Ich Fasse An Meine Nase
Das Deutsche Hygiene-Museum in Dresden beheimatet eine Ausstellung, die auf den ersten Blick so simpel wirkt, dass man ihre tieferliegende Bedeutung leicht übersehen könnte: „Ich fasse an meine Nase“. Doch hinter dieser kindlich anmutenden Geste verbirgt sich eine komplexe Auseinandersetzung mit dem Körper, der Identität und den kulturellen Prägungen, die unser Selbstverständnis formen. Die Ausstellung ist weit mehr als eine bloße Präsentation anatomischer Fakten; sie ist eine Einladung zur Selbstreflexion und zur kritischen Hinterfragung der Normen, die unser Verhältnis zum eigenen Körper bestimmen.
Die Anatomie der Berührung: Eine Einführung
Der Rundgang beginnt mit einer detaillierten Betrachtung der Nase selbst. Anatomische Modelle, detaillierte Zeichnungen und interaktive Elemente verdeutlichen die komplexe Struktur dieses Organs, das weit mehr ist als nur ein Filter für die Atemluft. Die Nase ist ein zentrales Element unserer Sensorik, ein Tor zur Welt der Gerüche, die untrennbar mit unseren Erinnerungen und Emotionen verbunden sind. Die Ausstellung macht deutlich, dass das Riechen oft unterschätzt wird, obwohl es eine entscheidende Rolle für unser Wohlbefinden und unsere soziale Interaktion spielt. Besucher können an verschiedenen Duftstationen selbst experimentieren und die vielfältigen Facetten des Geruchssinns erkunden.
Ein besonderer Fokus liegt auf der haptischen Wahrnehmung. Die Berührung der eigenen Nase, die titelgebende Geste, ist ein unmittelbarer Akt der Selbstvergewisserung. Sie verdeutlicht die enge Verbindung zwischen Körper und Bewusstsein. Die Ausstellung zeigt, wie sich diese Verbindung im Laufe der Geschichte und in verschiedenen Kulturen unterschiedlich manifestiert hat. Von rituellen Handlungen bis hin zu alltäglichen Gewohnheiten wird die Bedeutung der Berührung als Mittel der Kommunikation und der Identitätsstiftung beleuchtet.
Kulturelle Prägungen und Schönheitsideale
Ein zentraler Aspekt der Ausstellung ist die Auseinandersetzung mit den kulturellen Prägungen, die unser Bild vom Körper und insbesondere von der Nase prägen. Historische Darstellungen und zeitgenössische Kunstwerke zeigen, wie sich Schönheitsideale im Laufe der Zeit gewandelt haben und wie sie bis heute unsere Wahrnehmung beeinflussen. Die Ausstellung scheut sich nicht, auch kritische Fragen zu stellen: Wie werden wir durch Medien und soziale Normen dazu gebracht, uns selbst zu vergleichen und zu bewerten? Welche Auswirkungen haben Schönheitsideale auf unser Selbstwertgefühl und unser Verhältnis zum eigenen Körper?
„Die Ausstellung ist ein Plädoyer für mehr Körperbewusstsein und eine kritische Auseinandersetzung mit den Normen, die uns auferlegt werden“, so die Kuratorin Dr. Anna Schmidt. „Wir möchten die Besucher dazu anregen, ihren eigenen Körper mit neuen Augen zu sehen und sich von den Zwängen unrealistischer Schönheitsideale zu befreien.“
Die Auseinandersetzung mit Schönheitsidealen wird durch interaktive Stationen ergänzt, an denen Besucher ihre eigenen Erfahrungen reflektieren und sich mit anderen austauschen können. In einer sogenannten „Spiegelkammer“ werden die Besucher mit unterschiedlichen Perspektiven auf ihr eigenes Spiegelbild konfrontiert und dazu angeregt, ihre Selbstwahrnehmung zu hinterfragen.
Körper und Identität: Die Nase als Spiegel der Seele?
Die Ausstellung "Ich fasse an meine Nase" wirft auch einen Blick auf die Frage, inwieweit der Körper, und insbesondere die Nase, unsere Identität prägt. Im Laufe der Geschichte wurden der Nase oft bestimmte Charaktereigenschaften zugeschrieben. In der Physiognomie, einer heute überholten Lehre, wurde versucht, vom Aussehen auf den Charakter eines Menschen zu schließen. Die Ausstellung zeigt, wie solche Vorstellungen entstanden sind und welche gefährlichen Konsequenzen sie haben können.
Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der Darstellung der Nase in der Kunst und Literatur. Von Karikaturen bis hin zu Porträts wird die Vielfalt der künstlerischen Auseinandersetzung mit diesem Körperteil deutlich. Die Ausstellung zeigt, wie die Nase als Symbol für Individualität, Charakter und sogar für soziale Zugehörigkeit verwendet wurde.
Besonders eindrücklich ist die Präsentation von Biografien von Menschen, die eine ungewöhnliche Beziehung zu ihrer Nase haben – sei es aufgrund einer Erkrankung, einer Operation oder einer bewussten Entscheidung, sich von Schönheitsidealen zu distanzieren. Diese persönlichen Geschichten machen die Ausstellung besonders berührend und regen zur Empathie an. Sie verdeutlichen, dass der Körper nicht nur ein biologisches Objekt ist, sondern untrennbar mit unserer persönlichen Geschichte und unserem Selbstverständnis verbunden ist.
Pädagogische Ansätze und interaktive Elemente
Die Ausstellung legt großen Wert auf eine altersgerechte Vermittlung der Inhalte. Für Kinder und Jugendliche gibt es spezielle Führungen und interaktive Angebote, die spielerisch Wissen vermitteln und zum Nachdenken anregen. So können Kinder beispielsweise anhand von Modellen die Anatomie der Nase erkunden oder an einem Workshop teilnehmen, in dem sie eigene Duftkompositionen kreieren.
Auch für Erwachsene bietet die Ausstellung vielfältige Möglichkeiten, sich aktiv einzubringen. In Diskussionsrunden und Workshops können Besucher ihre eigenen Erfahrungen austauschen und sich mit Experten über Themen wie Körperbild, Schönheitsideale und Identität auseinandersetzen. Die Ausstellung versteht sich somit als ein Ort der Begegnung und des Dialogs.
Die multimediale Aufbereitung der Ausstellung trägt wesentlich zum Lernerlebnis bei. Interaktive Displays, Videoinstallationen und Audiobeiträge ermöglichen es den Besuchern, die Inhalte auf unterschiedliche Weise zu erfahren. Besonders hervorzuheben ist die Möglichkeit, sich über eine App weiterführende Informationen zu den einzelnen Exponaten abzurufen und sich mit anderen Besuchern auszutauschen.
Das Fazit: Mehr als nur eine Nase
Die Ausstellung „Ich fasse an meine Nase“ ist weit mehr als eine oberflächliche Betrachtung eines Körperteils. Sie ist eine tiefgründige Auseinandersetzung mit dem Körper, der Identität und den kulturellen Prägungen, die unser Selbstverständnis formen. Durch die Kombination aus anatomischen Fakten, historischen Darstellungen, zeitgenössischer Kunst und interaktiven Elementen gelingt es der Ausstellung, ein breites Publikum anzusprechen und zum Nachdenken anzuregen.
Die Ausstellung hinterlässt den Besucher mit der Erkenntnis, dass die Beziehung zum eigenen Körper ein lebenslanger Prozess ist, der von vielen Faktoren beeinflusst wird. Sie ermutigt dazu, sich kritisch mit den Normen auseinanderzusetzen, die unser Bild vom Körper prägen, und eine eigene, selbstbestimmte Haltung zu entwickeln. "Ich fasse an meine Nase" ist somit nicht nur eine Ausstellung, sondern eine Einladung zur Selbstreflexion und zur Wertschätzung des eigenen Körpers in all seiner Vielfalt.
