Der Besuch Der Alten Dame Szenenanalyse Seite 35 40
Friedrich Dürrenmatts Der Besuch der alten Dame ist ein Werk, das sich einer simplen moralischen Bewertung entzieht. Die Szene auf den Seiten 35 bis 40, in der Claire Zachanassian ihre "Wohltätigkeit" offenbart und Güllen vor die Wahl zwischen Moral und wirtschaftlicher Rettung stellt, ist ein Schlüsselmoment. Sie fungiert als eine Art Ausstellung der menschlichen Schwächen und der Verführbarkeit durch Geld. Eine Analyse dieser Passage offenbart nicht nur Dürrenmatts dramaturgische Meisterschaft, sondern wirft auch grundlegende Fragen nach Gerechtigkeit, Schuld und Verantwortung auf.
Die Ausstellung der Verhältnisse: Eine szenische Dekonstruktion
Die Szene beginnt mit einer trügerischen Atmosphäre. Claire Zachanassian erscheint als die Retterin in der Not, die verspricht, Güllen aus der Armut zu führen. Doch schnell wird klar, dass ihr Angebot an eine unmissverständliche Bedingung geknüpft ist: Alfred Ill muss sterben. Diese Offenbarung ist ein Schockmoment, der die bis dahin herrschende Fassade der Hoffnung und des guten Willens zerstört. Die Szene inszeniert sich somit als eine Art Ausstellung der wahren Verhältnisse in Güllen. Die Armut, die Hoffnungslosigkeit und die latente Korrumpierbarkeit der Bürger werden schonungslos offenbart.
Das Exponat: Alfred Ill als Sündenbock
Alfred Ill wird in dieser Szene zum Exponat. Er ist der Sündenbock, der für die Rettung der Gemeinschaft geopfert werden soll. Dürrenmatt präsentiert Ill nicht als unschuldiges Opfer. Seine Affäre mit Claire in seiner Jugend, die zur Folge hatte, dass sie die Stadt als mittellose Schwangere verlassen musste, ist die Grundlage für Claires Rache. Ill ist also schuldig, jedoch nicht in einem Ausmaß, das seine Hinrichtung rechtfertigen würde. Dürrenmatt legt hier bewusst eine moralische Ambiguität an den Tag. Er zeigt, dass auch vermeintliche Opfer nicht frei von Schuld sind und dass Gerechtigkeit oft eine Frage der Perspektive ist.
Die Kulisse: Güllen als Spiegelbild der Gesellschaft
Güllen selbst ist Teil der Ausstellung. Die Stadt, die einst blühte und nun im wirtschaftlichen Niedergang versinkt, symbolisiert die Verfehlungen der Gesellschaft. Die Bürger Güllens sind verführt vom Versprechen des Geldes. Ihre anfängliche Empörung über Claires Forderung weicht schnell einer kalkulierenden Akzeptanz. Sie beginnen, sich neue Schuhe zu kaufen, Kredite aufzunehmen und sich auf den bevorstehenden Tod von Ill vorzubereiten. Dürrenmatt zeigt, wie schnell moralische Werte unter dem Druck wirtschaftlicher Notwendigkeit erodieren können.
Die pädagogische Dimension: Eine Lektion in Moral und Verantwortung
Die Szene auf den Seiten 35 bis 40 ist nicht nur eine dramatische Zuspitzung der Handlung, sondern auch ein Lehrstück über Moral und Verantwortung. Dürrenmatt fordert den Leser und Zuschauer auf, sich mit den ethischen Dilemmata auseinanderzusetzen, die in der Geschichte aufgeworfen werden. Er stellt die Frage, wie weit man gehen darf, um das eigene Überleben oder das der Gemeinschaft zu sichern. Gibt es eine Grenze, an der Moral wichtiger ist als wirtschaftlicher Erfolg?
Die Auseinandersetzung mit Schuld und Sühne
Dürrenmatt präsentiert keine einfachen Antworten. Er zeigt, dass Schuld und Sühne komplexe und vielschichtige Konzepte sind. Claires Rache mag verständlich sein, aber sie ist nicht gerecht. Die Bürger Güllens sind schuldig, weil sie sich von der Aussicht auf Reichtum korrumpieren lassen, aber sie sind auch Opfer ihrer wirtschaftlichen Notlage. Ill ist schuldig, aber sein Tod ist keine angemessene Strafe für seine Verfehlungen. Dürrenmatt zwingt uns, uns mit der Fragwürdigkeit unserer eigenen moralischen Urteile auseinanderzusetzen.
Die Bedeutung der individuellen Verantwortung
Trotz der komplexen moralischen Fragen betont Dürrenmatt die Bedeutung der individuellen Verantwortung. Jeder Bürger Güllens hat die Wahl, sich Claires Angebot zu widersetzen und Ill zu schützen. Doch die Angst vor Armut und die Verlockung des Reichtums sind zu stark. Dürrenmatt warnt vor der Gefahr der kollektiven Verantwortungslosigkeit, bei der sich jeder hinter der Entscheidung der Mehrheit versteckt und die eigenen moralischen Bedenken ignoriert.
Das Besuchserlebnis: Zwischen Faszination und Unbehagen
Die Szene auf den Seiten 35 bis 40 ist für den Leser und Zuschauer ein intensives und unbequemes Erlebnis. Dürrenmatts drastische Inszenierung und seine schonungslose Darstellung der menschlichen Schwächen lassen niemanden unberührt. Die Geschichte fasziniert durch ihre dramaturgische Spannung und ihre vielschichtigen Charaktere, aber sie hinterlässt auch ein Gefühl des Unbehagens und der Ratlosigkeit.
Die emotionale Achterbahnfahrt
Der Leser und Zuschauer wird in dieser Szene auf eine emotionale Achterbahnfahrt mitgenommen. Zuerst herrscht Hoffnung auf die Rettung Güllens, dann folgt der Schock über Claires Forderung, dann die Fassungslosigkeit über die Korrumpierbarkeit der Bürger und schließlich die Angst vor dem bevorstehenden Tod von Ill. Dürrenmatt versteht es meisterhaft, die Gefühle des Publikums zu manipulieren und es in die moralischen Dilemmata der Geschichte hineinzuziehen.
Die nachhaltige Wirkung
Der Besuch der alten Dame ist ein Werk, das noch lange nachwirkt. Die Fragen, die in der Szene auf den Seiten 35 bis 40 aufgeworfen werden, sind zeitlos und relevant. Dürrenmatt zwingt uns, über unsere eigenen moralischen Werte nachzudenken und uns zu fragen, wie wir in einer ähnlichen Situation handeln würden. Die Geschichte ist eine Warnung vor der Verführbarkeit durch Geld und der Gefahr der kollektiven Verantwortungslosigkeit.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Szene auf den Seiten 35 bis 40 von Der Besuch der alten Dame eine Art Ausstellung menschlicher Abgründe ist. Sie ist eine lehrreiche Lektion in Moral und Verantwortung und ein intensives Besuchserlebnis, das den Leser und Zuschauer noch lange beschäftigt. Dürrenmatts Werk ist nicht nur ein spannendes Drama, sondern auch ein wichtiger Beitrag zur gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit Schuld, Gerechtigkeit und der Frage, was es bedeutet, Mensch zu sein.
