Erster Aufzug Erster Auftritt Nathan Der Weise
Nathan der Weise, Gotthold Ephraim Lessings dramatisches Gedicht, ist ein Schlüsselwerk der Aufklärung. Um den Einstieg in dieses komplexe Stück zu erleichtern, widmen wir uns hier dem ersten Aufzug, erster Auftritt, einer Szene, die essenziell für das Verständnis der folgenden Handlung und der zentralen Themen ist.
Szene: Erster Aufzug, Erster Auftritt
Die Szene spielt in Jerusalem. Nathan, ein reicher, weiser Jude, ist nicht zu Hause, sondern auf einer Geschäftsreise gewesen. Daja, Nathans christliche Gesellschafterin, erwartet ihn ungeduldig. Die Szene beginnt mit Dajas Monolog, der uns sofort in die angespannte Atmosphäre einführt.
Dajas Monolog – Exposition der Situation
Dajas Monolog dient primär der Exposition. Das bedeutet, er informiert das Publikum über die wichtigsten Rahmenbedingungen der Geschichte. Sie klagt:
"Schon wieder nichts! Noch immer kein Nathan! Wo mag er bleiben? Doch ich fürchte fast, Es müsse ihm ein Unfall begegnet sein."
Diese Zeilen offenbaren Dajas Sorge um Nathan. Sie malt sich aus, was ihm zugestoßen sein könnte, und deutet damit an, dass Nathans Reisen nicht ohne Gefahren sind. Die Unsicherheit über Nathans Verbleib schafft eine unmittelbare Spannung.
Daja erwähnt auch, dass Nathan in "Babylon" gewesen ist. Babylon steht in diesem Kontext symbolisch für eine ferne, exotische und möglicherweise auch gefährliche Welt. Es unterstreicht Nathans Rolle als Reisender und Händler, der mit unterschiedlichen Kulturen und Einflüssen in Berührung kommt.
Weiterhin erfahren wir durch Daja, dass Nathan ein "Mündel" hat – Recha, seine Ziehtochter. Dajas Beziehung zu Recha ist von besonderer Bedeutung, da sie christlich ist und Recha als Jüdin erzogen wird. Dies impliziert bereits die zentrale Frage des Stücks nach der Toleranz zwischen den Religionen.
Daja berichtet weiter, dass Recha beinahe einem Brand zum Opfer gefallen wäre:
"Und Recha! – Eine Engelhand hat sie Aus einer Feuersbrunst gerettet. Welch ein Wunder!"
Dieser Vorfall ist von entscheidender Bedeutung für den weiteren Verlauf der Handlung. Er führt zu Rechas Begegnung mit dem Tempelherrn und bildet die Grundlage für die Liebesgeschichte zwischen ihnen. Die Rettung durch den Tempelherrn, einen Christen, ist ein weiteres Beispiel für die potenziellen Verbindungen und Überschneidungen zwischen den Religionen.
Daja ist hin- und hergerissen zwischen ihrem christlichen Glauben und ihrer Loyalität zu Nathan. Sie hadert damit, dass Nathan Recha als Jüdin erzieht, obwohl sie selbst Recha gerne zum Christentum bekehren würde:
"Ach! wenn er doch nur Christ sein wollte! Denn Er ist zu gut, um Jude zu verdammen."
Diese Aussage zeigt Dajas innere Zerrissenheit und ihre Überzeugung von der Überlegenheit des Christentums. Sie spiegelt die Vorurteile und den religiösen Dogmatismus wider, die Lessing in seinem Stück kritisiert.
Die Bedeutung des Monologs
Dajas Monolog ist mehr als nur eine Einführung in die Handlung. Er etabliert die zentralen Themen des Dramas: religiöse Toleranz, Vorurteile, die Bedeutung von Vernunft und Menschlichkeit und die Frage nach der wahren Religion. Er wirft Fragen auf, die im Laufe des Stücks weiter erforscht und diskutiert werden.
Die Figur Daja ist selbst ein Beispiel für die Komplexität des Themas. Sie ist loyal und besorgt, aber gleichzeitig von religiösen Vorurteilen geprägt. Sie repräsentiert einen bestimmten Typus Mensch, der in der Aufklärungszeit kritisch hinterfragt wurde: den gläubigen, aber nicht unbedingt vernunftgeleiteten Menschen.
Charakterisierung der Figuren
Obwohl Nathan selbst in diesem Auftritt nicht anwesend ist, wird seine Figur durch Dajas Schilderungen indirekt charakterisiert. Wir erfahren, dass er ein reicher und erfolgreicher Händler ist, der viel reist. Vor allem aber wird er als weise, gutherzig und tolerant dargestellt. Er wird von Daja bewundert und respektiert, auch wenn sie seine religiösen Überzeugungen nicht teilt. Die Tatsache, dass er ein jüdisches Kind adoptiert und als Jüdin erzieht, zeugt von seiner Offenheit und seinem Mut.
Recha wird ebenfalls indirekt charakterisiert. Sie wird als junges, unschuldiges Mädchen dargestellt, das von Daja geliebt und beschützt wird. Ihre Rettung aus dem Feuer deutet auf eine gewisse Schicksalhaftigkeit hin und unterstreicht ihre Bedeutung für die Handlung.
Sprachliche Gestaltung
Lessing verwendet in Nathan der Weise Blankverse, also ungereimte, fünfhebige Jamben. Diese Form verleiht dem Drama einen feierlichen und erhabenen Ton, der der Bedeutung der Themen angemessen ist. Dajas Sprache ist einfach und direkt, aber dennoch ausdrucksstark. Sie verwendet Metaphern wie die "Engelhand", um die wundersame Rettung Rechas zu beschreiben, und ihre Zweifel und Ängste werden durch rhetorische Fragen und Ausrufe verdeutlicht.
Weiterführende Überlegungen
Der erste Auftritt des ersten Aufzugs ist nicht nur eine Exposition, sondern auch ein Appell an das Publikum. Lessing fordert uns auf, unsere eigenen Vorurteile zu hinterfragen und uns für Toleranz und Menschlichkeit einzusetzen. Die Szene legt den Grundstein für die Auseinandersetzung mit den zentralen Fragen des Stücks und bereitet uns auf die Begegnung mit den anderen Figuren vor.
Um die Bedeutung dieser Szene vollständig zu erfassen, ist es hilfreich, sie im Kontext des gesamten Dramas zu betrachten. Die in diesem Auftritt eingeführten Themen und Konflikte werden im Laufe des Stücks weiterentwickelt und vertieft. Die Figur Nathan, der in diesem Auftritt nur indirekt präsent ist, wird im weiteren Verlauf zu einem Symbol für Weisheit, Toleranz und Vernunft.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass der erste Aufzug, erster Auftritt von Nathan der Weise eine prägnante und wirkungsvolle Einführung in das Drama darstellt. Er etabliert die zentralen Themen, charakterisiert die wichtigsten Figuren und legt den Grundstein für die Auseinandersetzung mit den Fragen nach religiöser Toleranz, Vorurteilen und der Bedeutung von Vernunft und Menschlichkeit.
Für Expats und Neuankömmlinge, die sich mit der deutschen Literatur auseinandersetzen, bietet diese detaillierte Analyse einen fundierten Einstieg in Lessings Meisterwerk. Das Verständnis dieser ersten Szene ist entscheidend für das Verständnis des gesamten Stücks und seiner Botschaft.
Wichtige Schlüsselwörter zur Erinnerung:
- Exposition: Einführung in die Situation und Charaktere.
- Toleranz: Zentrales Thema des Stücks.
- Vorurteile: Werden von Lessing kritisiert.
- Aufklärung: Geistesgeschichtlicher Hintergrund des Dramas.
- Blankvers: Die verwendete Versform.
Indem Sie sich mit diesen Elementen vertraut machen, können Sie sich der komplexen Welt von Nathan der Weise mit mehr Zuversicht nähern und die zeitlose Relevanz seiner Botschaft erkennen.
