Jenny Erpenbeck Gehen Ging Gegangen
Jenny Erpenbecks Roman Gehen, ging, gegangen, erschienen 2015, ist weit mehr als nur eine fiktive Erzählung. Er ist eine eindringliche Auseinandersetzung mit den drängenden Fragen unserer Zeit: Migration, Asyl, Identität und die Rolle Europas angesichts globaler Herausforderungen. Ausstellungen und Bildungsprojekte, die sich mit dem Roman auseinandersetzen, bieten eine wertvolle Möglichkeit, diese komplexen Themen einem breiteren Publikum zugänglich zu machen. Sie schaffen Räume des Dialogs und der Reflexion, die über das bloße Lesen des Buches hinausgehen.
Die Ausstellung als Vermittlungsraum
Eine Ausstellung, die Gehen, ging, gegangen zum Thema hat, kann auf vielfältige Weise konzipiert werden. Im Zentrum steht dabei die Vermittlung der zentralen Themen des Romans. Es geht darum, die Lebensrealitäten der Geflüchteten, die Erpenbeck in ihrer Geschichte porträtiert, erfahrbar zu machen und die ethischen Dilemmata, mit denen der Protagonist Richard konfrontiert wird, zu beleuchten.
Die Gestaltung der Ausstellung
Die Gestaltung der Ausstellung sollte die Atmosphäre und die Thematik des Romans widerspiegeln. Dies kann durch den Einsatz verschiedener Medien geschehen:
- Fotografien und Videos: Dokumentarische Aufnahmen von Geflüchteten, ihren Unterkünften und ihren Fluchtrouten können die Realität, die hinter dem Roman steht, sichtbar machen. Interviews mit Geflüchteten selbst, in denen sie von ihren Erfahrungen berichten, verleihen der Ausstellung eine besondere Authentizität.
- Audiospuren: Auszüge aus dem Roman, gelesen von professionellen Sprechern oder gar von Geflüchteten, können die Besucher in die Geschichte eintauchen lassen. Auch Geräusche, die mit den Fluchtrouten und Lebensumständen der Geflüchteten assoziiert sind, wie beispielsweise das Rauschen des Meeres oder die Geräusche einer Großstadt, können eine eindringliche Atmosphäre schaffen.
- Installationen: Künstlerische Installationen können die abstrakten Themen des Romans, wie beispielsweise Entwurzelung, Identitätsverlust oder Hoffnung, auf einer emotionalen Ebene vermitteln. Eine Installation, die beispielsweise aus leeren Koffern besteht, könnte die Thematik des Verlusts von Heimat und Besitz thematisieren.
- Texttafeln: Neben den künstlerischen Elementen sollten auch informative Texttafeln nicht fehlen. Diese können den Kontext des Romans erläutern, Hintergrundinformationen zu den Fluchtrouten und den Asylverfahren liefern und die zentralen philosophischen und ethischen Fragen des Romans aufwerfen.
Ein besonderer Fokus sollte auf der Interaktivität der Ausstellung liegen. Die Besucher sollten die Möglichkeit haben, sich aktiv mit den Themen auseinanderzusetzen, beispielsweise durch interaktive Stationen, an denen sie ihre eigenen Meinungen und Erfahrungen einbringen können.
Die Rolle der Bildung
Eine Ausstellung zu Gehen, ging, gegangen sollte nicht nur informieren, sondern auch bilden. Sie sollte dazu beitragen, Vorurteile abzubauen, Empathie zu fördern und ein tieferes Verständnis für die komplexen Zusammenhänge der Migrationsbewegung zu entwickeln. Dies kann durch verschiedene Bildungsangebote erreicht werden:
- Führungen: Geführte Touren durch die Ausstellung, die von qualifizierten Pädagogen geleitet werden, können den Besuchern helfen, die komplexen Themen des Romans zu verstehen und zu reflektieren. Die Führungen sollten auf die unterschiedlichen Bedürfnisse der Besucher zugeschnitten sein, beispielsweise auf Schülergruppen, Studenten oder Erwachsene.
- Workshops: Workshops, in denen die Besucher die Möglichkeit haben, sich intensiver mit den Themen des Romans auseinanderzusetzen, können eine wertvolle Ergänzung zur Ausstellung darstellen. In den Workshops können beispielsweise Diskussionen über die ethischen Dilemmata des Romans geführt werden, oder die Besucher können ihre eigenen kreativen Projekte zum Thema Migration und Flucht entwickeln.
- Begleitmaterialien: Begleitmaterialien zur Ausstellung, wie beispielsweise Broschüren, Arbeitsblätter oder Online-Ressourcen, können den Besuchern helfen, das Gelernte zu vertiefen und sich auch nach dem Besuch der Ausstellung weiter mit den Themen auseinanderzusetzen.
Die Besucherperspektive
Der Erfolg einer Ausstellung zu Gehen, ging, gegangen hängt maßgeblich davon ab, wie gut es gelingt, die Besucher emotional und intellektuell anzusprechen. Die Ausstellung sollte nicht belehrend wirken, sondern vielmehr dazu anregen, sich selbstständig mit den komplexen Themen auseinanderzusetzen.
Ein wichtiger Aspekt ist die Barrierefreiheit. Die Ausstellung sollte für Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen und Fähigkeiten zugänglich sein. Dies bedeutet, dass die Texte in verschiedenen Sprachen verfügbar sein sollten, dass die Ausstellung auch für Menschen mit Sehbehinderung oder Hörbehinderung zugänglich sein sollte und dass die Themen auf eine verständliche und altersgerechte Weise vermittelt werden sollten.
Darüber hinaus ist es wichtig, dass die Ausstellung einen sicheren und respektvollen Raum bietet, in dem sich die Besucher offen und ehrlich über ihre Meinungen und Erfahrungen austauschen können. Dies kann beispielsweise durch Diskussionsforen, Feedback-Boxen oder Online-Plattformen erreicht werden.
Die Ausstellung sollte den Besuchern die Möglichkeit geben, sich mit den Geflüchteten, die im Roman porträtiert werden, zu identifizieren und Empathie für ihre Situation zu entwickeln. Sie sollte dazu beitragen, Vorurteile abzubauen und ein tieferes Verständnis für die komplexen Zusammenhänge der Migrationsbewegung zu fördern. Letztlich sollte die Ausstellung dazu anregen, sich aktiv für eine gerechtere und humanere Welt einzusetzen.
Ergänzende Aspekte:
- Einbindung von Zeitzeugen: Die Einbindung von Geflüchteten, die ihre persönlichen Geschichten erzählen, kann die Ausstellung besonders authentisch und berührend machen. Dies kann in Form von Videointerviews, Podiumsdiskussionen oder persönlichen Gesprächen geschehen.
- Kooperationen mit NGOs: Die Zusammenarbeit mit Nichtregierungsorganisationen, die sich für die Rechte von Geflüchteten einsetzen, kann die Ausstellung um eine praktische Komponente erweitern. Die NGOs können beispielsweise über ihre Arbeit informieren, Spenden sammeln oder Freiwillige rekrutieren.
- Künstlerische Interventionen: Die Einladung von Künstlern, die sich mit dem Thema Migration und Flucht auseinandersetzen, kann die Ausstellung um eine weitere Ebene bereichern. Die Künstler können beispielsweise Installationen schaffen, Performances aufführen oder Workshops anbieten.
Gehen, ging, gegangen bietet einen reichen Stoff für eine vielschichtige und eindringliche Ausstellung. Durch die Kombination von informativen, künstlerischen und interaktiven Elementen kann die Ausstellung dazu beitragen, ein breiteres Publikum für die komplexen Herausforderungen der Migrationsbewegung zu sensibilisieren und einen Beitrag zu einer offeneren und toleranteren Gesellschaft zu leisten. Der Roman selbst ist ein Plädoyer für Empathie und die Ausstellung sollte diesem Anspruch gerecht werden.
Die Auseinandersetzung mit Erpenbecks Roman, ob durch das Lesen des Buches selbst oder durch den Besuch einer Ausstellung, die sich mit seinen Themen befasst, ist eine Investition in unser Verständnis der Welt und in unsere Fähigkeit, mit den Herausforderungen der Gegenwart umzugehen. Es ist ein Aufruf zum Handeln, ein Aufruf zur Menschlichkeit.
