Die Welle Von Morton Rhue
Morton Rhues Roman Die Welle (The Wave) ist ein Werk der Jugendliteratur, das seit seiner Veröffentlichung im Jahr 1981 weite Verbreitung gefunden hat. Es basiert auf einem tatsächlichen Experiment, das 1967 an einer Highschool in Kalifornien stattfand. Dieser Artikel bietet eine detaillierte und unvoreingenommene Einführung in den Roman, seine Entstehung, seinen Inhalt und seine Bedeutung.
Die Entstehung und der Hintergrund
Die Welle basiert auf dem "Third Wave"-Experiment des Geschichtslehrers Ron Jones an der Cubberley High School in Palo Alto, Kalifornien. Jones wollte seinen Schülern verständlich machen, wie im Deutschland der 1930er Jahre der Nationalsozialismus entstehen und sich ausbreiten konnte. Viele Schüler äußerten Unverständnis darüber, wie die deutsche Bevölkerung die Gräueltaten des Regimes ignorieren oder gar unterstützen konnte.
Um dies zu verdeutlichen, begann Jones mit einem Experiment, das er "The Third Wave" nannte. Er führte zunächst neue Regeln und Disziplin in seinem Unterricht ein, um die Macht der Gemeinschaft und Disziplin zu demonstrieren. Er forderte von seinen Schülern absolute Disziplin, aufrechte Haltung, und die Beachtung einfacher Regeln. Er gab ihnen auch einen Gruß, den sie untereinander verwendeten.
Das Experiment eskalierte schnell. Innerhalb weniger Tage schlossen sich immer mehr Schüler der Bewegung an. Sie spionierten einander aus, denunzierten Andersdenkende und übten Druck auf diejenigen aus, die sich nicht beteiligen wollten. Jones verlor zunehmend die Kontrolle über das Experiment, das schließlich abgebrochen wurde, als er erkannte, welche gefährlichen Ausmaße es angenommen hatte.
Morton Rhue, das Pseudonym des amerikanischen Autors Todd Strasser, verarbeitete diese Ereignisse zu dem Roman Die Welle. Rhue nahm einige fiktive Elemente hinzu, um die Geschichte dramatischer und zugänglicher zu gestalten, behielt aber im Wesentlichen die Kernidee des Experiments bei.
Die Handlung des Romans
Der Roman spielt an einer High School in den Vereinigten Staaten. Der Geschichtslehrer Ben Ross versucht, seinen Schülern das Thema Nationalsozialismus zu vermitteln. Ähnlich wie im Originalexperiment stoßen die Schüler auf Schwierigkeiten, die Ereignisse der NS-Zeit zu begreifen. Sie können sich nicht vorstellen, wie eine ganze Nation sich von einer Ideologie verführen lassen konnte.
Um das Verständnis zu erleichtern, startet Ross ein Experiment, das er "Die Welle" nennt. Er beginnt mit einfachen Übungen zur Disziplin und Gemeinschaft. Die Schüler sollen aufrecht sitzen, aufmerksam zuhören und sich gegenseitig respektieren. Ross führt auch einen Gruß ein, den die Schüler untereinander austauschen.
Schnell entwickelt sich "Die Welle" zu einer eigenständigen Bewegung. Die Schüler sind begeistert von dem Zusammengehörigkeitsgefühl und der Disziplin. Sie fühlen sich stärker und sicherer. Immer mehr Schüler treten der Bewegung bei, auch solche, die anfangs skeptisch waren.
Allerdings gibt es auch kritische Stimmen. Laurie Saunders, eine Schülerin und Redakteurin der Schülerzeitung, beobachtet die Entwicklung mit zunehmender Besorgnis. Sie sieht die Gefahren, die von der Bewegung ausgehen. Sie beobachtet, wie Schüler, die nicht mitmachen wollen, ausgegrenzt und unter Druck gesetzt werden. Sie kritisiert die blinde Gefolgschaft und den Verlust des individuellen Denkens.
Auch David Collins, Lauries Freund, ist zunächst von der Welle begeistert. Er sieht die positiven Auswirkungen auf das Gemeinschaftsgefühl. Doch im Laufe der Zeit erkennt auch er die negativen Seiten. Er wird sich bewusst, dass die Bewegung zu Aggression und Intoleranz führt.
Die Situation eskaliert, als Ross feststellt, dass er die Kontrolle über die Bewegung verliert. Die Welle breitet sich in der ganzen Schule aus und beeinflusst das Verhalten der Schüler in anderen Fächern. Es kommt zu Konflikten und Gewalt. Ross erkennt, dass er das Experiment beenden muss, bevor es außer Kontrolle gerät.
Er organisiert eine Versammlung, bei der er den Schülern die wahre Natur der Welle offenbart. Er erklärt ihnen, dass die Bewegung eine Manipulation war, die darauf abzielte, ihnen die Mechanismen von Faschismus und Gruppenzwang zu verdeutlichen. Er zeigt ihnen einen Film über das Dritte Reich und macht ihnen klar, dass sie sich von den gleichen Prinzipien haben leiten lassen wie die Nationalsozialisten.
Die Schüler sind geschockt und desillusioniert. Sie erkennen, dass sie sich von einer Ideologie haben verführen lassen, die sie zuvor verurteilt hatten. Das Experiment endet mit der Erkenntnis, dass Autorität und Gruppenzwang gefährlich sein können und dass es wichtig ist, kritisch zu denken und sich eine eigene Meinung zu bilden.
Themen und Motive
Die Welle behandelt eine Reihe wichtiger Themen, darunter:
- Gruppenzwang: Der Roman zeigt, wie stark der Druck sein kann, sich einer Gruppe anzupassen und die eigenen Überzeugungen aufzugeben.
- Autorität: Er untersucht, wie Autoritäten missbraucht werden können, um Menschen zu manipulieren und zu kontrollieren.
- Konformität: Er verdeutlicht die Gefahren der Konformität und die Bedeutung des individuellen Denkens.
- Faschismus: Er macht die Mechanismen des Faschismus verständlich und zeigt, wie er entstehen und sich ausbreiten kann.
- Verantwortung: Er betont die Verantwortung jedes Einzelnen für seine eigenen Handlungen und für die Gesellschaft als Ganzes.
Die Bedeutung und Rezeption
Die Welle ist ein bedeutendes Werk der Jugendliteratur, das bis heute in vielen Schulen gelesen und diskutiert wird. Der Roman regt zum Nachdenken über wichtige gesellschaftliche Fragen an und sensibilisiert für die Gefahren von Gruppenzwang und Autoritätsmissbrauch.
Das Buch wurde für seine klare und zugängliche Sprache gelobt, die es auch jungen Lesern ermöglicht, komplexe Themen zu verstehen. Kritisiert wurde der Roman teilweise für seine vereinfachte Darstellung des Nationalsozialismus und die Dramatisierung des Experiments. Dennoch gilt Die Welle als ein wichtiges Werk, das zur Auseinandersetzung mit der Vergangenheit und zur Förderung des kritischen Denkens beiträgt.
Der Roman wurde mehrfach adaptiert, unter anderem als Fernsehfilm (1981) und als Kinofilm (2008). Die Filmadaptionen haben dazu beigetragen, die Popularität des Romans weiter zu steigern. Besonders der Kinofilm von 2008, der in Deutschland spielt, aktualisiert die Thematik und verlegt sie in den Kontext heutiger Jugendlicher.
Warum ist das Buch auch heute noch relevant?
Auch wenn Die Welle auf einem Experiment basiert, das vor Jahrzehnten stattfand, sind die Themen, die der Roman behandelt, nach wie vor relevant. Die Gefahren von Gruppenzwang, Autoritätsmissbrauch und Konformität sind in der heutigen Gesellschaft genauso präsent wie in der Vergangenheit. Insbesondere in Zeiten von sozialen Medien und politischer Polarisierung ist es wichtig, sich bewusst zu machen, wie leicht man von Ideologien und Meinungen anderer beeinflusst werden kann.
Die Welle erinnert uns daran, kritisch zu denken, sich eine eigene Meinung zu bilden und sich nicht blind einer Gruppe oder einer Autorität anzuschließen. Der Roman ist ein Aufruf zur Eigenverantwortung und zur aktiven Gestaltung einer demokratischen Gesellschaft.
Für Expats und Neuankömmlinge in Deutschland kann Die Welle ein Schlüssel zum Verständnis der deutschen Geschichte und der deutschen Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus sein. Es bietet einen Einblick in die Mechanismen, die zu den Gräueltaten des Dritten Reiches führten, und sensibilisiert für die Notwendigkeit, solche Entwicklungen in der Gegenwart zu erkennen und zu verhindern. Das Buch kann helfen, die deutsche Kultur besser zu verstehen und sich mit den Werten der Demokratie und Toleranz auseinanderzusetzen.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Die Welle von Morton Rhue ein wichtiger und lesenswerter Roman ist, der auch heute noch eine große Bedeutung hat. Er ist ein Appell zur Wachsamkeit und zur Eigenverantwortung und trägt dazu bei, das Bewusstsein für die Gefahren von Gruppenzwang und Autoritätsmissbrauch zu schärfen.
