Hallo Ist Denn Hier Keiner
Ach du liebe Zeit, wo soll ich nur anfangen? Ich sitze hier gerade in meinem kleinen Café in Berlin-Neukölln, ein dampfender Kaffee vor mir, und denke an eine meiner kuriosesten Reiseerfahrungen zurück. Es passierte in einer kleinen, verschlafenen Stadt in Brandenburg, ein Ort, an dem die Zeit scheinbar stehen geblieben ist. Ich nenne ihn hier mal "Kleinroda", um die Privatsphäre der wenigen Bewohner zu schützen. Es geht um die Frage, die mich noch heute verfolgt: "Hallo? Ist denn hier Keiner?"
Ich war auf der Suche nach dem authentischen Deutschland, fernab der Touristenpfade. Berlin war toll, keine Frage, aber ich wollte mehr. Ich wollte das Landleben spüren, die Ruhe, die Traditionen. Also packte ich meinen kleinen Rucksack, schnappte mir mein Fahrrad und fuhr los. Die Landschaft Brandenburgs ist wunderschön – weite Felder, dichte Wälder, glitzernde Seen. Ich radelte stundenlang, genoss die frische Luft und die Stille. Irgendwann erreichte ich Kleinroda.
Schon auf den ersten Blick wirkte der Ort seltsam verlassen. Die Häuser waren zwar gepflegt, aber die Fensterläden geschlossen. Keine Menschenseele war auf der Straße zu sehen. Ich dachte mir nichts dabei, es war ja schließlich Mittagspause. Vielleicht waren alle beim Essen oder hielten Siesta, wie man in südlicheren Gefilden sagen würde. Ich fuhr weiter in Richtung des Ortskerns, immer auf der Suche nach einem Café oder einer Gaststätte, wo ich eine Kleinigkeit essen und mich etwas ausruhen konnte.
Ich erreichte den Marktplatz. Ein paar Tauben pickten gelangweilt auf dem Pflaster herum, aber sonst – tote Hose. Ein Bäcker war zu sehen, mit einem Schild "Geöffnet" an der Tür. Perfekt! Ich stellte mein Fahrrad ab und ging hinein.
Der Bäcker, der keiner war
Ich öffnete die Tür, und es klingelte. Aber niemand kam. "Hallo?", rief ich. Stille. Ich ging weiter hinein. Die Theke war voll mit frischen Brötchen und Kuchen, alles sah appetitlich aus. Aber kein Verkäufer, keine Verkäuferin. "Hallo? Ist denn hier Keiner?", rief ich noch einmal, diesmal lauter. Nichts. Ich wartete ein paar Minuten, überlegte, was ich tun sollte. Einfach etwas nehmen und Geld dalassen? Das kam mir irgendwie komisch vor.
Ich ging wieder hinaus und schaute mich um. Vielleicht war der Bäcker ja gerade hinten im Lager oder so. Aber weit und breit war niemand zu sehen. Ich beschloss, mein Glück woanders zu versuchen. Vielleicht gab es ja noch ein anderes Geschäft im Ort.
Das verschwundene Gasthaus
Ich radelte weiter, bis ich an ein Gasthaus kam. Ein verblichenes Schild hing über der Tür: "Zum Goldenen Hirsch". Die Fenster waren verdunkelt, aber ein kleines Schild verriet: "Geöffnet ab 17 Uhr". Mist! Es war erst 14 Uhr. Ich hatte Hunger! Ich überlegte, ob ich einfach vor dem Gasthaus warten sollte, aber drei Stunden waren mir dann doch zu lang. Außerdem, wer weiß, ob das Gasthaus wirklich um 17 Uhr öffnete?
Ich radelte weiter, immer noch auf der Suche nach einem Lebenszeichen. Ich kam an einem kleinen Supermarkt vorbei. Hoffnung keimte in mir auf. Vielleicht hatte ich ja hier Glück.
Ich stellte mein Fahrrad ab und ging hinein. Die Tür öffnete sich mit einem leisen Quietschen. Ich trat ein, und… es war wieder das gleiche Spiel. Die Regale waren voll mit Waren, aber keine Menschenseele war zu sehen. "Hallo? Ist denn hier Keiner?", rief ich verzweifelt. Wieder nur Stille. Ich ging durch den ganzen Laden, rief immer wieder, aber es antwortete niemand. Ich fühlte mich wie in einem schlechten Film.
Ich gab auf. Ich verließ den Supermarkt und setzte mich auf eine Bank vor dem Laden. Ich war hungrig, durstig und frustriert. Was war hier los? War das eine Art versteckte Kamera? Oder hatte ich mich in eine Parallelwelt verirrt?
Ich zog mein Handy heraus, um zu schauen, ob ich Empfang hatte. Zum Glück hatte ich das. Ich googelte "Kleinroda". Es gab ein paar Einträge, aber nichts Auffälliges. Eine kleine Stadt in Brandenburg, etwa 500 Einwohner, ländlich geprägt. Nichts, was meine seltsame Erfahrung erklären könnte.
Ich beschloss, weiterzufahren. Vielleicht gab es ja im nächsten Ort mehr Glück. Ich schwang mich wieder auf mein Fahrrad und radelte los. Kurz vor dem Ortsausgang sah ich eine alte Frau, die in ihrem Garten arbeitete. Endlich! Ein Mensch!
Ich hielt an und fragte sie, was hier los sei. "Guten Tag", sagte ich. "Entschuldigen Sie, aber ich war gerade im Bäcker, im Gasthaus und im Supermarkt, und es war nirgends jemand da. Ist denn hier Keiner?"
Die alte Frau sah mich mit einem milden Lächeln an. "Ach, wissen Sie", sagte sie, "heute ist Mittwoch. Da haben alle Geschäfte am Nachmittag geschlossen. Das ist hier so Tradition."
Mittwoch Nachmittag geschlossen? Das hatte ich noch nie gehört! Aber es erklärte natürlich alles. Ich bedankte mich bei der alten Frau und radelte weiter. Ich musste schmunzeln. So kann es gehen, wenn man auf der Suche nach dem authentischen Deutschland ist. Manchmal findet man es an den unerwartetsten Orten.
Ich habe gelernt, dass es sich lohnt, auch mal abseits der ausgetretenen Pfade zu reisen. Man erlebt Dinge, die man sonst nie erleben würde. Und man lernt, dass Traditionen manchmal sehr überraschend sein können. Und dass es manchmal eben doch Keiner da ist, wenn man ihn am wenigsten erwartet.
Aber genau das macht das Reisen doch so spannend, oder?
Also, liebe Reisefreunde, lasst euch nicht entmutigen, wenn ihr mal vor verschlossenen Türen steht. Fragt einfach nach, vielleicht erfahrt ihr ja etwas Interessantes. Und nehmt es mit Humor, denn am Ende des Tages ist Reisen doch vor allem eines: ein großes Abenteuer.
Und was Kleinroda angeht: Vielleicht fahre ich irgendwann mal wieder hin, aber dann ganz bestimmt nicht an einem Mittwochnachmittag!
