Wohlstand.
Die Schülerinnen und Schüler sollten in der Lage sein, die psychologischen Hintergründe der Figuren zu ergründen und ihre Handlungen im Kontext der gesellschaftlichen Verhältnisse zu interpretieren.
Pädagogischer Mehrwert: Förderung kritischen Denkens
Die Auseinandersetzung mit "Der Besuch der alten Dame" bietet zahlreiche Möglichkeiten, das kritische Denken der Schülerinnen und Schüler zu fördern. Die Klassenarbeit sollte diese Möglichkeiten nutzen, indem sie:
- Multiperspektivität fördert: Die Schülerinnen und Schüler sollten ermutigt werden, verschiedene Perspektiven einzunehmen und die Handlung aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu betrachten.
- Ethische Dilemmata diskutiert: Das Stück wirft eine Reihe ethischer Fragen auf, die in der Klassenarbeit diskutiert werden sollten.
- Die Aktualität des Stoffes betont: Obwohl das Stück vor über 60 Jahren geschrieben wurde, ist es nach wie vor hochaktuell. Die Schülerinnen und Schüler sollten dazu angeregt werden, Parallelen zur heutigen Gesellschaft zu ziehen und die Relevanz des Stückes für die Gegenwart zu erkennen.
- Argumentationsfähigkeit schult: Die Schülerinnen und Schüler sollten in der Lage sein, ihre eigenen Positionen zu entwickeln und diese anhand von Textbelegen und logischen Argumenten zu untermauern.
Durch die kritische Auseinandersetzung mit dem Stück können die Schülerinnen und Schüler ihre eigenen Werte und Überzeugungen reflektieren und ein tieferes Verständnis für die komplexen moralischen Fragen unserer Zeit entwickeln.
Besuchserfahrung: Kreativität und Engagement
Eine gelungene Klassenarbeit sollte nicht nur Wissen abfragen, sondern auch die Kreativität und das Engagement der Schülerinnen und Schüler fördern. Dies kann erreicht werden durch:
- Kreative Aufgabenstellungen: Neben klassischen Interpretationsaufgaben können auch kreative Aufgabenstellungen integriert werden, wie z.B. das Schreiben einer inneren Monologs einer Figur, das Verfassen eines Zeitungsartikels über den Mord an Ill oder die Gestaltung eines Bühnenbildes für eine Aufführung des Stückes.
- Gruppenarbeit: Die Schülerinnen und Schüler können in Gruppen zusammenarbeiten, um bestimmte Aspekte des Stückes zu analysieren und zu präsentieren.
- Medieneinsatz: Die Schülerinnen und Schüler können recherchieren, wie das Stück in verschiedenen Inszenierungen umgesetzt wurde und diese vergleichen.
- Diskussionen: Die Klassenarbeit kann durch eine anschließende Diskussion im Plenum ergänzt werden, in der die Schülerinnen und Schüler ihre Erkenntnisse austauschen und ihre Meinungen diskutieren können.
Durch die Integration kreativer Elemente und interaktiver Methoden kann die Klassenarbeit zu einem anregenden und motivierenden Lernerlebnis werden, das die Schülerinnen und Schüler nachhaltig für die Auseinandersetzung mit Literatur begeistert.
Die Klassenarbeit zu "Der Besuch der alten Dame" sollte also mehr sein als nur eine bloße Wissensabfrage. Sie sollte eine Gelegenheit bieten, die komplexen Themen des Stückes zu analysieren, das kritische Denken zu fördern und die Kreativität und das Engagement der Schülerinnen und Schüler anzuregen. Nur so kann sie zu einem wertvollen Beitrag zur literarischen Bildung der Jugendlichen werden und ihnen helfen, die Welt um sie herum besser zu verstehen.
In einer Zeit, in der die Moral oft dem Kapital untergeordnet wird, erinnert uns Dürrenmatts Stück auf eindringliche Weise daran, dass Gerechtigkeit und Menschlichkeit unbezahlbar sind. Die Klassenarbeit sollte diese Botschaft vermitteln und die Schülerinnen und Schüler dazu anregen, sich aktiv mit den ethischen Herausforderungen unserer Zeit auseinanderzusetzen.
Denn letztendlich geht es bei der Auseinandersetzung mit "Der Besuch der alten Dame" nicht nur um die Analyse eines literarischen Werkes, sondern auch um die Reflexion unserer eigenen Werte und die Frage, wie wir als Gesellschaft leben wollen.
