Erziehung In Athen Und Sparta Im Vergleich
Griechenland, die Wiege der westlichen Zivilisation, war im Altertum nicht nur ein Zentrum der Philosophie, Kunst und Wissenschaft, sondern auch ein Schmelztiegel unterschiedlicher Kulturen und Lebensweisen. Besonders die Erziehungssysteme der beiden mächtigsten Stadtstaaten, Athen und Sparta, unterschieden sich grundlegend und prägten die jeweiligen Gesellschaften nachhaltig. Dieser Artikel beleuchtet die wesentlichen Unterschiede und Gemeinsamkeiten der athenischen und spartanischen Erziehung, um ein klares Bild dieser prägenden Aspekte des antiken Griechenlands zu vermitteln.
Athenische Erziehung: Individualität und Vielseitigkeit
Die athenische Erziehung war im Wesentlichen privat organisiert. Der Staat spielte keine direkte Rolle bei der Erziehung junger Bürger. Stattdessen lag die Verantwortung und Organisation bei den Familien. Die Zielsetzung der athenischen Erziehung war die Heranbildung eines vielseitigen und gebildeten Bürgers, der in der Lage war, aktiv am politischen und gesellschaftlichen Leben teilzunehmen.
Frühe Kindheit und Grundbildung
Bis zum Alter von etwa sieben Jahren wurden die Kinder in Athen hauptsächlich von ihren Müttern oder Ammen erzogen. In dieser Phase stand die Vermittlung von grundlegenden Werten, Manieren und ersten Kenntnissen im Vordergrund. Ab dem siebten Lebensjahr besuchten Jungen (Mädchen hatten in der Regel keinen Zugang zu formaler Bildung) private Schulen oder wurden von Privatlehrern unterrichtet. Der Lehrplan umfasste:
- Grammatik und Literatur: Das Erlernen des Schreibens und Lesens sowie das Studium klassischer Werke wie die Epen Homers waren von zentraler Bedeutung. Ziel war es, die Sprachgewandtheit und das Verständnis für die griechische Kultur zu fördern.
- Musik: Gesang und das Spielen von Musikinstrumenten (insbesondere der Leier) galten als essentiell für die moralische und ästhetische Entwicklung.
- Gymnastik: Körperliche Ertüchtigung war ein wichtiger Bestandteil der athenischen Erziehung. Sie umfasste Laufen, Springen, Ringen und andere sportliche Aktivitäten, die die körperliche Fitness und die Disziplin fördern sollten.
Höhere Bildung und philosophische Ausbildung
Nach der Grundbildung konnten sich die Söhne wohlhabender Familien einer höheren Bildung widmen. Diese umfasste oft den Besuch einer rhetorischen Schule, wo sie lernten, überzeugend zu argumentieren und Reden zu halten. Dies war von entscheidender Bedeutung für eine erfolgreiche Karriere in der Politik. Ebenso war die Beschäftigung mit Philosophie von großer Bedeutung. Sokrates, Platon und Aristoteles prägten das philosophische Denken und beeinflussten die Erziehungsideale. Die Philosophie diente dazu, kritisches Denken, moralische Werte und ein tiefes Verständnis der Welt zu entwickeln.
Die Ausbildung von jungen Athenern endete meist im Alter von etwa 18 Jahren. Danach leisteten sie in der Regel einen zweijährigen Militärdienst, bevor sie vollwertige Bürger wurden.
Spartanische Erziehung: Drill und Disziplin
Im Gegensatz zur athenischen Erziehung war die spartanische Erziehung vollständig staatlich organisiert und auf die Heranbildung von unerschrockenen und disziplinierten Kriegern ausgerichtet. Die individuellen Bedürfnisse und Fähigkeiten der Kinder spielten dabei eine untergeordnete Rolle. Das Ziel war die uneingeschränkte Hingabe an den Staat.
Von der Geburt bis zur Agoge
Bereits kurz nach der Geburt wurden spartanische Kinder von staatlichen Beamten begutachtet. Kinder, die als schwach oder ungeeignet für den Krieg angesehen wurden, wurden ausgesetzt oder getötet. Diejenigen, die als lebensfähig galten, wurden bis zum Alter von sieben Jahren von ihren Müttern erzogen. Danach traten sie in die sogenannte Agoge ein, ein strenges staatliches Erziehungssystem.
Die Agoge war in verschiedene Altersgruppen unterteilt, in denen die Jungen in militärischen Disziplinen, körperlicher Ertüchtigung und Überlebensstrategien ausgebildet wurden. Die Ausbildung umfasste:
- Härte und Ausdauer: Die Jungen wurden absichtlich spärlich ernährt, schlecht gekleidet und barfuß laufen gelassen, um ihre Widerstandsfähigkeit gegen Kälte, Hunger und Schmerzen zu stärken.
- Militärische Ausbildung: Sie lernten den Umgang mit Waffen, das Kämpfen in Formationen und militärische Strategien. Gehorsam und Disziplin standen an erster Stelle.
- Sportliche Übungen: Laufen, Springen, Ringen, Speerwerfen und Diskuswerfen waren fester Bestandteil des Trainings. Ziel war es, die körperliche Leistungsfähigkeit zu maximieren.
- Lesen und Schreiben: Im Vergleich zur athenischen Erziehung spielte die intellektuelle Bildung in Sparta eine untergeordnete Rolle. Lesen und Schreiben wurden zwar gelehrt, aber nur in dem Maße, wie es für militärische Zwecke erforderlich war.
- Diebstahl: Um ihre Überlebensfähigkeit zu testen, wurden die Jungen ermutigt, Nahrungsmittel zu stehlen. Wurden sie jedoch erwischt, wurden sie streng bestraft, nicht für den Diebstahl selbst, sondern für ihre Unfähigkeit, unentdeckt zu bleiben.
Leben als spartanischer Krieger
Die Agoge dauerte bis zum Alter von etwa 20 Jahren. Danach traten die jungen Männer in das spartanische Militär ein und lebten bis zum Alter von 30 Jahren in Gemeinschaftsunterkünften. Sie waren verpflichtet, den Staat zu verteidigen und an militärischen Kampagnen teilzunehmen. Auch nach dem 30. Lebensjahr blieben sie im aktiven Dienst und waren stets bereit, für Sparta zu kämpfen.
Die spartanische Erziehung betonte die Gemeinschaft und die Unterordnung des Einzelnen unter das Wohl des Staates. Individualität und persönliche Entfaltung waren unerwünscht. Die spartanische Gesellschaft war stark militarisiert und auf die Aufrechterhaltung ihrer militärischen Stärke ausgerichtet.
Vergleich der Erziehungssysteme
Die Unterschiede zwischen der athenischen und spartanischen Erziehung sind offensichtlich:
- Zielsetzung: Die athenische Erziehung zielte auf die Heranbildung von vielseitig gebildeten Bürgern, während die spartanische Erziehung auf die Ausbildung von unerschrockenen Kriegern ausgerichtet war.
- Organisation: Die athenische Erziehung war privat organisiert, während die spartanische Erziehung staatlich kontrolliert wurde.
- Inhalte: Die athenische Erziehung umfasste ein breites Spektrum an Fächern, darunter Literatur, Musik, Philosophie und Sport. Die spartanische Erziehung konzentrierte sich hauptsächlich auf militärische Disziplinen und körperliche Ertüchtigung.
- Individualität vs. Gemeinschaft: Die athenische Erziehung förderte die individuelle Entfaltung, während die spartanische Erziehung die Unterordnung des Einzelnen unter das Wohl der Gemeinschaft betonte.
Trotz der gravierenden Unterschiede gab es auch einige wenige Gemeinsamkeiten. Beide Systeme legten Wert auf körperliche Fitness und die Vermittlung von Werten und Moralvorstellungen. Beide Systeme waren exklusiv für freie Bürger; Sklaven hatten keinen Zugang zu Bildung.
Auswirkungen auf die Gesellschaft
Die unterschiedlichen Erziehungssysteme prägten die athenische und spartanische Gesellschaft grundlegend. Athen entwickelte sich zu einem Zentrum der Kunst, Wissenschaft und Philosophie, während Sparta für seine militärische Stärke und seine disziplinierte Gesellschaft bekannt war. Die athenische Demokratie ermöglichte eine aktive Beteiligung der Bürger am politischen Leben, während die spartanische Gesellschaft von einer kleinen Elite regiert wurde.
Die athenische Erziehung trug zur Entstehung einer innovativen und kreativen Gesellschaft bei, während die spartanische Erziehung eine stabile und kriegerische Gesellschaft hervorbrachte. Beide Modelle hatten ihre Stärken und Schwächen und prägten die griechische Geschichte nachhaltig.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Erziehung in Athen und Sparta zwei völlig unterschiedliche Ansätze verfolgte, die jeweils auf die spezifischen Bedürfnisse und Werte ihrer Gesellschaften zugeschnitten waren. Während Athen auf die Entfaltung des Individuums und die Förderung von Wissen und Kreativität setzte, konzentrierte sich Sparta auf die Ausbildung von unerschrockenen Kriegern und die uneingeschränkte Loyalität zum Staat. Beide Systeme haben ihre Spuren in der Geschichte hinterlassen und bieten wertvolle Einblicke in die unterschiedlichen Ideale und Prioritäten des antiken Griechenlands.
"Die Erziehung ist die mächtigste Waffe, die man verwenden kann, um die Welt zu verändern." - Nelson Mandela (Obwohl Nelson Mandela nicht im antiken Griechenland lebte, spiegelt sein Zitat die Bedeutung der Erziehung, die auch in Athen und Sparta erkannt wurde.)
Das Verständnis dieser Unterschiede ist nicht nur für Historiker von Bedeutung, sondern kann auch Expatriates und Neuankömmlingen in Deutschland helfen, die kulturellen Wurzeln Europas besser zu verstehen und die Wertschätzung für die Vielfalt der historischen Perspektiven zu fördern.
