Gedicht Sturm Und Drang Goethe
Viele Menschen, die sich mit der deutschen Literaturgeschichte befassen, stoßen unweigerlich auf den Begriff Sturm und Drang und die Verbindung zu Johann Wolfgang von Goethe. Dieses kulturelle Phänomen und seine prägenden Dichter haben einen nachhaltigen Einfluss auf die deutsche Geistesgeschichte ausgeübt. Dieses Dokument soll Ihnen als Einführung in das Thema dienen, insbesondere wenn Sie neu in Deutschland sind oder sich einfach einen klaren Überblick verschaffen möchten.
Was ist der Sturm und Drang?
Der Sturm und Drang war eine literarische und kulturelle Bewegung in Deutschland, die etwa von den 1760er bis in die 1780er Jahre dauerte. Er kann als eine Art Gegenbewegung zur Aufklärung verstanden werden, die Rationalität und Vernunft in den Vordergrund stellte. Die 'Stürmer und Dränger', wie die Anhänger der Bewegung genannt wurden, betonten stattdessen Gefühle, Individualität, Genialität und die Kraft der Natur.
Der Name der Bewegung leitet sich von dem gleichnamigen Drama Sturm und Drang (1776) des deutschen Dichters Maximilian Klinger ab. Obwohl Klinger heute weniger bekannt ist als Goethe oder Schiller, trug sein Werk maßgeblich zur Verbreitung des Begriffs und der Ideen der Bewegung bei.
Kernideen des Sturm und Drang
Um den Sturm und Drang besser zu verstehen, ist es wichtig, seine zentralen Ideen zu kennen:
- Geniekult: Die Idee des Genies als eines Individuums, das über außergewöhnliche schöpferische Kräfte verfügt und sich nicht an gesellschaftliche Normen oder Regeln halten muss, stand im Zentrum. Das Genie erschafft aus eigener Kraft, inspiriert von Natur und Gefühl.
- Subjektivität und Gefühl: Im Gegensatz zur rationalen Denkweise der Aufklärung betonten die Stürmer und Dränger die Bedeutung von Emotionen und persönlichen Erfahrungen. Leidenschaft, Liebe, Hass, Zorn – alle Gefühle wurden als authentischer Ausdruck des Individuums angesehen.
- Naturverehrung: Die Natur wurde als Spiegel der menschlichen Seele und als Quelle der Inspiration betrachtet. Natürlichkeit und Unverfälschtheit galten als Ideal, während gesellschaftliche Konventionen als einengend und verfälschend wahrgenommen wurden.
- Kritik an Autoritäten: Die Stürmer und Dränger kritisierten die bestehenden gesellschaftlichen und politischen Strukturen, insbesondere den Absolutismus und die starren Standesunterschiede. Sie forderten mehr Freiheit und Gerechtigkeit für das Individuum.
- Kraftausdruck und Sprache: Die Sprache des Sturm und Drang war oft expressiv, kraftvoll und emotional. Die Dichter nutzten eine bildhafte Sprache, um ihre Gefühle und Ideen auszudrücken.
Goethe und der Sturm und Drang
Johann Wolfgang von Goethe war eine zentrale Figur des Sturm und Drang. Obwohl er sich später von einigen der radikaleren Ideen der Bewegung distanzierte, prägten seine frühen Werke die Epoche maßgeblich. Insbesondere sein Roman Die Leiden des jungen Werther (1774) wurde zu einem Kultbuch der Stürmer und Dränger und machte Goethe über Nacht berühmt.
Die Leiden des jungen Werther
Die Leiden des jungen Werther erzählt die Geschichte eines jungen Künstlers, der unglücklich in eine verheiratete Frau verliebt ist und schließlich Selbstmord begeht. Der Roman ist ein typisches Beispiel für die stürmerische Gefühlswelt und die Kritik an gesellschaftlichen Zwängen, die für die Epoche charakteristisch sind. Werthers innere Zerrissenheit, seine Leidenschaft und seine Sehnsucht nach Freiheit spiegeln die Ideale und Konflikte des Sturm und Drang wider.
Das Werk löste eine Welle der Begeisterung und der Nachahmung aus. Viele junge Menschen identifizierten sich mit Werthers Schicksal und seinem unkonventionellen Lebensstil. Der Roman wurde jedoch auch kritisiert, da er zur Werther-Fieber genannten Selbstmordwelle beigetragen haben soll.
Weitere Werke Goethes im Sturm und Drang
Neben Werther schrieb Goethe in seiner stürmerischen Phase weitere bedeutende Werke, die die Ideale der Bewegung widerspiegeln:
- Götz von Berlichingen (1773): Ein historisches Drama über einen Ritter, der sich gegen die feudalen Strukturen seiner Zeit auflehnt und für seine Freiheit kämpft. Das Stück zeichnet sich durch seine kraftvolle Sprache und seine Kritik an der Aristokratie aus.
- Prometheus (Gedicht, 1774): Ein Gedicht, das den griechischen Mythos von Prometheus aufgreift, der den Göttern das Feuer stiehlt und den Menschen bringt. Goethe deutet Prometheus als Symbol des aufbegehrenden Individuums, das sich gegen die Autorität der Götter (oder der Herrscher) auflehnt und seine eigene Autonomie verteidigt.
Das Vermächtnis des Sturm und Drang
Obwohl der Sturm und Drang nur eine kurze Episode in der deutschen Literaturgeschichte war, hatte er einen nachhaltigen Einfluss auf die nachfolgenden Generationen von Dichtern und Denkern. Die Bewegung trug dazu bei, das Individuum und seine Gefühle in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu rücken und die Kritik an gesellschaftlichen Normen zu verstärken. Viele der Ideen des Sturm und Drang fanden später in der Romantik eine Fortsetzung und Weiterentwicklung.
Der Sturm und Drang beeinflusste auch die Entwicklung des Theaters. Die Stürmer und Dränger forderten eine natürlichere und expressivere Darstellung auf der Bühne und wandten sich gegen die starren Konventionen des höfischen Theaters. Sie experimentierten mit neuen Formen des Dramas und der Inszenierung und legten damit den Grundstein für das moderne Theater.
Darüber hinaus trug der Sturm und Drang zur Entstehung eines nationalen Bewusstseins in Deutschland bei. Die Stürmer und Dränger betonten die Bedeutung der deutschen Sprache und Kultur und setzten sich für eine eigenständige deutsche Identität ein. Ihre Werke trugen dazu bei, das Selbstbewusstsein der deutschen Nation zu stärken und den Weg für die politische Einigung im 19. Jahrhundert zu ebnen.
Der Sturm und Drang heute
Auch heute noch sind die Themen und Ideen des Sturm und Drang relevant. Die Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Normen, die Suche nach individueller Freiheit und die Betonung der Gefühle sind Themen, die auch im 21. Jahrhundert von Bedeutung sind. Die Werke von Goethe und den anderen Stürmern und Drängern bieten uns weiterhin wertvolle Einblicke in die menschliche Natur und die Herausforderungen des Lebens.
Wenn Sie sich mit der deutschen Kultur und Geschichte auseinandersetzen, werden Sie immer wieder auf den Sturm und Drang stoßen. Dieses Verständnis der Bewegung und ihrer Vertreter, insbesondere Goethe, ermöglicht Ihnen ein tieferes Verständnis der deutschen Literatur und der deutschen Geistesgeschichte im Allgemeinen.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass der Sturm und Drang eine wichtige Epoche in der deutschen Literaturgeschichte war, die durch ihre Betonung von Gefühl, Individualität und Naturverehrung gekennzeichnet war. Goethe war eine zentrale Figur dieser Bewegung, und seine Werke wie Die Leiden des jungen Werther und Götz von Berlichingen spiegeln die Ideale und Konflikte der Zeit wider. Der Sturm und Drang hatte einen nachhaltigen Einfluss auf die deutsche Kultur und beeinflusste die Entwicklung von Literatur, Theater und nationalem Bewusstsein.
"Hier bin ich Mensch, hier darf ich's sein!" - Johann Wolfgang von Goethe, Götz von Berlichingen (dieses Zitat verkörpert den Geist der Individualität und des Aufbegehrens, der für den Sturm und Drang charakteristisch ist).
