El Coronel No Tiene A Quien Le Escriba
Stell dir vor, du bist ein alter Mann. Ein Held von gestern, quasi. Früher hast du gekämpft, für deine Ideale, für eine bessere Zukunft. Jetzt sitzt du da, in einem kleinen, staubigen Nest von einem Haus, und wartest. Worauf? Auf Post. Auf eine Rente, die dir versprochen wurde. Eine Rente, die nie kommt.
Das ist die Ausgangssituation in Gabriel García Márquez' Roman "Der Oberst hat niemand, der ihm schreibt" ("El Coronel No Tiene A Quien Le Escriba"). Klingt deprimierend, oder? Ist es auch. Aber eben auch… witzig. Ja, wirklich!
Warten auf Godot, kolumbianisch
Der Oberst, dessen Name wir nie erfahren, ist ein Überlebender des Tausendtagekrieges. Er lebt mit seiner Frau, einer chronisch kranken und herrlich nörgelnden Frau, in einem kleinen kolumbianischen Dorf. Jeden Freitag geht er zum Postamt, in der Hoffnung, ein Schreiben zu erhalten, das ihm seine längst überfällige Rente zuspricht. Jeden Freitag wird er enttäuscht. Und jeden Freitag sagt er zu seiner Frau: "Nächste Woche kommt sie bestimmt."
Das ist der Running Gag des Romans. Die beiden warten und warten. Und warten. Man könnte meinen, sie warten auf Godot, nur eben mit Papageien und Hähnen im Hintergrund.
Der Hahn: Mehr als nur ein Federvieh
Apropos Hähne: Der Oberst und seine Frau besitzen einen Kampfhahn, der eine Art Symbol der Hoffnung und des Widerstands für das ganze Dorf darstellt. Der Hahn gehört eigentlich ihrem toten Sohn, der von den Behörden erschossen wurde, weil er illegale Flugblätter verteilt hat. Der Hahn ist also mehr als nur ein Tier. Er ist ein lebendes Vermächtnis, eine Erinnerung an ihren Sohn und ein Zeichen der Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Er ist auch ein riesiges Problem, weil er gefüttert werden muss! Und das Geld ist knapp, sehr knapp.
Das Dilemma des Obersten: Er könnte den Hahn verkaufen und damit seine Familie eine Weile über Wasser halten. Aber er weiß, dass der Hahn das Potenzial hat, viel mehr Geld einzubringen, wenn er ihn bei Hahnenkämpfen einsetzt. Und er weiß auch, dass das ganze Dorf auf diesen Hahn setzt, als Symbol des Widerstands gegen die korrupte Regierung.
Humor in der Verzweiflung
Trotz der bitteren Armut und der Hoffnungslosigkeit ist der Roman durchzogen von einem feinen, lakonischen Humor. Die Dialoge zwischen dem Obersten und seiner Frau sind zum Schreien komisch. Sie necken sich, streiten sich, lieben sich. Sie sind ein eingespieltes Team, das sich den Widrigkeiten des Lebens mit Galgenhumor stellt. Die Frau des Obersten ist eine Meisterin des Sarkasmus. Sie kommentiert die Situation mit bissigen Bemerkungen und hält ihrem Mann ständig seine Träumereien und Illusionen vor. Aber sie steht ihm auch zur Seite, in guten wie in schlechten Zeiten.
Ein Beispiel? Der Oberst hat nichts zu essen. Wirklich nichts. Er überlegt, was er tun soll. Seine Frau fragt ihn: "Was essen wir morgen?" Der Oberst antwortet: "Scheiße." Seine Frau erwidert: "Das sage ich dir schon seit langem." Dieser Dialog, so kurz und prägnant, fasst die ganze Tragikomödie des Romans zusammen.
García Márquez schafft es, die Leser zum Lachen und zum Weinen zu bringen. Er zeigt uns, dass auch in den dunkelsten Stunden des Lebens noch Platz für Humor und Hoffnung ist.
Mehr als nur ein politischer Kommentar
Natürlich ist "Der Oberst hat niemand, der ihm schreibt" auch ein politischer Kommentar. García Márquez kritisiert die Korruption und die Ungerechtigkeit in Kolumbien. Er zeigt, wie die einfachen Menschen von der Regierung im Stich gelassen werden. Aber der Roman ist mehr als nur eine politische Anklage. Er ist eine universelle Geschichte über Würde, Hoffnung und die Fähigkeit des Menschen, auch unter schwierigsten Bedingungen zu überleben.
Der Oberst ist ein Held wider Willen. Er ist kein strahlender Krieger, sondern ein einfacher Mann, der seine Ideale bewahrt hat. Er ist ein Mann der Ehre, der sich nicht verbiegen lässt. Er ist ein Vorbild für uns alle, die wir in einer Welt leben, die oft ungerecht und hoffnungslos erscheint.
Und was ist nun mit der Rente? Kommt sie am Ende an? Das müsst ihr schon selbst herausfinden. Aber ich verspreche euch, die Reise lohnt sich. Denn "Der Oberst hat niemand, der ihm schreibt" ist mehr als nur ein Roman. Er ist ein kleines Meisterwerk, das uns noch lange im Gedächtnis bleiben wird. Und vielleicht erinnert er uns daran, dass es manchmal wichtiger ist, die Hoffnung nicht aufzugeben, als auf Post zu warten.
Also, lasst euch von diesem kleinen, kolumbianischen Dorf mit seinen skurrilen Bewohnern verzaubern. Und lasst euch von der Weisheit und dem Humor des Obersten inspirieren. Denn wer weiß, vielleicht wartet auch auf euch eine unerwartete Überraschung hinter der nächsten Ecke.
