Ich Kann Leider Nicht Kommen
Die Ausstellung "Ich Kann Leider Nicht Kommen" ist weit mehr als eine Aneinanderreihung von Kunstwerken. Sie ist eine Auseinandersetzung mit den vielschichtigen Dimensionen der Abwesenheit, des Versagens, der Verpflichtung und der subtilen Gewalt, die in der alltäglichen Nicht-Teilnahme wirken kann. Die Kuratoren haben eine beeindruckende Auswahl an Werken zusammengetragen, die auf intime Weise persönliche Geschichten erzählen und gleichzeitig universelle menschliche Erfahrungen reflektieren.
Die Exponate: Ein Kaleidoskop der Absage
Die Ausstellung gliedert sich nicht in klassische Themenbereiche, sondern evoziert vielmehr durch die Zusammenstellung der Werke eine Art dialogische Beziehung zwischen ihnen. Ein Fotoessay von Anna Blume bildet den Auftakt. Er dokumentiert auf berührende Weise die leeren Stühle bei einer Familienfeier. Die abwesenden Personen werden nicht explizit genannt, aber ihre Abwesenheit hallt in den Bildern nach – ein Echo der Verpflichtung, der Krankheit, der Entfremdung. Blume gelingt es, die Banale des Alltags in etwas Tiefgründiges zu verwandeln, eine Meditation über die Zerbrechlichkeit von Beziehungen.
Im Kontrast dazu steht eine Installation von Joseph Beuys, die sich mit dem Thema des politischen Nicht-Erscheinens auseinandersetzt. Ein Rednerpult steht verlassen in einem Raum, die Mikrofone sind stumm. Beuys thematisiert die Ohnmacht des Einzelnen gegenüber politischen Prozessen, die Resignation, die zum Schweigen und letztlich zum Verzicht auf Teilhabe führt. Die Leere des Rednerpults ist eine provokante Anklage an die Apathie der Gesellschaft.
Besonders eindrücklich ist auch die Videoinstallation von Pipilotti Rist. In ihren typisch farbenprächtigen und sinnlichen Bildern zeigt sie Menschen, die versuchen, sich aus Verpflichtungen zu befreien. Sie winden sich, tanzen und scheitern an den unsichtbaren Fesseln, die sie an die Erwartungen der Gesellschaft binden. Rist vermittelt ein Gefühl der Beklemmung, aber auch der Hoffnung auf eine Befreiung von den Konventionen.
Ein weiteres Highlight ist die Serie von Zeichnungen von Käthe Kollwitz. Sie zeigen Mütter, die ihre Kinder nicht vor dem Krieg schützen können, die hilflos zusehen müssen, wie sie in den Tod geschickt werden. Kollwitz’ Werk ist ein bewegendes Zeugnis der Ohnmacht des Einzelnen angesichts der Gewalt des Krieges und der Tragödie der erzwungenen Abwesenheit.
Neben diesen etablierten Künstler*innen werden auch Werke von weniger bekannten, zeitgenössischen Künstler*innen gezeigt. Eine Installation von Fatima El-Tayeb beschäftigt sich mit dem Thema der migrantischen Abwesenheit. Sie thematisiert die Erfahrung von Menschen, die gezwungen sind, ihre Heimat zu verlassen und ein Leben in der Diaspora zu führen. El-Tayeb verwendet persönliche Briefe und Fotografien, um die Geschichten der Abwesenden zu erzählen und ihre Stimmen hörbar zu machen.
Die Vielschichtigkeit der Interpretation
Die Kurator*innen haben bewusst auf eine eindeutige Interpretation der Werke verzichtet. Vielmehr laden sie die Besucher*innen dazu ein, sich selbst ein Bild zu machen und ihre eigenen Erfahrungen in die Auseinandersetzung mit den Werken einzubringen. Die Ausstellung ist ein Denkraum, der zum Nachdenken über die eigenen Verpflichtungen, die eigenen Ängste vor dem Versagen und die eigenen Grenzen anregt.
Der Bildungswert: Mehr als nur Kunstbetrachtung
Der Bildungswert der Ausstellung liegt nicht nur in der Vermittlung von Kunstgeschichte und -theorie. Vielmehr geht es darum, die Besucher*innen für die gesellschaftlichen und politischen Dimensionen der Abwesenheit zu sensibilisieren. Begleitend zur Ausstellung werden Workshops und Vorträge angeboten, die sich mit Themen wie sozialer Gerechtigkeit, politischer Partizipation und psychischer Gesundheit auseinandersetzen.
Ein besonderes Augenmerk gilt der interaktiven Vermittlung. Die Besucher*innen werden dazu eingeladen, ihre eigenen Erfahrungen mit Abwesenheit zu reflektieren und ihre Gedanken und Gefühle in einem Gästebuch festzuhalten. Es gibt auch eine Online-Plattform, auf der die Besucher*innen ihre eigenen Geschichten und Kunstwerke hochladen können. So entsteht eine kollektive Auseinandersetzung mit dem Thema der Ausstellung.
Die Ausstellung richtet sich an ein breites Publikum, von Kunstinteressierten bis hin zu Menschen, die sich noch nie mit Kunst auseinandergesetzt haben. Die Kurator*innen haben darauf geachtet, dass die Werke für alle verständlich sind und dass die begleitenden Informationen in verschiedenen Sprachen verfügbar sind. Die Ausstellung soll ein Ort der Begegnung und des Austauschs sein.
Die Besucher*innenerfahrung: Zwischen Betroffenheit und Erkenntnis
Die Ausstellung "Ich Kann Leider Nicht Kommen" ist keine leichte Kost. Sie konfrontiert die Besucher*innen mit unangenehmen Fragen und fordert sie heraus, sich mit ihren eigenen Schattenseiten auseinanderzusetzen. Viele Besucher*innen berichten von einem Gefühl der Betroffenheit, aber auch von einem Gefühl der Erkenntnis. Die Ausstellung regt zum Nachdenken an und kann dazu beitragen, die eigene Perspektive auf die Welt zu verändern.
Besonders positiv wird von den Besucher*innen die Atmosphäre der Ausstellung hervorgehoben. Die Räume sind bewusst dunkel gehalten, um die Konzentration auf die Werke zu lenken. Die Beleuchtung ist subtil und schafft eine intime Atmosphäre. Die Musik ist dezent und unterstützt die emotionale Wirkung der Werke.
Die Kurator*innen haben sich große Mühe gegeben, eine einladende und respektvolle Umgebung zu schaffen. Die Mitarbeiter*innen sind freundlich und hilfsbereit und stehen den Besucher*innen gerne für Fragen zur Verfügung. Die Ausstellung ist barrierefrei zugänglich und bietet auch Angebote für Menschen mit Behinderungen.
Insgesamt ist die Ausstellung "Ich Kann Leider Nicht Kommen" eine bedeutende und bewegende Auseinandersetzung mit einem Thema, das uns alle betrifft. Sie ist ein Muss für alle, die sich für Kunst, Gesellschaft und die menschliche Seele interessieren. Sie ist ein Appell, sich den eigenen Verpflichtungen und Ängsten zu stellen und sich für eine gerechtere und menschlichere Welt einzusetzen. Die Ausstellung hinterlässt einen nachhaltigen Eindruck und regt zu weiterem Nachdenken an. Sie zeigt eindrucksvoll, dass Abwesenheit mehr ist als nur das Fehlen – sie ist eine kraftvolle Aussage und ein Spiegelbild unserer Gesellschaft. Sie ist ein Plädoyer für Empathie und ein Aufruf, die Stimmen der Abwesenden zu hören.
