Der Gute Gott Von Manhattan
Wisst ihr, manchmal, wenn ich durch Manhattan laufe, besonders an einem dieser verrückten, hektischen Tage, habe ich das Gefühl, dass da ein kleiner, schusseliger Gott über uns wacht. Nicht so ein strenger, strafender Gott, sondern eher so ein ... praktischer Gott. So einer, der morgens Kaffee verschüttet und sich dann denkt: "Ach, egal, irgendjemand braucht heute sowieso eine überraschende Dusche!"
Und genau so einer ist auch der Gott in Ingeborg Bachmanns Hörspiel, "Der gute Gott von Manhattan". Keine Sorge, es ist nicht wirklich ein religiöses Stück. Es ist eher eine liebevolle, aber auch ziemlich bissige Beobachtung darüber, wie Liebe in einer kalten, effizienten Welt funktionieren kann – oder eben auch nicht.
Liebe in der Betonwüste
Stellt euch vor, da ist eine junge Frau, Jennifer. Sie ist so richtig verliebt in das Leben in New York. Sie liebt die Hektik, die Geschäftigkeit, das Gefühl, dass alles möglich ist. Aber vor allem liebt sie einen Mann, der sie liebt. Er ist ihr Fels in der Brandung, ihr Anker in diesem Meer aus Taxi-Hupen und blinkenden Lichtern.
Und dann ist da der "gute Gott von Manhattan". Der ist aber nicht wirklich "gut". Er ist mehr so ein ... Verwalter der Liebe. Er sorgt dafür, dass alles nach seinen Regeln läuft. Und seine Regeln sind ziemlich streng. Er mag keine Exzesse, keine Leidenschaft, keine unkontrollierbaren Emotionen. Er will, dass die Liebe berechenbar und sicher ist. Er denkt, er weiß, was für uns am besten ist, auch wenn wir das selbst anders sehen.
Eine unbarmherzige Romanze
Jennifer und ihr Liebster sind natürlich ein Dorn im Auge dieses Gottes. Ihre Liebe ist zu wild, zu ungestüm. Sie lassen sich von ihren Gefühlen leiten, sie riskieren etwas. Und das passt ihm überhaupt nicht. Also beschließt er, einzugreifen. Nicht mit Blitz und Donner, sondern mit subtileren Mitteln. Mit kleinen Unfällen, mit Missverständnissen, mit einer wachsenden Angst, die sich langsam in die Beziehung einschleicht.
Man kann sich das fast wie in einem dieser absurden Cartoons vorstellen. Der Gott sitzt in seinem Wolkenkratzer-Büro und plant Katastrophen. Er sieht Jennifer und ihren Liebsten glücklich im Central Park spazieren und denkt sich: "Nein, nein, das geht so nicht! Da muss jetzt aber mal ein Eiswagen mit voller Wucht gegen eine Laterne fahren, damit die beiden erschrecken!"
"Die Liebe ist ein Geschäft. Und Geschäfte müssen ordentlich abgewickelt werden." - Der gute Gott von Manhattan
Das ist natürlich überspitzt, aber es zeigt, worum es in dem Stück geht. Es geht darum, dass wir oft versuchen, die Liebe zu kontrollieren, zu rationalisieren. Wir wollen uns absichern, wir wollen nicht verletzt werden. Aber ist das dann noch Liebe? Oder ist es nur noch eine Art kalkuliertes Risiko?
Das Ende der Unschuld
Ohne zu viel zu verraten, kann ich sagen, dass die Geschichte kein Happy End hat. Der "gute Gott" gewinnt. Jennifers unschuldige, leidenschaftliche Liebe wird zerstört. Sie wird "erzogen" – zu einer vorsichtigeren, angepassten Liebe. Eine Liebe, die dem Gott gefällt, weil sie ihn nicht herausfordert.
Das ist natürlich traurig. Aber es ist auch eine Warnung. Es erinnert uns daran, dass wir die Liebe nicht zu Tode rationalisieren dürfen. Dass wir uns dem Risiko stellen müssen, wenn wir wirklich lieben wollen. Dass wir nicht zulassen dürfen, dass uns ein vermeintlich "guter" Gott vorschreibt, wie wir zu fühlen haben.
Also, wenn ihr das nächste Mal durch Manhattan lauft und euch fragt, wer da eigentlich über euch wacht, denkt an Jennifer und ihren Liebsten. Und erinnert euch daran, dass die beste Liebe die ist, die sich nicht kontrollieren lässt. Die, die uns überrascht, die uns überwältigt, die uns manchmal auch weh tut. Aber die uns vor allem lebendig fühlen lässt.
Und vielleicht, ganz vielleicht, schenkt uns der kleine, schusselige Gott von Manhattan dann ja doch noch ein Lächeln. Oder zumindest einen Regenbogen nach dem nächsten plötzlichen New Yorker Regenschauer.
