Er Kann Mir Nicht In Die Augen Schauen
Hallo liebe Reisefreunde! Setzt euch, nehmt euch einen Tee und lasst mich euch von einer etwas seltsamen, aber letztendlich lehrreichen Erfahrung erzählen, die ich während meiner letzten Reise durch Deutschland gemacht habe. Es geht um etwas, das sich zunächst sehr befremdlich anfühlte, aber mir am Ende einen ganz neuen Blickwinkel auf zwischenmenschliche Kommunikation und kulturelle Unterschiede eröffnete: "Er kann mir nicht in die Augen schauen".
Ich war in einem kleinen, malerischen Dorf in der Nähe von Freiburg im Breisgau gestrandet. "Gestrandet" klingt dramatisch, aber ich hatte einfach beschlossen, spontan auszusteigen und die Gegend zu erkunden. Ich hatte ein gemütliches Zimmer in einer Pension gefunden, geführt von einer älteren Dame, Frau Schmidt, die mich sofort ins Herz geschlossen hatte. Sie sprach nur gebrochen Englisch, also war ich gezwungen, mein eingerostetes Deutsch herauszukramen. Das war schon die erste Herausforderung, aber es lief überraschend gut.
Eines Morgens, beim Frühstück, saß ein junger Mann am Nebentisch. Er war offensichtlich ein Einheimischer, vielleicht Anfang zwanzig, und arbeitete aushilfsweise in der Pension. Er brachte uns Kaffee, räumte die Tische ab und half Frau Schmidt in der Küche. Er war höflich, zuvorkommend und sprach sehr leise. Aber jedes Mal, wenn ich ihn ansprach, wich er meinem Blick aus. Zuerst dachte ich, ich hätte etwas falsch gemacht. War ich unfreundlich? Hatte ich etwas gesagt, das ihn beleidigt hatte? Ich bin ja bekannt dafür, manchmal etwas ungeschickt zu sein.
Ich versuchte, das Problem zu analysieren. War es mein Deutsch? Sprach ich zu schnell? War mein Akzent zu stark? Ich wiederholte meine Sätze im Kopf, suchte nach Fehlern, aber ich konnte nichts finden. Und es war nicht nur bei direkten Fragen. Selbst wenn ich einfach nur "Guten Morgen" sagte, schaute er auf den Boden, auf seine Hände, oder irgendetwas anderes, nur nicht in meine Augen.
Ich begann, mich unwohl zu fühlen. Es war, als würde ich ihn unter Druck setzen, als würde meine bloße Anwesenheit ihm Unbehagen bereiten. Ich überlegte sogar, Frau Schmidt darauf anzusprechen, aber ich wollte ihn nicht in Schwierigkeiten bringen. Vielleicht war er einfach schüchtern? Aber selbst schüchterne Menschen schauen einem doch wenigstens kurz in die Augen, oder?
Am nächsten Tag, als ich im Dorf spazieren ging, fragte ich mich, ob es vielleicht eine kulturelle Erklärung geben könnte. Ich googelte "Blickkontakt in Deutschland" und fand einige interessante Artikel. Einer davon sprach davon, dass in manchen Regionen, besonders in ländlichen Gegenden, übermäßiger Blickkontakt als aufdringlich oder sogar unhöflich wahrgenommen werden kann. Man solle nicht "starren". Das war natürlich ein Aha-Erlebnis, aber es erklärte noch nicht alles. Er vermied meinen Blick ja komplett!
Ich beschloss, die Sache anders anzugehen. Anstatt ihn direkt anzusprechen, versuchte ich, mich auf andere Arten der Kommunikation zu konzentrieren. Ich lächelte ihn an, nickte ihm freundlich zu und versuchte, eine entspannte Atmosphäre zu schaffen. Und siehe da, es half! Langsam, ganz langsam, schien er sich wohler zu fühlen. Er begann, mich kurz anzusehen, wenn er mir etwas reichte oder meine Bestellung aufnahm. Es war nur ein kurzer Blick, aber es war ein Fortschritt.
Am letzten Tag meines Aufenthalts in der Pension, als ich mich von Frau Schmidt verabschiedete, kam der junge Mann auf mich zu. Er hatte ein kleines Päckchen in der Hand. "Für Sie", sagte er leise und drückte es mir in die Hand. Es war ein kleines Glas selbstgemachte Marmelade. Ich war gerührt. "Vielen Dank", sagte ich und dieses Mal, für einen kurzen Moment, sah er mir direkt in die Augen. Es war ein warmer, freundlicher Blick, und ich wusste, dass ich ihn richtig eingeschätzt hatte.
Was habe ich aus dieser Erfahrung gelernt? Erstens, dass kulturelle Unterschiede in der Kommunikation subtiler und komplexer sein können, als man denkt. Was in einer Kultur als normal oder höflich gilt, kann in einer anderen Kultur völlig anders interpretiert werden. Zweitens, dass Geduld und Empathie der Schlüssel zum Verständnis anderer Menschen sind. Anstatt voreilige Schlüsse zu ziehen, sollten wir versuchen, uns in ihre Lage zu versetzen und ihre Perspektive zu verstehen. Und drittens, dass manchmal die nonverbale Kommunikation, wie ein Lächeln oder eine freundliche Geste, mehr sagt als tausend Worte.
Diese Erfahrung hat mich auch dazu inspiriert, mich noch intensiver mit interkultureller Kommunikation auseinanderzusetzen. Es ist ein faszinierendes Feld, und es ist besonders wichtig für Reisende, die sich in fremden Kulturen bewegen. Denn letztendlich geht es beim Reisen nicht nur darum, neue Orte zu sehen, sondern auch darum, neue Menschen kennenzulernen und von ihnen zu lernen.
Tipps für Reisende in Deutschland:
Blickkontakt:
Wie bereits erwähnt, ist Blickkontakt in Deutschland wichtig, aber übermäßiger Blickkontakt kann als aufdringlich empfunden werden. Ein kurzer, freundlicher Blick bei der Begrüßung oder beim Gespräch ist in Ordnung, aber starren Sie Ihr Gegenüber nicht an. Besonders in ländlichen Gegenden kann man hier auf Zurückhaltung treffen.
Höflichkeit:
Deutsche legen großen Wert auf Höflichkeit. Sagen Sie "Bitte" und "Danke" so oft wie möglich. Seien Sie pünktlich und respektieren Sie die Privatsphäre anderer. Eine förmliche Anrede ("Sie") ist in vielen Situationen üblich, besonders gegenüber älteren Menschen oder Personen in einer Autoritätsposition. Wechseln Sie erst zum "Du", wenn Ihnen das angeboten wird.
Lautstärke:
Vermeiden Sie es, laut zu sprechen oder zu lachen, besonders in öffentlichen Verkehrsmitteln oder in Restaurants. Deutsche legen Wert auf Ruhe und Ordnung.
Smalltalk:
Smalltalk ist nicht so verbreitet wie in manch anderen Kulturen. Seien Sie direkt und kommen Sie schnell auf den Punkt. Vermeiden Sie es, zu private Fragen zu stellen, es sei denn, Sie kennen die Person gut.
Trinkgeld:
In Restaurants und Cafés ist es üblich, Trinkgeld zu geben. Runden Sie den Betrag auf oder geben Sie etwa 5-10% Trinkgeld. Das Trinkgeld wird in der Regel direkt beim Bezahlen genannt, zum Beispiel indem man sagt "Stimmt so" (behalten Sie den Rest).
Sprache:
Auch wenn viele Deutsche Englisch sprechen, wird es sehr geschätzt, wenn man sich bemüht, Deutsch zu sprechen. Auch wenn es nur ein paar Worte sind, wie "Guten Tag", "Danke" oder "Auf Wiedersehen", zeigt es Respekt und Wertschätzung.
Ich hoffe, diese Tipps helfen euch dabei, eure Reise nach Deutschland noch angenehmer zu gestalten. Und denkt daran: Manchmal ist es das, was man nicht sieht oder hört, das die wertvollsten Lektionen birgt. Bis zum nächsten Mal und gute Reise!
