Deutsch Abitur Mündliche Prüfung
Stellt euch vor, ihr steht am Rande eines tiefen Sees, wisst, ihr müsst schwimmen, aber ihr habt vergessen, wie. Oder, noch schlimmer, ihr erinnert euch, dass ihr eigentlich gar nicht schwimmen könnt. So ungefähr fühlt sich die Mündliche Abiturprüfung für viele an. Nur, dass der See nicht aus Wasser, sondern aus Deutsch besteht, und der Schwimmkurs irgendwie während der letzten drei Schuljahre verpasst wurde.
Der große Tag – oder: Wenn der Kopf zum Sieb wird
Der Tag der Prüfung selbst ist eine Art Staatsakt. Man trägt das beste Hemd, das nicht gebügelt werden musste (oder, noch besser, man hat Mama oder Papa dazu überredet, es zu tun). Die Haare sitzen, mehr oder weniger, und der Magen hat sich entschieden, entweder komplett leer zu sein oder einen unkontrollierbaren Vulkan in Gang zu setzen. Auf jeden Fall ist an Essen nicht wirklich zu denken.
Dann betritt man den Raum. Da sitzen sie, die Prüfer. Meistens freundliche Gesichter, aber irgendwie sehen sie doch aus, als würden sie jede falsche Vokabel, jede holprige Grammatik mit einem gnadenlosen roten Stift abstrafen. Einer lächelt vielleicht sogar, aber man fragt sich, ob das ein Zeichen von Mitgefühl oder purer Schadenfreude ist. Man weiß es einfach nicht!
Und dann geht es los. Die Fragen prasseln auf einen ein. Man versucht, sich an alles zu erinnern, was man jemals über Faust, Die Verwandlung oder die Weimarer Republik gelesen hat. Aber das Gehirn hat beschlossen, an diesem Tag streikt es. Es zeigt einem nur Bilder von Katzenvideos und den Text des Lieblingssongs. Der Rest ist wie gelöscht.
Blackout – Der Albtraum jedes Schülers
Der Blackout ist der Endgegner der mündlichen Prüfung. Plötzlich ist alles weg. Man steht da, wie bestellt und nicht abgeholt, und stammelt irgendetwas Unverständliches. Die Prüfer schauen einen an. Stille. Unerträgliche Stille. Man versucht, sich an irgendetwas festzuhalten, an irgendeine Information, irgendeine Idee. Aber da ist nichts. Niente. Nada.
In solchen Momenten hilft nur noch eins: Humor. Irgendwann hat mal ein Schüler, mitten im Blackout, angefangen, ein Gedicht von Goethe zu rezitieren. Nicht, weil es zur Frage passte, sondern einfach, weil es ihm gerade einfiel. Die Prüfer waren so überrascht, dass sie anfingen zu lachen. Und plötzlich war die Stimmung lockerer, der Knoten geplatzt. Der Schüler hat die Prüfung trotzdem bestanden, wenn auch knapp.
Die unerwarteten Helden
Manchmal tauchen während der Prüfung unerwartete Helden auf. Das kann der Prüfer sein, der plötzlich doch freundlich wird und einem mit einer geschickten Frage auf die Sprünge hilft. Oder der Mitschüler, der einem vor der Tür noch schnell den entscheidenden Tipp gibt ("Denk an Kafka!"). Oder sogar man selbst, wenn man trotz aller Panik plötzlich doch noch eine kluge Antwort aus dem Hut zaubert.
Es gibt auch die Geschichte von dem Schüler, der so nervös war, dass er versehentlich seinen Spickzettel vor den Prüfern fallen ließ. Anstatt ihn aufzuheben, starrte er ihn an, als ob er ein außerirdisches Artefakt wäre. Die Prüfer sahen sich an, zuckten mit den Schultern und sagten: "Na, dann erklären Sie uns doch mal, was da so drauf steht." Der Schüler nutzte die Chance und präsentierte seine Zusammenfassung des Romans. Am Ende hatte er eine gute Note, weil er aus der Not eine Tugend gemacht hatte.
Mehr als nur eine Note
Die Mündliche Abiturprüfung ist mehr als nur eine Note. Sie ist eine Feuerprobe, ein Initiationsritus. Sie zeigt einem, dass man mehr kann, als man denkt. Dass man auch unter Druck einen kühlen Kopf bewahren kann (oder zumindest so tun kann). Und dass man selbst die größten Herausforderungen überstehen kann, wenn man nicht aufgibt.
Und selbst wenn die Note nicht so gut ist, wie man es sich erhofft hat, ist es kein Weltuntergang. Es ist nur ein kleiner See in einem großen Ozean. Und irgendwann wird man lernen, auch darin zu schwimmen. Vielleicht nicht perfekt, aber mit genug Humor und Durchhaltevermögen.
Denkt daran: Jede bestandene Mündliche ist ein Sieg gegen die innere Nervosität, gegen den Blackout und gegen die Angst, etwas falsch zu machen. Und das ist schon eine ganze Menge!
