Elizabethan View Of The World
Hallo, liebe Reisefreunde! Habt ihr euch jemals gefragt, wie es wäre, durch die Augen eines Menschen im elisabethanischen Zeitalter zu blicken? Ich war kürzlich auf einer gedanklichen Reise in diese faszinierende Epoche, und ich muss sagen, es war eine wirklich beeindruckende Erfahrung. Vergesst eure modernen GPS-Geräte und euren unbegrenzten Zugang zu Informationen – wir tauchen ein in eine Welt, in der das Wissen fragmentiert war, das Mysterium blühte und die Weltkarte noch voller leerer Flecken war.
Stellt euch vor, ihr steht im London des späten 16. Jahrhunderts. Der Duft von Kohle und Abwasser liegt in der Luft, vermischt mit dem süßen Geruch von Gewürzen aus fernen Ländern. Die Welt ist, gelinde gesagt, anders als alles, was wir heute kennen. Das elisabethanische Weltbild war ein faszinierendes Zusammenspiel von Wissenschaft, Religion und Aberglaube, eine Mischung, die uns heute manchmal bizarr erscheinen mag, aber die für die Menschen dieser Zeit absolut real und prägend war.
Das geozentrische Universum: Gott im Zentrum
Eines der grundlegendsten Konzepte des elisabethanischen Weltbildes war das geozentrische Universum. Das bedeutet, dass die Erde als unbeweglicher Mittelpunkt des gesamten Universums betrachtet wurde. Sonne, Mond, Sterne und Planeten kreisten um sie herum in perfekt kreisförmigen Bahnen. Diese Vorstellung war nicht nur eine wissenschaftliche Theorie, sondern tief in der religiösen Überzeugung verwurzelt. Man glaubte, dass Gott die Erde als Bühne für die Menschheit geschaffen hatte, ein besonderer Ort im göttlichen Plan. Die Hierarchie war allgegenwärtig – Gott über den Engeln, die Engel über den Menschen, die Menschen über den Tieren und Pflanzen. Alles hatte seinen Platz in einer göttlich verordneten Ordnung.
Dieses Bild des Universums war nicht nur eine abstrakte Idee für Gelehrte. Es beeinflusste das tägliche Leben der Menschen. Die Positionen der Sterne und Planeten wurden als Indikatoren für Glück und Unglück interpretiert, und die Astrologie spielte eine wichtige Rolle in der Medizin, Landwirtschaft und sogar in politischen Entscheidungen. Ein „unglücklicher“ Stern stand am Himmel? Dann war Vorsicht geboten!
Die Große Kette des Seins: Eine Hierarchie des Lebens
Ein weiteres Schlüsselelement des elisabethanischen Weltbildes war die "Große Kette des Seins" (Great Chain of Being). Dies war eine hierarchische Struktur, die alle Lebewesen und sogar unbelebten Dinge in einer kontinuierlichen Kette von der niedrigsten bis zur höchsten Form anordnete. An der Spitze stand Gott, gefolgt von Engeln, dann Menschen, Tiere, Pflanzen und schließlich Mineralien. Jeder hatte seinen festen Platz, und es wurde erwartet, dass er diesen Platz auch respektierte. Ein Aufstieg in der Kette war unmöglich, und ein Abstieg galt als eine Verletzung der natürlichen Ordnung.
Die menschliche Gesellschaft spiegelte diese Kette wider. Der König stand fast auf einer Ebene mit Gott, gefolgt vom Adel, dann dem Bürgertum, und schließlich den Bauern und Tagelöhnern. Diese soziale Hierarchie war nicht nur eine Frage des Standes, sondern auch der Verantwortung. Jeder hatte seine Pflichten gegenüber denjenigen, die über ihm standen, und seine Rechte gegenüber denjenigen, die unter ihm standen. Diese Ordnung war für das Funktionieren der Gesellschaft unerlässlich. Störungen galten als Bedrohung für die gesamte Struktur.
Die Vier Körpersäfte: Medizin und Temperament
Die elisabethanische Medizin basierte auf der Theorie der Vier Körpersäfte (Humores): Blut, Schleim, gelbe Galle und schwarze Galle. Man glaubte, dass diese Säfte im Körper im Gleichgewicht sein mussten, um Gesundheit zu gewährleisten. Ein Ungleichgewicht führte zu Krankheit. Jeder Saft war mit einem bestimmten Temperament, Element, Jahreszeit und Organ verbunden.
Ein Mensch mit einem Überschuss an Blut galt als sanguinisch – fröhlich, optimistisch und gesellig. Ein Überschuss an Schleim machte jemanden phlegmatisch – ruhig, gelassen und träge. Gelbe Galle führte zu einem cholerischen Temperament – reizbar, leidenschaftlich und ehrgeizig. Und ein Überschuss an schwarzer Galle machte jemanden melancholisch – nachdenklich, traurig und pessimistisch. Ärzte versuchten, das Gleichgewicht der Säfte durch verschiedene Behandlungen wie Aderlass, Schröpfen, Diät und Kräutermedizin wiederherzustellen. Stellt euch vor, ihr habt eine Grippe und der Arzt schlägt euch vor, ihr solltet eine Aderlass machen! Eine ganz andere Herangehensweise als das, was wir heute gewohnt sind.
Die Weltkarte: Wissen und Mysterium
Die Weltkarte des elisabethanischen Zeitalters war eine Mischung aus bekanntem Territorium und unentdecktem Land. Europa war relativ gut kartiert, aber Afrika, Asien und Amerika waren noch voller Geheimnisse. Entdecker wie Sir Francis Drake und Sir Walter Raleigh segelten in unbekannte Gewässer, um neue Länder zu erkunden und Handelsrouten zu erschließen. Diese Reisen brachten nicht nur Reichtümer nach England, sondern auch neue Informationen und Perspektiven über die Welt.
Allerdings war das Wissen über die Welt auch mit Aberglauben und Mythen durchsetzt. Man glaubte an die Existenz von fantastischen Kreaturen wie Einhörnern, Seeungeheuern und menschenfressenden Stämmen. Karten waren oft mit Bildern dieser Kreaturen geschmückt, was die Mischung aus Wissen und Fantasie widerspiegelte, die das elisabethanische Weltbild prägte. Es war eine Zeit der Entdeckung, aber auch der Unsicherheit. Was lauert hinter dem Horizont?
Shakespeare und die Welt: Ein Spiegelbild der Zeit
Keine Diskussion über das elisabethanische Weltbild wäre vollständig, ohne William Shakespeare zu erwähnen. Seine Stücke spiegeln die Überzeugungen, Ängste und Hoffnungen der Menschen seiner Zeit wider. In seinen Werken finden sich Anspielungen auf die geozentrische Kosmologie, die Große Kette des Seins, die Theorie der Vier Körpersäfte und die Bedeutung von Astrologie. Er nutzte diese Konzepte, um seine Charaktere zu entwickeln, Handlungen voranzutreiben und moralische Botschaften zu vermitteln.
Nehmen wir zum Beispiel Hamlet. Der Prinz von Dänemark ist ein melancholischer Charakter, dessen Temperament durch einen Überschuss an schwarzer Galle beeinflusst wird. Seine Verzweiflung und sein Nachdenken über das Leben und den Tod spiegeln die elisabethanische Besorgnis über die Zerbrechlichkeit des menschlichen Lebens und die Bedeutung der göttlichen Ordnung wider. Oder King Lear, wo die Zerrüttung der natürlichen Ordnung durch den Verrat der Töchter des Königs zu Chaos und Wahnsinn führt. Shakespeare war ein Meister darin, die zeitgenössischen Weltanschauungen in seine Werke zu integrieren und so ein tiefes Verständnis der elisabethanischen Psyche zu vermitteln.
Meine abschließenden Gedanken: Eine Reise in die Vergangenheit
Meine gedankliche Reise in das elisabethanische Zeitalter war eine faszinierende Erfahrung. Es hat mir gezeigt, wie unterschiedlich die Welt sein kann, je nachdem, durch welche Augen man sie betrachtet. Das elisabethanische Weltbild war geprägt von einer Mischung aus Wissen, Aberglaube und religiösem Glauben. Es war eine Welt der Hierarchie, der Ordnung und der göttlichen Vorherbestimmung, aber auch eine Welt der Entdeckung, der Unsicherheit und der Fantasie.
Wenn ihr das nächste Mal ein Shakespeare-Stück seht oder ein elisabethanisches Schloss besucht, nehmt euch einen Moment Zeit, um über das Weltbild der Menschen dieser Zeit nachzudenken. Es ist eine faszinierende Perspektive, die uns viel über die Geschichte, die Kultur und die Menschlichkeit lehren kann. Und wer weiß, vielleicht entdeckt ihr ja auch eure eigene melancholische Ader!
Bis zum nächsten Mal, liebe Reisefreunde! Bleibt neugierig und erkundet die Welt – sowohl die äußere als auch die innere.
