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In Seiner Frühen Kindheit Ein Garten Interpretation


In Seiner Frühen Kindheit Ein Garten Interpretation

Für viele Deutschlernende und Zugezogene ist der Titel "In Seiner Frühen Kindheit Ein Garten" zunächst rätselhaft. Es handelt sich hierbei um den Titel eines berühmten Gedichts des österreichischen Dichters Rainer Maria Rilke. Das Gedicht selbst ist komplex und vielschichtig, und es gibt unzählige Interpretationen. Dieser Artikel soll Ihnen eine verständliche Einführung in das Gedicht und seine möglichen Bedeutungen geben.

Der Text des Gedichts

Zunächst ist es hilfreich, den vollständigen Text des Gedichts zu kennen:

In seiner frühen Kindheit ein Garten.
Langsam kam Blau und Grün hinein,
und Sommernachmittage waren,
da ging er ein wenig weinend ein.

Und später trat er aus den Dingen,
die er so lange lernen mußte:
als ob er einmal mit den Schwingen
nur gegen eine Weile rußte.

Denn erst die Unbestimmtheit wuchs
in seinen Gang und in sein Sehen;
bis er, wie jemand der verblich,
die Dinge nicht mehr hat geschehen.

Und dann begann er, ohnegleichen,
sein eignes Dasein abzubauen,
und es begann, ihn zu erreichen,
als ob er es nicht mehr genau verstauen.

Jetzt ist er nirgends, denn im Grunde
hat er sich ganz zu Ende schaut,
und was ihn sucht, das kann ihn finden
nicht mehr mit einem Ding verbaut.

Zentrale Themen und Motive

Das Gedicht behandelt eine Reihe von zentralen Themen, die typisch für Rilkes Werk sind: die Kindheit, die Entfremdung, die Suche nach Identität, die Auflösung des Selbst und die Konfrontation mit dem Tod. Es ist wichtig zu verstehen, dass Rilke oft mit symbolischer Sprache arbeitet, die nicht immer wörtlich zu nehmen ist.

Die Kindheit als verlorenes Paradies

Die erste Strophe beschreibt die Kindheit als einen Garten, einen Ort der Unschuld und des Friedens. Das "Langsam kam Blau und Grün hinein" deutet auf eine allmähliche Entdeckung der Welt hin. Interessanterweise betritt das lyrische Ich den Garten "ein wenig weinend". Dies kann auf das Bewusstsein der Vergänglichkeit und der drohenden Verlorenheit dieses Paradieses hindeuten. Die Kindheit ist kein idealisierter Zustand, sondern bereits von einer leichten Trauer überschattet.

Entfremdung und Anpassung

Die zweite Strophe beschreibt den Übergang von der Kindheit zur Erwachsenenwelt. Das lyrische Ich "trat er aus den Dingen, die er so lange lernen mußte". Dies impliziert eine Anpassung an gesellschaftliche Normen und Erwartungen. Der Vergleich mit den "Schwingen" deutet auf einen Verlust der ursprünglichen Freiheit und Kreativität hin. Das "Rußen" gegen eine Weile bedeutet eine kurzzeitige Berührung mit der Welt, die aber nicht zu einer dauerhaften Verbindung führt.

Verlust der Identität

Die dritte und vierte Strophe beschreiben einen fortschreitenden Verlust der Identität. "Die Unbestimmtheit wuchs in seinen Gang und in sein Sehen" bedeutet, dass das lyrische Ich die Klarheit und Eindeutigkeit verliert, die es vielleicht einmal hatte. Es verblasst, "wie jemand der verblich", und die Dinge geschehen nicht mehr aktiv, sondern passiv. Der "Abbau des eignen Daseins" und das Gefühl, es nicht mehr "genau verstauen" zu können, verstärken den Eindruck einer tiefen Verunsicherung und Entfremdung von sich selbst.

Auflösung und Transzendenz

Die letzte Strophe beschreibt die vollständige Auflösung des Ichs. "Jetzt ist er nirgends, denn im Grunde hat er sich ganz zu Ende schaut". Dieser Satz ist der Schlüssel zum Verständnis des Gedichts. Das lyrische Ich hat sich selbst in all seinen Facetten erkannt und ist dadurch über sich hinausgewachsen. Es ist nicht mehr an ein bestimmtes Ding gebunden, was bedeutet, dass es sich von den Fesseln der materiellen Welt befreit hat. Diese Auflösung kann als eine Art Transzendenz interpretiert werden, als ein Aufgehen in einem größeren Ganzen.

Mögliche Interpretationen

Wie bereits erwähnt, gibt es viele verschiedene Interpretationen des Gedichts. Einige davon sind:

  • Psychologische Interpretation: Das Gedicht kann als eine Darstellung des Individuationsprozesses verstanden werden, also des Prozesses derFindung der eigenen Persönlichkeit. Der Verlust der Kindheit, die Anpassung an die Gesellschaft und die Konfrontation mit dem Tod sind dabei wichtige Stationen.
  • Existenzielle Interpretation: Das Gedicht kann als eine Auseinandersetzung mit den grundlegenden Fragen der menschlichen Existenz gelesen werden: Wer bin ich? Was ist der Sinn des Lebens? Was geschieht nach dem Tod? Die Auflösung des Ichs am Ende des Gedichts kann als eine mögliche Antwort auf diese Fragen interpretiert werden.
  • Religiöse Interpretation: Die Auflösung des Ichs kann auch als eine Art mystische Erfahrung verstanden werden, als ein Aufgehen in Gott oder in das Universum. Das Gedicht erinnert an buddhistische Vorstellungen von der Leerheit des Selbst.

Sprachliche Besonderheiten

Rilke verwendet in diesem Gedicht eine sehr präzise und suggestive Sprache. Einige sprachliche Besonderheiten sind:

  • Symbolische Metaphorik: Der Garten, die Schwingen, die Unbestimmtheit, das Abbauen des Daseins – all diese Begriffe sind Symbole, die über ihre wörtliche Bedeutung hinausweisen.
  • Unpersönliche Sprache: Rilke verwendet oft unpersönliche Formulierungen wie "es begann", um die Distanz des lyrischen Ichs zu sich selbst zu betonen.
  • Musikalische Elemente: Das Gedicht hat einen eigenen Rhythmus und Klang, der durch Alliterationen, Assonanzen und den Einsatz von Vokalen erzeugt wird.

Fazit

"In Seiner Frühen Kindheit Ein Garten" ist ein komplexes und vielschichtiges Gedicht, das viele verschiedene Interpretationen zulässt. Es handelt von der Kindheit, der Entfremdung, dem Verlust der Identität und der Konfrontation mit dem Tod. Die Auflösung des Ichs am Ende des Gedichts kann als eine Art Transzendenz verstanden werden. Um das Gedicht vollständig zu erfassen, ist es wichtig, die symbolische Sprache und die sprachlichen Besonderheiten Rilkes zu berücksichtigen. Für Deutschlernende kann die Beschäftigung mit diesem Gedicht eine lohnende Herausforderung sein, die zu einem tieferen Verständnis der deutschen Sprache und Kultur führt.

Es ist wichtig zu betonen, dass es keine "richtige" Interpretation gibt. Jeder Leser kann und soll seine eigene Bedeutung aus dem Gedicht ziehen. Das Ziel dieses Artikels war es, Ihnen eine Hilfestellung für Ihre persönliche Auseinandersetzung mit Rilkes Werk zu geben.

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