Geschenkt Ist Noch Zu Teuer Badewanne
Die Ausstellung „Geschenkt ist noch zu teuer: Badewanne“ im fiktiven Museum für Alltagsgeschichte bietet eine überraschend tiefgründige Auseinandersetzung mit einem Objekt, das wir zumeist als selbstverständlich erachten: die Badewanne. Was auf den ersten Blick wie eine simple Präsentation sanitärer Keramik wirkt, entpuppt sich als eine facettenreiche Exploration von Hygiene, sozialem Wandel, Konsumkultur und der oft übersehenen Politik des Privaten.
Die Exponate: Mehr als nur Keramik
Der Rundgang beginnt keineswegs mit glänzenden, neuen Badewannen. Vielmehr eröffnet er mit einer Sammlung von Objekten, die als Vorläufer der modernen Wanne dienen. Hier finden sich Waschzuber aus Holz, Zinkwannen und sogar improvisierte Badegelegenheiten aus umfunktionierten Weinfässern. Diese frühen Exponate verdeutlichen eindrücklich, dass die Möglichkeit, sich in Wasser zu reinigen, lange Zeit ein Luxus war, der nur wenigen vorbehalten war. Die Ausstellung arbeitet hier geschickt mit Fotografien und zeitgenössischen Illustrationen, die das oft beschwerliche und kostspielige Prozedere des Badens in früheren Jahrhunderten veranschaulichen. Man spürt förmlich die Kälte des Wassers, das mühsam herbeigetragen und beheizt werden musste.
Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der Industrialisierung der Badewannenproduktion. Die Ausstellung zeigt die Entwicklung von Gusseisenwannen zu emaillierten Stahlwannen und schließlich zu den Acryl- und Kunststoffmodellen, die heute Standard sind. Dabei wird nicht nur auf die technologischen Innovationen eingegangen, sondern auch auf die sozialen und wirtschaftlichen Auswirkungen der Massenproduktion. Die sinkenden Preise und die zunehmende Verfügbarkeit von Badewannen führten zu einer allmählichen Demokratisierung der Hygiene, die jedoch keineswegs reibungslos verlief. Die Ausstellung thematisiert auch die Debatten über öffentliche Bäder und die Rolle der Kommune bei der Gewährleistung sanitärer Standards für die Bevölkerung.
Besonders eindrücklich sind die thematischen Installationen. Eine Rekonstruktion eines Badezimmers aus den 1950er Jahren vermittelt ein authentisches Bild vom Aufstieg der Badewanne zum Statussymbol der Nachkriegszeit. Hier wird deutlich, wie die Badewanne nicht nur ein Ort der Reinigung, sondern auch ein Ort der Entspannung und des persönlichen Rückzugs wurde. Die ausgestellten Werbeposter aus dieser Zeit belegen, wie geschickt die Industrie diese Sehnsüchte bediente und die Badewanne als Inbegriff von Komfort und Modernität inszenierte.
Sonderausstellung: Die Badewanne im Film
Ein besonderes Highlight ist die integrierte Sonderausstellung „Die Badewanne im Film“. Hier werden Filmausschnitte und Standfotos präsentiert, die zeigen, wie die Badewanne in der Filmgeschichte inszeniert wurde. Von ikonischen Szenen wie der Duschszene in Hitchcocks „Psycho“ (obwohl hier streng genommen keine Badewanne, sondern eine Dusche im Mittelpunkt steht, wird die Thematik der Verletzlichkeit und Bedrohung im intimen Raum des Badezimmers aufgegriffen) bis hin zu humorvollen Darstellungen des Badens als Akt der Entspannung und Selbstfindung wird die vielfältige Bedeutung der Badewanne in der Populärkultur verdeutlicht. Die Ausstellung wirft auch einen kritischen Blick auf die oft stereotype Darstellung von Frauen in der Badewanne und hinterfragt die damit verbundenen Geschlechterrollen.
Bildungswert: Mehr als nur Oberfläche
Der Bildungswert der Ausstellung geht weit über die reine Vermittlung historischer Fakten hinaus. Sie regt vielmehr dazu an, über die tieferliegenden gesellschaftlichen und kulturellen Zusammenhänge nachzudenken, die mit dem Objekt Badewanne verbunden sind. Die Ausstellung vermittelt ein Verständnis dafür, wie sich unsere Vorstellungen von Hygiene, Körperlichkeit und Privatheit im Laufe der Zeit verändert haben und wie diese Veränderungen durch technologische Innovationen, soziale Bewegungen und ökonomische Entwicklungen beeinflusst wurden.
Ein besonderer Fokus liegt auf der Auseinandersetzung mit der Kritik der Konsumgesellschaft. Die Ausstellung thematisiert die Kommerzialisierung des Badens und die zunehmende Bedeutung von Wellness-Produkten und -Dienstleistungen. Es wird die Frage aufgeworfen, inwieweit die heutigen Vorstellungen von Hygiene und Körperpflege von den Bedürfnissen der Industrie geprägt sind und inwieweit sie tatsächlich zu unserem Wohlbefinden beitragen. Die Ausstellung fordert die Besucher auf, ihr eigenes Konsumverhalten zu reflektieren und sich kritisch mit den Versprechungen der Wellness-Industrie auseinanderzusetzen.
Die Ausstellung bietet zudem eine Reihe von pädagogischen Angeboten für Kinder und Jugendliche. In interaktiven Workshops können sie beispielsweise eigene Seifen herstellen oder ein kleines Modell einer historischen Badewanne bauen. Diese spielerischen Ansätze vermitteln auf anschauliche Weise historische und technologische Zusammenhänge und fördern das Interesse an der Geschichte des Alltagslebens.
Das Besuchererlebnis: Eine Reise in die Vergangenheit und Gegenwart
Das Museum für Alltagsgeschichte hat bei der Gestaltung der Ausstellung großen Wert auf ein ansprechendes und informatives Besuchererlebnis gelegt. Die Exponate sind übersichtlich präsentiert und mit ausführlichen Begleittexten versehen. Audioguides in verschiedenen Sprachen bieten zusätzliche Informationen und Hintergrundwissen. Die thematischen Installationen sind liebevoll gestaltet und vermitteln ein authentisches Bild von den Lebensbedingungen vergangener Zeiten.
Besonders positiv hervorzuheben ist die Barrierefreiheit der Ausstellung. Alle Räume sind rollstuhlgerecht zugänglich und es werden spezielle Führungen für Menschen mit Seh- oder Hörbehinderung angeboten. Das Museum hat sich bemüht, die Ausstellung für ein möglichst breites Publikum zugänglich zu machen.
Ein Kritikpunkt könnte die gelegentliche Überfrachtung mit Informationen sein. An manchen Stellen wirkt die Ausstellung etwas dicht und die Fülle an Fakten und Details kann erschlagend wirken. Hier wäre es wünschenswert, wenn das Museum in Zukunft noch stärker auf eine klare und übersichtliche Präsentation achten würde.
Insgesamt ist die Ausstellung „Geschenkt ist noch zu teuer: Badewanne“ jedoch eine überaus gelungene und informative Präsentation eines vermeintlich banalen Alltagsgegenstandes. Sie regt zum Nachdenken an, vermittelt ein tiefes Verständnis für die Geschichte des Alltagslebens und fordert dazu auf, die eigenen Konsumgewohnheiten zu hinterfragen. Ein Besuch dieser Ausstellung ist nicht nur für Geschichtsinteressierte, sondern für alle, die sich für die gesellschaftlichen und kulturellen Zusammenhänge unseres Lebens interessieren, absolut empfehlenswert.
„Die Badewanne ist mehr als nur ein Behälter für Wasser. Sie ist ein Spiegel unserer Gesellschaft.“ – Zitat aus dem Begleitkatalog zur Ausstellung.
Abschließend lässt sich sagen, dass die Ausstellung nicht nur Wissen vermittelt, sondern auch Emotionen weckt. Man verlässt das Museum mit einem neuen Blick auf die Badewanne und mit einem tieferen Verständnis für die Geschichte unseres Alltagslebens. Die vermeintliche Banalität des Alltags erweist sich als Fundgrube für Erkenntnisse über uns selbst und unsere Gesellschaft.
