Der Besuch Der Alten Dame Szenenanalyse Seite 86 91
Friedrich Dürrenmatts Der Besuch der alten Dame ist ein Klassiker des 20. Jahrhunderts, der die Abgründe der menschlichen Natur und die Korrumpierbarkeit der Moral aufzeigt. Eine besonders intensive Auseinandersetzung mit diesen Themen findet sich in den Szenen auf den Seiten 86 bis 91 der Lektüre. Eine detaillierte Szenenanalyse bietet nicht nur ein tieferes Verständnis der Handlung, sondern ermöglicht auch eine Reflexion über die universellen Fragen, die Dürrenmatt aufwirft.
Die Szene: Eine Eskalation der Ereignisse
Die betrachteten Seiten umfassen einen entscheidenden Abschnitt der Handlung: die fortschreitende moralische Verrohung der Güllener Bevölkerung. Claire Zachanassian hat ihr unmoralisches Angebot – eine Milliarde für den Mord an Alfred Ill – öffentlich gemacht, und nun beobachten wir, wie dieses Angebot langsam, aber unaufhaltsam, seine Wirkung entfaltet. Die Szene ist geprägt von einer subtilen, aber stetigen Zunahme der Konsumfreude und des Luxus in Güllen. Diese Veränderung manifestiert sich in konkreten Objekten, die zu stummen Zeugen der Korruption werden. Neue Schuhe, teure Zigarren und luxuriöse Nahrungsmittel finden Einzug in den Alltag der Güllener, finanziert durch Kredite, die in Erwartung von Claires Milliarde aufgenommen werden.
Diese materielle Eskalation dient als Spiegelbild der inneren Verrohung der Charaktere. Die Güllener versuchen, ihre wahren Motive hinter einer Fassade der Normalität zu verbergen, doch die wachsenden Schulden und der demonstrative Konsum entlarven ihre Gier und ihren Opportunismus. Die Spannung in der Szene wird dadurch erhöht, dass Alfred Ill weiterhin ein scheinbar normales Leben führt, während er sich zunehmend der Gefahr bewusst wird, die von seinen Mitbürgern ausgeht. Seine Versuche, die Stadt zu verlassen, scheitern und verstärken das Gefühl der Ausweglosigkeit und des bevorstehenden Unheils.
Die Bedeutung der "Exponate" der Korruption
Die neu erworbenen Konsumgüter in Güllen fungieren als symbolische "Exponate", die die fortschreitende Korruption greifbar machen. Sie sind mehr als nur Gegenstände des Konsums; sie sind Manifestationen der moralischen Entleerung der Güllener. Betrachten wir einige Beispiele:
- Die gelben Schuhe: Sie sind ein besonders auffälliges Symbol. Zunächst tragen sie nur die Kinder, dann immer mehr Erwachsene. Sie repräsentieren die Uniformierung der Güllener unter dem Banner des Geldes und die Aufgabe individueller moralischer Überzeugungen. Die gelbe Farbe kann auch als Anspielung auf die Farbe des Goldes interpretiert werden, was die Verführungskraft des Geldes und seine Macht, die Menschen zu verändern, unterstreicht.
- Die Zigarren: Sie stehen für den neu gewonnenen Luxus und die Sorglosigkeit, die sich in Güllen breitmachen. Sie sind ein Symbol für Genuss, aber auch für die Verdrängung der Gewissensbisse.
- Das Essen: Die Verbesserung der Ernährung und der Konsum teurer Lebensmittel zeigen die Bereitschaft, sich auf Kosten von Ills Leben zu bereichern. Die Mahlzeiten werden zu Festen der Heuchelei, bei denen die Güllener ihre Schuld mit gutem Essen zu überspielen versuchen.
Diese "Exponate" sind nicht nur dekorative Elemente; sie sind wesentliche Bestandteile der Inszenierung von Dürrenmatts Kritik an der Konsumgesellschaft und der menschlichen Natur.
Pädagogischer Wert: Eine Reflexion über Moral und Verantwortung
Die Analyse dieser Szenen bietet einen immensen pädagogischen Wert. Sie regt zur Auseinandersetzung mit folgenden Fragen an:
- Moralischer Kompromiss: Wie weit sind Menschen bereit zu gehen, um ihren eigenen Vorteil zu wahren? Welche Rechtfertigungen werden für unmoralisches Handeln gefunden?
- Gruppendruck: Wie beeinflusst der Druck der Gruppe das individuelle Verhalten? Wie schwierig ist es, sich gegen den Strom zu stellen?
- Verantwortung: Wer trägt die Verantwortung für die Tat? Nur der Ausführende oder auch die Mitwisser und Profiteure?
- Gerechtigkeit: Kann finanzielle Wiedergutmachung Gerechtigkeit ersetzen? Welche Rolle spielt die Rache in einer Gesellschaft?
- Die Macht des Geldes: Wie korrumpierend kann Geld wirken? Wie verändert es die Beziehungen zwischen Menschen?
Durch die kritische Auseinandersetzung mit diesen Fragen können Schülerinnen und Schüler ihre eigene moralische Urteilsfähigkeit schärfen und ein tieferes Verständnis für die Komplexität menschlichen Handelns entwickeln. Die Szenenanalyse dient als Anstoß zur Selbstreflexion und fördert die Entwicklung ethischer Werte.
Besucher-Erlebnis: Die Inszenierung der Korruption
Stellen wir uns vor, diese Szenen wären Teil einer Ausstellung in einem Museum oder einer Theateraufführung. Wie könnte das "Besucher-Erlebnis" gestaltet werden, um die Botschaft der Szenen optimal zu vermitteln?
Eine mögliche Umsetzung wäre die Schaffung einer realitätsnahen Umgebung, die die Atmosphäre in Güllen widerspiegelt. Dies könnte durch den Einsatz von Bühnenbild, Kostümen und Requisiten erreicht werden. Die gelben Schuhe könnten als zentrales Element der Ausstellung platziert werden, um die Aufmerksamkeit der Besucher auf die Symbolik der Korruption zu lenken. Audiovisuelle Elemente, wie z.B. kurze Videosequenzen mit Zitaten aus dem Stück oder Interviews mit Experten, könnten das Verständnis der Besucher vertiefen.
Eine interaktive Komponente könnte darin bestehen, dass die Besucher selbst in die Rolle der Güllener schlüpfen und Entscheidungen treffen müssen. Sie könnten beispielsweise vor die Wahl gestellt werden, ob sie sich an der Korruption beteiligen oder nicht, und die Konsequenzen ihrer Entscheidungen direkt erfahren. Dies würde das "Besucher-Erlebnis" emotionalisieren und die Botschaft des Stücks nachhaltiger vermitteln.
Darüber hinaus könnten Diskussionsrunden und Workshops angeboten werden, in denen die Besucher ihre Gedanken und Gefühle austauschen und gemeinsam über die moralischen Fragen des Stücks reflektieren können. Dies würde das "Besucher-Erlebnis" vertiefen und die Auseinandersetzung mit den Themen des Stücks fördern.
Ein weiterer Aspekt des "Besucher-Erlebnisses" könnte die Darstellung der Perspektive von Alfred Ill sein. Seine Angst und Verzweiflung könnten durch den Einsatz von Licht- und Toneffekten oder durch eine VR-Erfahrung vermittelt werden. Dies würde den Besuchern ermöglichen, sich in die Lage des Opfers zu versetzen und die Grausamkeit der Ereignisse in Güllen noch intensiver zu erleben.
Fazit: Eine zeitlose Mahnung
Die Szenen auf den Seiten 86 bis 91 von Der Besuch der alten Dame sind ein prägnantes Beispiel für Dürrenmatts meisterhafte Darstellung der menschlichen Schwächen und der Gefahren der Korruption. Die "Exponate" der Korruption, wie die gelben Schuhe und die Zigarren, sind kraftvolle Symbole, die die Botschaft des Stücks nachhaltig vermitteln. Die Analyse dieser Szenen bietet einen immensen pädagogischen Wert und regt zur Auseinandersetzung mit grundlegenden Fragen der Moral und Verantwortung an. Eine kreative Gestaltung des "Besucher-Erlebnisses" könnte die Botschaft des Stücks noch intensiver vermitteln und die Besucher zu einer tiefgreifenden Reflexion über die universellen Themen des Stücks anregen. Der Besuch der alten Dame bleibt somit eine zeitlose Mahnung, die uns auch heute noch zum Nachdenken anregt.
