Fallbeispiele Pflege Demenz Mit Lösung
Oma Hildegard, Gott hab sie selig, war eine Legende. Nicht nur wegen ihrer weltberühmten (in der Familie zumindest) Apfelstrudel, sondern auch wegen ihrer unerschütterlichen Überzeugung, dass Eichhörnchen geheime Botschaften übermittelten. Als ihre Demenz langsam Einzug hielt, wurden die Botschaften… interessanter. Eines Tages fand meine Mutter sie, wie sie im Garten stand und aufgeregt mit einem Eichhörnchen diskutierte. "Also, hör mal, Eichhörnchen Erich," sagte Oma Hildegard, "du musst dem Kanzler dringend sagen, dass die Rosenkohlpreise zu hoch sind! Das ist eine Frechheit!"
Meine Mutter, eine gelernte Pflegefachkraft, atmete tief durch. Konfrontation wäre sinnlos. Stattdessen fragte sie: "Und was hat Erich geantwortet?"
Oma Hildegard strahlte. "Er meinte, der Kanzler sei ein Fan von Rosenkohl! Aber er würde versuchen, etwas zu bewegen. Eichhörnchen halten eben zusammen!"
Das war der Moment, in dem wir beschlossen, dass wir Oma Hildegards Realität einfach akzeptieren mussten. Anstatt zu korrigieren, spielten wir mit. Wenn sie glaubte, die Katze sei ihr ehemaliger Tanzlehrer, dann war die Katze eben Herr Meier! Wir stellten sogar kleine Miniatur-Tanzschuhe für "Herrn Meier" hin.
Fallbeispiele aus dem wahren Leben, leicht verdreht
So ähnlich läuft es oft ab. Die Pflege von Menschen mit Demenz ist kein Lehrbuchwissen, sondern Improvisationstheater. Hier ein paar andere "Fälle", die ich von Kollegen und Freunden gehört habe:
Der vergessliche Koch
Herr Schmidt, ein ehemaliger Sternekoch, vergaß gerne mal, dass er bereits gekocht hatte. Seine Tochter fand ihn einmal am Nachmittag, wie er hektisch versuchte, sieben Abendessen gleichzeitig zuzubereiten. Seine "Lösung"? Sie bat ihn, ihr "beim Kochen zu helfen". Er durfte Gemüse putzen, Soßen probieren und das Brot schmieren – alles unter ihrer Aufsicht. Er fühlte sich gebraucht und wertvoll, und sie hatte nur ein Abendessen zu kochen.
Die vermisste Handtasche (und die Aliens)
Frau Müller war fest davon überzeugt, dass Aliens ihre Handtasche gestohlen hatten. Jeden Tag beschuldigte sie die außerirdischen Besucher, die in ihrem Garten landeten. Die Betreuerin fand die Handtasche natürlich jedes Mal an einem anderen Ort (unter dem Sofa, im Kühlschrank, einmal sogar im Vogelhaus). Ihre Lösung: Sie spielte mit! "Oh nein, Frau Müller, diese frechen Aliens schon wieder! Wir müssen die Polizei informieren!" Sie rief dann eine "Spezialeinheit für außerirdische Handtaschen-Diebstähle" an (ihr Mann, der mitspielte) und die beiden "ermittelten" dann gemeinsam. Frau Müller fühlte sich ernst genommen und die Handtasche war wieder da – zumindest bis zum nächsten Tag.
Der König im Bademantel
Herr Kaiser, ein ehemaliger Lehrer, glaubte, er sei ein König. Er trug ständig seinen Bademantel als königlichen Umhang und forderte, dass er mit "Majestät" angesprochen wurde. Seine Familie war anfangs peinlich berührt. Aber dann erkannten sie: Warum nicht mitspielen? Sie bastelten ihm eine Krone aus Pappe, nannten ihn "Seine Majestät" und baten ihn um Rat in "Staatsangelegenheiten" (z.B. welche Sorte Kuchen sie backen sollten). Herr Kaiser blühte auf und fühlte sich wieder wichtig.
"Es geht nicht darum, die Realität zu verändern, sondern darum, sich anzupassen." – Eine weise Pflege-Expertin
Was lernen wir daraus? Bei der Pflege von Menschen mit Demenz ist Kreativität gefragt. Es gibt keine Patentrezepte, keine allgemeingültigen Lösungen. Es geht darum, die Welt aus den Augen des Betroffenen zu sehen und mitzuspielen. Es geht darum, Humor zu bewahren und die kleinen Freuden zu feiern.
Und was Eichhörnchen Erich betrifft? Nun, er wurde zum inoffiziellen Familien-Maskottchen. Wir stellten ihm sogar eine kleine Schale mit Nüssen auf die Terrasse – schließlich hatte er ja eine wichtige Aufgabe zu erfüllen. Und Oma Hildegard? Sie war glücklich und zufrieden, denn sie wusste ja, dass sie etwas bewegte – im Auftrag der Eichhörnchen und zum Wohle der Rosenkohlpreise!
Also, das nächste Mal, wenn Sie vor einer scheinbar unlösbaren Aufgabe in der Pflege stehen, denken Sie an Oma Hildegard und Eichhörnchen Erich. Manchmal ist die beste Lösung einfach, die Realität ein bisschen zu verdrehen – mit einem Augenzwinkern und viel Liebe.
