George Grosz Stützen Der Gesellschaft
George Grosz’ Stützen der Gesellschaft (Pillars of Society) ist ein Schlüsselwerk der deutschen Kunst der Weimarer Republik und ein scharfzüngiger Kommentar auf die politische und gesellschaftliche Situation der Zeit. Dieses Gemälde, entstanden im Jahr 1926, ist weit mehr als nur ein Kunstwerk; es ist ein Spiegelbild der sozialen Spannungen, des aufkommenden Nationalismus und der moralischen Verkommenheit, die Grosz in der deutschen Gesellschaft wahrnahm. Dieser Artikel soll eine detaillierte Analyse des Werkes bieten, um Expats, Neuankömmlingen und allen Interessierten ein umfassendes Verständnis dieses bedeutenden Gemäldes zu ermöglichen.
Hintergrund und Kontext
Um Stützen der Gesellschaft vollständig zu erfassen, ist es wichtig, den historischen Kontext zu verstehen, in dem es entstand. Die Weimarer Republik (1918-1933) war eine turbulente Zeit für Deutschland. Nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg litt das Land unter enormen wirtschaftlichen Problemen, politischer Instabilität und sozialen Unruhen. Der Versailler Vertrag hatte Deutschland schwere Reparationszahlungen auferlegt, was zu Hyperinflation und weitverbreiteter Armut führte. Gleichzeitig erlebte Berlin eine Phase kultureller Blüte, in der neue Kunstformen und Lebensstile entstanden.
George Grosz (1893-1959) war ein prominenter Vertreter der Neuen Sachlichkeit, einer Kunstrichtung, die sich durch eine realistische und oft satirische Darstellung der Gesellschaft auszeichnete. Er war ein erklärter Pazifist und Antinationalist, der die Korruption und Heuchelei der herrschenden Klasse aufs Schärfste kritisierte. Seine Kunst diente ihm als Waffe, um die Missstände seiner Zeit anzuprangern und zur Veränderung aufzurufen.
Analyse des Gemäldes
Stützen der Gesellschaft ist eine komplexe und vielschichtige Komposition, die eine Vielzahl von Symbolen und Allegorien enthält. Das Gemälde zeigt eine Gruppe von Männern, die scheinbar die "Säulen" der Gesellschaft repräsentieren: Militärs, Richter, Geistliche und Industrielle. Doch bei genauerer Betrachtung entlarvt Grosz ihre wahre Natur als korrupt, selbstsüchtig und moralisch verkommen.
Die Figuren
Die zentrale Figur des Gemäldes ist ein Mann in einem dunklen Anzug mit einem Nachtopf auf dem Kopf, aus dem eine deutsche Flagge ragt. Er symbolisiert den verblendeten Nationalisten, dessen Denken durch chauvinistische Ideologien eingeschränkt ist. Seine Augen sind leer und desinteressiert, was seine geistige Beschränktheit verdeutlicht.
Ein weiterer wichtiger Charakter ist der Richter im Hintergrund, dessen Kopf mit Exkrementen gefüllt ist. Dies ist eine deutliche Anspielung auf die Korruption und Ungerechtigkeit des Justizsystems. Der Richter ist blind für die Wahrheit und lässt sich von persönlichen Vorteilen leiten.
Der Militär, der ebenfalls im Bild zu sehen ist, trägt eine blutige Handgranate und verkörpert die Gewalt und Aggression, die Grosz der militaristischen Ideologie vorwarf. Er ist blindwütig und bereit, für seine Überzeugungen zu töten, ohne die Konsequenzen zu bedenken.
Auch der Geistliche wird kritisiert. Er ist mit einem Kreuz um den Hals dargestellt, aber seine Augen sind verschlossen, was auf seine Heuchelei und sein Versagen hinweist, die moralischen Werte zu verkörpern, die er predigt.
Ein Industrieller mit Zylinder und Dollarzeichen auf der Stirn steht für die kapitalistische Ausbeutung der Arbeiterklasse. Er ist gierig und rücksichtslos und interessiert sich nur für Profit, ohne Rücksicht auf die soziale Gerechtigkeit.
Symbolik und Allegorien
Das Gemälde ist reich an Symbolen, die Grosz’ Kritik an der deutschen Gesellschaft verstärken. Die Nachtöpfe, die auf den Köpfen einiger Figuren platziert sind, symbolisieren die geistige Enge und den Mangel an klarem Denken. Die deutsche Flagge, die aus dem Nachtopf ragt, wird ironisch verwendet, um den blinden Nationalismus und die Verblendung der Bürger zu verspotten. Die Exkremente im Kopf des Richters stehen für Korruption und moralische Verkommenheit. Die Handgranate des Militärs symbolisiert die Gewalt und Aggression, die Grosz verabscheute. Das Dollarzeichen auf der Stirn des Industriellen steht für Gier und kapitalistische Ausbeutung.
Die Komposition
Die Komposition des Gemäldes ist bewusst chaotisch und fragmentiert, um die Desorientierung und Instabilität der Weimarer Republik widerzuspiegeln. Die Figuren sind eng aneinander gedrängt und überlagern sich, was ein Gefühl von Klaustrophobie und Enge erzeugt. Die grellen Farben und die verzerrten Proportionen verstärken den Eindruck von Groteske und Absurdität. Die Verwendung der Perspektive ist verzerrt und unnatürlich, was die Realitätsferne der dargestellten Figuren unterstreicht.
Interpretation und Bedeutung
Stützen der Gesellschaft ist ein komplexes und vielschichtiges Werk, das verschiedene Interpretationen zulässt. Im Wesentlichen ist es eine scharfe Kritik an der politischen und gesellschaftlichen Elite der Weimarer Republik. Grosz prangert die Korruption, Heuchelei und den blinden Nationalismus an, die seiner Meinung nach die Gesellschaft zerstören. Er enthüllt die wahren Motive der vermeintlichen "Säulen" der Gesellschaft und zeigt, dass sie in Wirklichkeit nur an ihrem eigenen Vorteil interessiert sind.
Das Gemälde kann auch als eine Warnung vor den Gefahren des Extremismus und der politischen Instabilität interpretiert werden. Grosz warnt davor, dass blinder Nationalismus und soziale Ungerechtigkeit zu Gewalt und Chaos führen können. Seine Kritik an der Weimarer Republik war prophetisch, da nur wenige Jahre später die Nationalsozialisten an die Macht kamen und Deutschland in den Zweiten Weltkrieg stürzten.
Die Bedeutung von Stützen der Gesellschaft reicht über den historischen Kontext hinaus. Das Gemälde ist auch heute noch relevant, da es universelle Themen wie Korruption, Machtmissbrauch und soziale Ungerechtigkeit anspricht. Es erinnert uns daran, kritisch zu denken, Autoritäten zu hinterfragen und für eine gerechtere Gesellschaft einzutreten.
Wo kann man das Werk sehen?
Obwohl das Original sich in einer Privatsammlung befindet, sind Reproduktionen und Abbildungen des Werkes weit verbreitet. Viele Museen und Galerien, insbesondere in Deutschland, zeigen Grosz' Werke, darunter auch Studien oder Vorarbeiten zu Stützen der Gesellschaft. Es empfiehlt sich, die Webseiten von Museen wie der Neuen Nationalgalerie in Berlin oder dem Museum Kunstpalast in Düsseldorf zu konsultieren, um aktuelle Ausstellungen und Sammlungen zu finden.
Fazit
George Grosz’ Stützen der Gesellschaft ist ein kraftvolles und verstörendes Gemälde, das uns auch heute noch zum Nachdenken anregt. Es ist ein wichtiges Zeugnis der Weimarer Republik und ein Mahnmal gegen die Gefahren von Extremismus und sozialer Ungerechtigkeit. Durch seine scharfe Kritik und seine eindringlichen Bilder hat Grosz ein Meisterwerk geschaffen, das seinen Platz in der Kunstgeschichte verdient.
Für Expats und Neuankömmlinge bietet das Verständnis dieses Werkes einen tieferen Einblick in die deutsche Geschichte und Kultur und hilft, die Komplexität der deutschen Identität besser zu verstehen. Das Gemälde ist nicht nur ein Kunstwerk, sondern ein Fenster in die Seele einer zerrissenen Nation, die versucht, nach einer Katastrophe einen neuen Weg zu finden.
