Iphigenie Auf Tauris Zusammenfassung 1. Aufzug
Goethes "Iphigenie auf Tauris", ein Werk der Weimarer Klassik, entfaltet sich im ersten Aufzug als ein tiefgründiges Drama um Schuld, Sühne und die Sehnsucht nach Humanität. Betrachten wir diesen Auftakt nicht nur als literarische Exposition, sondern als eine Art Ausstellung, in der uns verschiedene Exponate – Charaktere, Orte, Konflikte – präsentiert werden, die uns eine bestimmte Lektion erteilen und eine spezifische Erfahrung ermöglichen. Tauchen wir ein in diese 'Ausstellung' und analysieren ihre Bestandteile.
Ausstellungsstück 1: Iphigenie – Die Priesterin in der Fremde
Das erste und wohl bedeutendste Exponat ist Iphigenie selbst. Sie ist Priesterin der Diana (Artemis) auf der fernen Insel Tauris, wohin sie nach dem Opfer, das ihr Vater Agamemnon ihr in Aulis ersparen konnte, durch göttliche Fügung gelangte. Ihre Existenz ist geprägt von einem tiefen inneren Zwiespalt. Einerseits dient sie der Göttin treu und gewissenhaft. Andererseits leidet sie unendlich unter der erzwungenen Trennung von ihrer Heimat Griechenland und ihrer Familie. Ihr Inneres ist eine Bühne, auf der sich die Erinnerung an die Gräueltaten ihrer Familie – das Opfer ihrer Schwester Klytämnestra, der Mord an Agamemnon – mit der Hoffnung auf eine Rückkehr und ein friedliches Leben abwechseln. Ihre erste Monolog im ersten Aufzug gleicht einer Führung durch diese innere Bühne, einer Audiodeskription ihrer emotionalen Landschaft.
"Heraus in eure Schatten, rege Wipfel Des alten, heil'gen Haines, wie in Dämmerung Der ersten Nacht, da mich Dianens Arm Vor dem Altar der Opfernden entriss..."
Dieses Zitat, gleichsam eine Beschriftung unter dem 'Exponat Iphigenie', verdeutlicht ihr Trauma und ihre tiefe Verbundenheit mit dem heiligen Hain. Sie ist hier Priesterin, aber zugleich auch Gefangene ihrer Vergangenheit und ihrer Pflicht. Die pädagogische Bedeutung dieses Exponats liegt in der Darstellung der individuellen moralischen Integrität angesichts widriger Umstände. Iphigenie verkörpert die Ideale der Humanität und der Wahrheitstreue, selbst in einer barbarischen Umgebung. Der Besucher, der Leser, soll sich fragen: Wie würde ich an ihrer Stelle handeln? Welche Werte wären mir wichtig?
Ausstellungsstück 2: Tauris – Die Bühne der Barbarei
Die Insel Tauris selbst ist das zweite 'Exponat'. Sie ist nicht nur ein geografischer Ort, sondern auch ein Symbol für die Unmenschlichkeit und das Misstrauen, das die griechische Heldin umgibt. König Thoas, der Herrscher von Tauris, praktiziert einen grausamen Brauch: Jeden Fremden, der an seine Küste gespült wird, soll Iphigenie der Göttin Diana opfern. Diese Praxis steht im krassen Gegensatz zu Iphigenies humanistischen Idealen. Die Insel ist somit eine Art 'Negativbeispiel', ein Schauplatz, an dem die Abwesenheit von Mitgefühl und Gerechtigkeit die Gesellschaft prägt.
Die Darstellung von Tauris dient als Kontrastfolie zu Iphigenies Charakter. Sie ist die Verkörperung der griechischen Kultur und Zivilisation, während Tauris die Barbarei repräsentiert. Die pädagogische Lektion hier ist klar: Die Abwesenheit von Recht und Moral führt zu Grausamkeit und Leid. Der Besucher wird dazu angeregt, über die Bedeutung von Gesetzen, Regeln und ethischen Grundsätzen für das Zusammenleben nachzudenken. Die 'Ausstellungsbeschriftung' für Tauris könnte lauten: "Ein Ort, an dem die Menschlichkeit auf die Probe gestellt wird."
Ausstellungsstück 3: Der Konflikt mit Thoas – Pflicht vs. Gewissen
Das dritte Exponat ist der Konflikt zwischen Iphigenie und König Thoas. Thoas hegt Gefühle für Iphigenie und möchte sie heiraten. Er sieht in ihr eine Art zivilisierenden Einfluss für sein Volk. Iphigenie aber widerstrebt dieser Verbindung. Sie möchte ihre Pflicht als Priesterin erfüllen und gleichzeitig ihre innere Reinheit bewahren. Der Konflikt wird durch Thoas' Forderung, den alten Brauch der Menschenopfer wieder aufzunehmen, zusätzlich verschärft. Thoas deutet das Ausbleiben von göttlichem Segen als Zeichen des Unmuts der Göttin über das Ende der Opferungen.
Dieser Konflikt ist ein zentrales Spannungselement des ersten Aufzugs. Er verdeutlicht die Zerreißprobe, der Iphigenie ausgesetzt ist. Sie muss zwischen ihrer persönlichen Freiheit, ihrer moralischen Integrität und ihrer Pflicht gegenüber der Göttin und Thoas wählen. Die pädagogische Bedeutung dieses Exponats liegt in der Auseinandersetzung mit der Frage, wie man in einem Dilemma zwischen unterschiedlichen Verpflichtungen und Werten entscheiden soll. Es geht um die Abwägung von Pflicht und Gewissen, um die Suche nach einem Weg, der sowohl den eigenen Überzeugungen als auch den Anforderungen der Realität gerecht wird.
Die Inszenierung des Konflikts
Goethe inszeniert diesen Konflikt meisterhaft durch Dialoge und Monologe. Iphigenies innere Zerrissenheit wird in ihren Selbstgesprächen deutlich, während die Gespräche mit Thoas die Unvereinbarkeit ihrer Standpunkte offenbaren. Die 'Ausstellung' des Konflikts Thoas-Iphigenie ist somit eine interaktive Erfahrung, bei der der Besucher Zeuge der inneren und äußeren Auseinandersetzungen der Protagonisten wird und sich selbst in deren Lage versetzen kann.
Das Fazit des ersten Aufzugs: Eine Ausstellung der Menschlichkeit
Der erste Aufzug von "Iphigenie auf Tauris" präsentiert sich als eine vielschichtige 'Ausstellung' über die menschliche Natur. Iphigenie, Tauris und der Konflikt mit Thoas sind die zentralen 'Exponate', die uns die Themen Schuld, Sühne, Humanität und die Suche nach Wahrheit und Gerechtigkeit näherbringen. Die pädagogische Bedeutung dieses Auftakts liegt in der Anregung zur Selbstreflexion. Der Besucher, der Leser, wird dazu aufgefordert, über seine eigenen Werte, seine eigenen moralischen Grenzen und seine eigene Fähigkeit zu Mitgefühl und Empathie nachzudenken.
Goethe gelingt es, durch die klare Sprache und die eindringlichen Bilder eine unmittelbare Verbindung zum Publikum herzustellen. Die 'Ausstellung' des ersten Aufzugs ist somit nicht nur lehrreich, sondern auch emotional berührend. Sie hinterlässt einen bleibenden Eindruck und weckt die Neugierde auf die weitere Entwicklung der Handlung und die Auflösung der Konflikte. Der Besucher verlässt die 'Ausstellung' mit der Frage im Gepäck: Wird Iphigenie einen Weg finden, ihre humanistischen Ideale in einer barbarischen Welt zu verwirklichen? Wird sie ihre innere Zerrissenheit überwinden und Frieden finden?
