Ist Faust Ein Offenes Oder Geschlossenes Drama
Goethes Faust, insbesondere Faust I und Faust II, ist ein Werk, das seit seiner Entstehung zahlreiche Interpretationen erfahren hat. Eine zentrale Frage, die sich immer wieder stellt, betrifft seine dramaturgische Struktur: Ist es ein offenes oder ein geschlossenes Drama? Die Antwort ist komplex und hängt davon ab, welche Kriterien man anwendet und welche Aspekte des Werkes man besonders berücksichtigt. Diese Abhandlung versucht, die Argumente für beide Seiten – offenes und geschlossenes Drama – darzulegen und zu bewerten.
Was bedeutet "offenes Drama"?
Ein offenes Drama zeichnet sich durch folgende Merkmale aus:
- Lockere Szenenfolge: Die Szenen sind oft nicht linear und kausal miteinander verbunden. Sprünge in Zeit und Raum sind häufig.
- Vielfalt der Schauplätze: Das Drama spielt an vielen verschiedenen Orten, was die Einheit des Ortes aufbricht.
- Episodenhafte Struktur: Die Handlung besteht aus einzelnen, oft lose verbundenen Episoden.
- Fehlende stringente Kausalität: Ereignisse sind nicht immer logisch miteinander verknüpft und folgen nicht einem klaren Ursache-Wirkungs-Prinzip.
- Offenes Ende: Die Konflikte werden nicht vollständig gelöst, und es bleiben Fragen offen.
- Vielschichtige Charaktere: Die Figuren sind komplex und widersprüchlich, mit oft unklaren Motivationen.
- Einbeziehung von Reflexion und Kommentar: Der Autor oder ein Chor tritt in Dialog mit dem Publikum und kommentiert die Handlung.
Was bedeutet "geschlossenes Drama"?
Ein geschlossenes Drama, auch klassisches Drama genannt, weist folgende Merkmale auf:
- Strenge Einheit von Zeit, Ort und Handlung: Die Handlung spielt innerhalb eines begrenzten Zeitraums, an einem Ort und folgt einem klaren Handlungsstrang.
- Kausale Verknüpfung der Szenen: Die Szenen bauen aufeinander auf und sind durch ein klares Ursache-Wirkungs-Prinzip miteinander verbunden.
- Klare Konflikte: Es gibt einen Hauptkonflikt, der sich im Laufe des Dramas zuspitzt und am Ende gelöst wird.
- Geschlossenes Ende: Der Konflikt wird eindeutig gelöst, und es gibt ein klares Ergebnis.
- Eindeutige Charaktere: Die Figuren sind klar definiert und handeln nachvollziehbar.
Faust I: Tendenzen zum offenen Drama
Faust I zeigt deutliche Tendenzen zum offenen Drama. Die Szenen sind vielfältig und springen zwischen verschiedenen Orten und Zeiten. So wechselt die Handlung von Fausts Studierzimmer zur Hexenküche, zu Gretchens Kammer und auf die Straße. Diese Vielzahl an Schauplätzen widerspricht der Einheit des Ortes, einem Kennzeichen des geschlossenen Dramas. Auch die zeitliche Abfolge ist nicht immer stringent. Faust erlebt in relativ kurzer Zeit eine Vielzahl von Ereignissen, die kaum in einen realistischen Zeitrahmen passen.
Die Struktur ist episodenhaft. Die Gretchentragödie, obwohl zentral, ist nur eine Episode in Fausts Leben. Sie wird durch andere Episoden unterbrochen und ergänzt, beispielsweise durch die Walpurgisnacht. Diese Episoden tragen zur Vielschichtigkeit des Werkes bei, lockern aber auch die stringente Handlung auf. Die Kausalität ist ebenfalls nicht immer eindeutig. Während die Gretchentragödie eine klare Ursache-Wirkungs-Kette aufweist, sind andere Ereignisse weniger logisch motiviert.
Die Charaktere sind komplex. Faust ist ein zerrissener Charakter, der zwischen Wissensdrang, Lebenslust und Verzweiflung schwankt. Auch Mephisto ist ambivalent: Er ist zwar der Teufel, aber auch ein humorvoller und intelligenter Begleiter Fausts. Gretchen ist ein unschuldiges Mädchen, das durch ihre Liebe zu Faust ins Unglück gerät. Diese Vielschichtigkeit der Charaktere macht sie zu Figuren, mit denen sich das Publikum identifizieren kann, widerspricht aber auch der Eindeutigkeit der Figuren im geschlossenen Drama.
Die Gretchentragödie selbst endet zwar tragisch, aber die Frage, ob Faust letztendlich verdammt oder gerettet wird, bleibt in Faust I offen. Dies deutet auf ein offenes Ende hin.
"Ich bin kein Freund von Theorien", sagte Goethe selbst, was seine Abneigung gegen starre dramaturgische Regeln unterstreicht.
Faust II: Noch stärkere Tendenzen zum offenen Drama
Faust II verstärkt die Tendenzen zum offenen Drama noch erheblich. Die Handlung ist noch episodenhafter und springt zwischen verschiedenen Epochen und Schauplätzen. Faust reist in die griechische Antike, nimmt an einem mittelalterlichen Kaiserhof teil und erlebt fantastische Abenteuer. Die Einheit von Zeit, Ort und Handlung wird vollständig aufgebrochen. Die Kausalität ist noch weniger stringent als in Faust I. Ereignisse folgen oft keiner logischen Notwendigkeit, sondern scheinen eher durch den Zufall oder durch höhere Mächte bestimmt zu sein. Die Handlung ist stark symbolisch und allegorisch, was die Interpretation erschwert und die Eindeutigkeit der Botschaft verwischt.
Die Charaktere sind noch vielschichtiger und teilweise allegorisch. Neben Faust und Mephisto treten zahlreiche mythologische und historische Figuren auf, die die Handlung bereichern, aber auch verwirren. Das Ende von Faust II ist zwar positiv – Faust wird gerettet –, aber die Bedingungen seiner Rettung sind komplex und interpretationsbedürftig. Die Frage, ob Faust wirklich verdient hat, gerettet zu werden, bleibt offen. Die berühmten Verse:
"Wer immer strebend sich bemüht, Den können wir erlösen."
…geben zwar eine Antwort, werfen aber auch neue Fragen auf. Was bedeutet "immer strebend"? Und was bedeutet "erlösen"?
Argumente für ein geschlossenes Drama
Trotz der starken Tendenzen zum offenen Drama gibt es auch Argumente, die für ein geschlossenes Drama sprechen:
- Zentraler Konflikt: Der Pakt zwischen Faust und Mephisto bildet einen zentralen Konflikt, der sich durch das gesamte Werk zieht. Die Frage, ob Faust seinen Pakt erfüllt und seine Seele an den Teufel verliert, treibt die Handlung voran.
- Steigerung und Lösung: Die Handlung weist eine Steigerung auf, die sich in der Gretchentragödie und in den Ereignissen von Faust II zuspitzt. Am Ende kommt es zu einer Art Lösung, auch wenn diese komplex und interpretationsbedürftig ist.
- Moralische Botschaft: Faust kann als eine moralische Warnung vor dem Streben nach Macht und Wissen ohne Rücksicht auf moralische Konsequenzen interpretiert werden. Diese Botschaft verleiht dem Werk eine gewisse Geschlossenheit.
Allerdings sind diese Argumente schwächer als die Argumente für ein offenes Drama. Der zentrale Konflikt wird durch die Vielzahl der Episoden und die komplexen Charaktere relativiert. Die Steigerung und Lösung sind nicht so klar und eindeutig wie in einem klassischen Drama. Und die moralische Botschaft ist nicht so einfach zu entschlüsseln, sondern vielschichtig und widersprüchlich.
Fazit
Goethes Faust ist kein reines offenes oder geschlossenes Drama, sondern eine Mischform. Insbesondere Faust I weist zwar Tendenzen zum offenen Drama auf, behält aber auch Elemente eines geschlossenen Dramas bei. Faust II verstärkt die Tendenzen zum offenen Drama noch erheblich. Die Vielzahl der Episoden, die lockere Szenenfolge, die komplexen Charaktere und das offene Ende machen Faust zu einem Werk, das sich klassischen dramaturgischen Kategorien entzieht.
Die Einordnung als offenes oder geschlossenes Drama ist letztlich eine Frage der Perspektive und der Gewichtung verschiedener Aspekte des Werkes. Entscheidend ist, dass Faust ein Werk von enormer Komplexität und Vielschichtigkeit ist, das immer wieder neue Interpretationen zulässt. Faust ist ein Lesedrama, das für die Bühne konzipiert, aber im Wesentlichen für die Lektüre geschrieben wurde. Das bedeutet, dass Goethe weniger Wert auf die strenge Einhaltung dramatischer Konventionen legte als vielmehr auf die Entfaltung seiner philosophischen und künstlerischen Ideen.
Die Diskussion um die Einordnung von Faust als offenes oder geschlossenes Drama ist daher nicht nur eine akademische Frage, sondern auch ein Schlüssel zum Verständnis der ästhetischen Prinzipien Goethes und der literarischen Moderne.
