Iphigenie Bei Den Taurern Euripides
Iphigenie bei den Taurern: Eine Einführung für Neuinteressierte
Euripides' Iphigenie bei den Taurern ist ein bedeutendes Werk der griechischen Tragödie, das auch heute noch auf Bühnen weltweit aufgeführt und in Schulen und Universitäten gelesen wird. Für Leser, die sich neu mit dem Stück auseinandersetzen, bietet dieser Artikel eine übersichtliche Einführung in die Handlung, die wichtigsten Charaktere und die zentralen Themen.
Hintergrund und Entstehung
Euripides schrieb Iphigenie bei den Taurern vermutlich um das Jahr 414 v. Chr. Es handelt sich um eine Fortsetzung der Geschichte von Iphigenie, deren Opferung am Beginn des Trojanischen Krieges im Zentrum von Euripides' Tragödie Iphigenie in Aulis steht. Im Gegensatz zu Iphigenie in Aulis, die von der Verzweiflung und dem moralischen Dilemma des Agamemnon handelt, präsentiert Iphigenie bei den Taurern eine Geschichte der Hoffnung, der Geschwisterliebe und der glücklichen Wendung (Deus ex Machina).
Die Handlung: Ein Überblick
Die Handlung beginnt damit, dass Iphigenie, die eigentlich in Aulis geopfert werden sollte, von der Göttin Artemis im letzten Moment gerettet und in das Land der Taurer versetzt wurde. Dort dient sie als Priesterin in einem Tempel der Artemis und ist gezwungen, jeden Fremden zu opfern, der an die Küste kommt. Iphigenie hasst ihr Schicksal und sehnt sich nach ihrer Heimat.
Oreste, Iphigenies Bruder, wird von Apollo dazu gezwungen, nach Tauris zu reisen, um das Standbild der Artemis zu stehlen und nach Athen zu bringen. Er wird von seinem Freund Pylades begleitet. Beide geraten in taurische Gefangenschaft und sollen von Iphigenie geopfert werden.
Die Tragödie kulminiert in einem Erkennungsmoment. Iphigenie, die es ablehnt, Fremde ohne weitere Nachforschungen zu opfern, befragt die Gefangenen über ihre Herkunft und ihre Familien. Durch ein raffiniertes Spiel mit Andeutungen und Missverständnissen erkennen sich Iphigenie und Oreste schließlich als Geschwister wieder.
Gemeinsam planen sie die Flucht. Sie täuschen vor, dass das Standbild der Artemis durch die Anwesenheit der Fremden verunreinigt wurde und gereinigt werden muss. Sie überzeugen König Thoas, ihnen ein Schiff zur Verfügung zu stellen, um das Standbild ins Meer zu bringen und zu reinigen. An Bord des Schiffes können Iphigenie, Oreste und Pylades fliehen. Die Göttin Athene erscheint am Ende als Deus ex Machina und beruhigt Thoas, indem sie ihm erklärt, dass die Flucht von den Göttern gewollt war. Oreste soll das Standbild der Artemis nach Attika bringen, wo es verehrt wird.
Die Hauptcharaktere
- Iphigenie: Die Protagonistin des Stücks. Sie ist die Tochter von Agamemnon und Klytaimnestra und Schwester von Oreste und Elektra. Sie wird als Priesterin der Artemis in Tauris dargestellt, die unter ihrem Schicksal leidet und sich nach ihrer Heimat sehnt. Ihre Menschlichkeit und ihr Mitgefühl führen letztendlich zur Rettung ihres Bruders und zur eigenen Befreiung.
- Oreste: Iphigenies Bruder. Er ist von Schuldgefühlen geplagt, nachdem er seine Mutter Klytaimnestra getötet hat, um den Mord an seinem Vater Agamemnon zu rächen. Apollo schickt ihn nach Tauris, um das Standbild der Artemis zu stehlen.
- Pylades: Orestes' treuer Freund und Begleiter. Er steht Oreste in jeder Situation zur Seite und hilft ihm bei der Ausführung von Apollos Befehl.
- Thoas: Der König der Taurer. Er ist misstrauisch und herrschsüchtig, aber auch beeinflussbar.
- Athene: Die Göttin der Weisheit und des Krieges. Sie erscheint am Ende des Stücks als Deus ex Machina, um die Handlung zu einem guten Ende zu führen und die göttliche Ordnung wiederherzustellen.
Zentrale Themen
Iphigenie bei den Taurern behandelt eine Vielzahl von Themen, die auch heute noch relevant sind:
- Schicksal und freier Wille: Das Stück wirft die Frage auf, inwieweit der Mensch seinem Schicksal ausgeliefert ist und inwieweit er sein Leben selbst bestimmen kann. Iphigenies Schicksal scheint zunächst vorbestimmt, doch durch ihre Entscheidungen und Handlungen kann sie sich schließlich befreien.
- Geschwisterliebe und Familienbande: Die tiefe Verbundenheit zwischen Iphigenie und Oreste steht im Zentrum der Handlung. Ihre Geschwisterliebe ermöglicht es ihnen, ihr schwieriges Schicksal zu überwinden und gemeinsam zu fliehen.
- Identität und Erkennung: Die Frage nach der Identität und die Schwierigkeit, sich in einer fremden Umgebung zurechtzufinden, sind wichtige Themen. Der Erkennungsmoment zwischen Iphigenie und Oreste ist ein zentrales Element der Tragödie.
- Religion und Opfer: Das Stück hinterfragt die religiösen Praktiken der Taurer und die Notwendigkeit von Menschenopfern. Iphigenie lehnt die blutrünstigen Riten ab und setzt sich für eine humanere Interpretation der Religion ein.
- Zivilisation und Barbarei: Der Gegensatz zwischen der griechischen Zivilisation und der vermeintlichen Barbarei der Taurer wird thematisiert. Iphigenie verkörpert die griechischen Werte der Menschlichkeit und des Mitgefühls im Angesicht der taurischen Grausamkeit.
Die Bedeutung des Deus ex Machina
Das Auftreten der Göttin Athene am Ende des Stücks als Deus ex Machina ist ein typisches Merkmal der griechischen Tragödie. Der Deus ex Machina dient dazu, die Handlung aufzulösen und eine glückliche Wendung herbeizuführen. In Iphigenie bei den Taurern legitimiert Athene die Flucht von Iphigenie, Oreste und Pylades und stellt die göttliche Ordnung wieder her. Obwohl der Deus ex Machina manchmal als künstlich oder unbefriedigend kritisiert wird, ist er ein integraler Bestandteil der griechischen Tragödie und trägt zur Interpretation des Stücks bei.
Rezeption und Interpretation
Iphigenie bei den Taurern wurde im Laufe der Jahrhunderte immer wieder neu interpretiert und aufgeführt. Johann Wolfgang von Goethe verfasste 1787 seine eigene Version des Stücks, Iphigenie auf Tauris, die sich stark von Euripides' Original unterscheidet. Goethes Version betont die Humanität und die moralische Integrität der Iphigenie und verzichtet auf den Deus ex Machina. Auch in der modernen Theaterpraxis wird Iphigenie bei den Taurern häufig inszeniert, wobei die Regisseure oft versuchen, das Stück an die heutige Zeit anzupassen und neue Interpretationen zu finden.
Warum sollte man Iphigenie bei den Taurern lesen?
Iphigenie bei den Taurern ist ein faszinierendes und vielschichtiges Werk, das auch heute noch zum Nachdenken anregt. Es bietet einen Einblick in die griechische Kultur und Religion und behandelt zeitlose Themen wie Schicksal, Freiheit, Familie und Identität. Die spannende Handlung und die komplexen Charaktere machen das Stück zu einer lohnenden Lektüre für alle, die sich für die griechische Tragödie interessieren.
Für Neuankömmlinge in der Welt der klassischen Literatur mag es zunächst einschüchternd wirken, sich mit einem Werk wie Iphigenie bei den Taurern auseinanderzusetzen. Doch mit einer sorgfältigen Lektüre und unter Berücksichtigung des historischen und kulturellen Kontextes kann man die Schönheit und die Bedeutung dieser Tragödie voll erfassen. Die Auseinandersetzung mit diesem Werk bietet nicht nur einen Einblick in die antike Welt, sondern regt auch zur Reflexion über aktuelle Fragen an, die uns als Menschen betreffen.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Iphigenie bei den Taurern von Euripides ein Meisterwerk der griechischen Tragödie ist, das durch seine komplexe Handlung, seine tiefgründigen Charaktere und seine zeitlosen Themen besticht. Es ist ein Werk, das auch heute noch relevant ist und zum Nachdenken anregt. Für alle, die sich für die griechische Kultur, die Tragödie oder die menschliche Natur interessieren, ist die Lektüre von Iphigenie bei den Taurern sehr empfehlenswert.
