Kein Guten Morgen Kein Gute Nacht
Ach, meine Lieben, lasst mich euch von einer meiner denkwürdigsten Reiseerfahrungen erzählen – einer Erfahrung, die so tiefgreifend war, dass sie meine gesamte Sichtweise auf Reisen, Kulturen und sogar auf das einfache Grüßen verändert hat. Es geht um eine Begegnung mit einer Gewohnheit, oder besser gesagt, dem Fehlen einer Gewohnheit, in einem kleinen Dorf, versteckt in den rumänischen Karpaten. Ein Dorf, in dem es kein "Guten Morgen" und kein "Gute Nacht" gab.
Ich war auf der Suche nach dem authentischen Rumänien, fernab der ausgetretenen Touristenpfade. Ich wollte die Seele des Landes spüren, nicht nur die malerischen Fassaden. Also packte ich meinen Rucksack, kaufte eine Zugfahrkarte und ließ mich von der Neugier leiten. Nach einer abenteuerlichen Busfahrt über holprige Straßen erreichte ich schließlich mein Ziel: ein kleines, verschlafenes Dorf, eingebettet zwischen sanften Hügeln und dichten Wäldern. Die Luft war frisch, die Stille fast greifbar, und die Menschen schienen aus einer anderen Zeit zu stammen.
Ich hatte im Voraus ein Zimmer in einem kleinen Bauernhaus gebucht, das von einer älteren Dame namens Maria geführt wurde. Maria empfing mich mit einem warmen Lächeln, aber ohne ein einziges Wort der Begrüßung. Kein "Guten Tag", kein "Willkommen". Ich dachte zuerst, es sei vielleicht eine Sprachbarriere, obwohl ich mir einige rumänische Phrasen angeeignet hatte. Aber im Laufe des Tages, als ich das Dorf erkundete, bemerkte ich, dass es sich nicht um eine Sprachbarriere handelte. Niemand sagte "Guten Morgen" oder "Gute Nacht".
Am ersten Morgen wachte ich mit dem Krähen eines Hahns auf, ein Klang, der so vertraut und doch so anders war als das Hupen von Autos in meiner Heimatstadt. Ich ging in die Küche, wo Maria bereits am Herd stand und ein dampfendes Frühstück zubereitete. Ich lächelte sie an und sagte: "Guten Morgen, Maria!". Sie erwiderte mein Lächeln, reichte mir eine Tasse Kaffee, sagte aber kein Wort. Ich war verwirrt. War ich unhöflich? Hatte ich etwas falsch gemacht?
Die Stille der Karpaten
Den ganzen Tag über beobachtete ich die Dorfbewohner. Sie arbeiteten auf den Feldern, reparierten Zäune, kümmerten sich um ihre Tiere. Sie tauschten Blicke, nickten sich zu, halfen einander, aber kein einziges Mal hörte ich die üblichen Floskeln der Begrüßung oder des Abschieds. Es war, als ob eine unsichtbare Regel diese Worte verbot. Es war eine Stille, die nicht unangenehm war, sondern eher eine Stille der Vertrautheit, der Akzeptanz, des tiefen Verständnisses.
Ich begann, mich an diese Stille zu gewöhnen. Ich lernte, die subtilen Zeichen der Kommunikation zu deuten: das Heben einer Augenbraue, ein leichtes Lächeln, eine Geste mit der Hand. Ich verstand, dass in diesem Dorf die Worte weniger wichtig waren als die Taten. Die Menschen zeigten ihre Zuneigung und ihren Respekt nicht durch Worte, sondern durch ihre Handlungen. Maria bot mir immer wieder Essen an, obwohl ich noch satt war. Sie flickte meine Hose, als ich ein Loch darin entdeckte. Sie tat all dies, ohne ein Wort zu sagen.
Eine Erklärung
Nach ein paar Tagen traute ich mich schließlich, Maria nach dem Grund für diese Stille zu fragen. Ich formulierte meine Frage vorsichtig, um sie nicht zu beleidigen. Sie sah mich an, ihre Augen voller Weisheit und Güte, und lächelte. Dann, mit langsamer, bedächtiger Stimme, erklärte sie es mir.
Sie erzählte mir, dass es sich um eine alte Tradition handelte, die von Generation zu Generation weitergegeben wurde. "Wir glauben", sagte sie, "dass der Morgen und die Nacht zu kostbar sind, um sie mit leeren Worten zu verschwenden. Der Morgen ist eine Zeit der neuen Anfänge, der Hoffnung, der stillen Kontemplation. Die Nacht ist eine Zeit der Ruhe, der Dankbarkeit, der stillen Besinnung. Diese Momente sollten nicht mit oberflächlichen Grüßen gestört werden."
Sie erklärte weiter, dass die Menschen in ihrem Dorf eine tiefe Verbindung zur Natur hatten. Sie lebten im Einklang mit den Rhythmen der Erde, des Mondes und der Sonne. Sie verstanden, dass die Natur nicht sprach, sondern handelte. Und so versuchten auch sie, ihre Handlungen für sich sprechen zu lassen. "Unsere Taten", sagte Maria, "sind unsere Worte."
Ihre Worte trafen mich tief ins Herz. Ich hatte mein ganzes Leben lang gelernt, dass Höflichkeit und Respekt durch Worte ausgedrückt werden. Ich hatte nie in Frage gestellt, dass "Guten Morgen" und "Gute Nacht" notwendige Bestandteile des sozialen Miteinanders sind. Aber hier, in diesem kleinen rumänischen Dorf, wurde ich mit einer völlig anderen Perspektive konfrontiert.
Eine neue Perspektive
Ich verbrachte noch eine Woche in dem Dorf, und mit jedem Tag verstand ich die Weisheit hinter dieser Stille besser. Ich lernte, die Schönheit der kleinen Dinge zu schätzen: den Duft des frisch gebackenen Brotes, das Zwitschern der Vögel, das sanfte Rauschen des Windes in den Bäumen. Ich lernte, im gegenwärtigen Moment zu leben, ohne mich von unnötigen Worten ablenken zu lassen.
Als es Zeit war, abzureisen, fühlte ich mich verändert. Ich hatte nicht nur einen neuen Ort entdeckt, sondern auch eine neue Art zu leben. Ich hatte gelernt, dass es mehr als eine Möglichkeit gibt, Freundlichkeit, Respekt und Zuneigung auszudrücken. Ich hatte gelernt, dass Stille manchmal lauter sein kann als jedes Wort.
Ich verabschiedete mich von Maria mit einer herzlichen Umarmung. Keine Worte wurden gesprochen, aber ich wusste, dass sie verstand. Ich wusste, dass sie wusste, wie dankbar ich für die Lektion war, die sie mir erteilt hatte.
Seitdem habe ich viele andere Orte auf der Welt besucht, aber die Erfahrung in dem rumänischen Dorf ist mir immer in Erinnerung geblieben. Sie hat mich gelehrt, offener für andere Kulturen und Traditionen zu sein. Sie hat mich gelehrt, die kleinen Dinge im Leben zu schätzen. Und sie hat mich gelehrt, dass manchmal die beste Art, etwas zu sagen, darin besteht, es nicht zu sagen.
Also, liebe Reisende, wenn ihr jemals die Gelegenheit habt, abseits der ausgetretenen Pfade zu wandern, zögert nicht! Seid mutig, seid neugierig, und seid offen für neue Erfahrungen. Ihr werdet vielleicht überrascht sein, was ihr alles entdecken könnt. Und wer weiß, vielleicht findet ihr auch euren eigenen kleinen Ort, an dem es kein "Guten Morgen" und kein "Gute Nacht" gibt, aber dafür so viel mehr.
Mein Tipp: Wenn ihr diesen abgelegenen Ort in den Karpaten selbst besuchen möchtet, sprecht die Menschen mit Respekt an. Beobachtet und lernt. Versucht, euch an ihre Lebensweise anzupassen, anstatt eure eigenen Erwartungen aufzuzwingen. Und vor allem: Seid bereit, die Stille zu umarmen.
Viel Glück bei euren Abenteuern! Und vielleicht sehen wir uns ja irgendwo auf der Welt wieder – vielleicht ohne "Guten Morgen" und ohne "Gute Nacht", aber mit einem Lächeln und einem tiefen Verständnis.
