Kleider Machen Leute Charakterisierung Pdf
Gottfried Keller's Novelle "Kleider machen Leute" ist ein Klassiker der deutschsprachigen Literatur, der oft im Deutschunterricht behandelt wird. Die Analyse der Charaktere ist ein zentraler Aspekt des Verständnisses der Geschichte. Dieser Artikel bietet eine detaillierte Charakterisierung der Hauptfiguren, insbesondere Wenzel Strapinski, Nettchen und Melchior Böhni, sowie eine Betrachtung einiger Nebenfiguren. Ziel ist es, einen klaren und präzisen Überblick zu geben, der das Verständnis der Novelle erleichtert.
Wenzel Strapinski
Wenzel Strapinski ist der Protagonist der Novelle. Er ist ein junger, armer Schneidergeselle aus Seldwyla, der auf der Suche nach Arbeit und einem besseren Leben in das wohlhabendere Goldach reist. Seine Persönlichkeit ist geprägt von Unsicherheit, Schüchternheit und einer gewissen Naivität. Dies führt dazu, dass er leicht in die Verwechslung gerät, die den Kern der Handlung bildet.
Äußere Erscheinung
Strapinski wird als eher unscheinbar beschrieben. Seine Kleidung, insbesondere sein abgetragener polnischer Rock, deutet auf seine Armut hin. Gerade dieser Rock ist aber ironischerweise der Auslöser für seine Verwechslung, da er von den Goldachern als Zeichen eines polnischen Grafen interpretiert wird. Er ist kein typischer Held; er ist klein und schmächtig, was seine anfängliche Hilflosigkeit unterstreicht.
Innere Eigenschaften
Strapinski ist von Natur aus ehrlich und gutmütig. Er versucht, die Verwechslung aufzuklären, wird aber immer wieder durch äußere Umstände und seine eigene Schüchternheit daran gehindert. Er genießt die ihm entgegengebrachte Wertschätzung und den Luxus, den er plötzlich erfährt, fühlt sich aber gleichzeitig schuldig und unwohl. Seine innere Zerrissenheit ist ein zentrales Thema der Novelle.
"Er war ein armer Schneidergeselle, der nichts Böses im Schilde führte, aber der Schein trügte."
Strapinski ist ein Beispiel für einen Menschen, der durch äußere Umstände in eine Situation gerät, mit der er nicht umgehen kann. Seine Angst vor Entdeckung und die daraus resultierende Passivität führen dazu, dass er immer tiefer in die Verwechslung hineingerät. Trotz seiner Fehler ist er aber eine sympathische Figur, deren Dilemma man als Leser gut nachvollziehen kann. Er ist innerlich zerrissen zwischen der Ehrlichkeit, die er anfangs zeigen will, und dem Verlangen nach einem besseren Leben.
Nettchen
Nettchen ist die Tochter des Amtsrats und die Angebetete Strapinskis. Sie ist eine junge, hübsche Frau, die zunächst von Strapinskis vermeintlichem Reichtum und Status angezogen wird. Ihre Charakterentwicklung ist jedoch komplexer, als es zunächst scheint.
Äußere Erscheinung
Nettchen wird als hübsch und elegant beschrieben. Ihr Äußeres spiegelt ihren sozialen Stand wider. Sie kleidet sich modisch und achtet auf ihr Aussehen, was in der Novelle als Zeichen ihres Selbstbewusstseins und ihrer Ambitionen gedeutet werden kann.
Innere Eigenschaften
Anfangs scheint Nettchen oberflächlich und auf ihren Vorteil bedacht zu sein. Sie ist fasziniert von Strapinskis vermeintlichem Reichtum und sieht in ihm eine Möglichkeit, ihren sozialen Status zu verbessern. Im Laufe der Handlung zeigt sich jedoch, dass sie auch ehrlich und liebevoll sein kann. Sie erkennt Strapinskis wahre Natur und verliebt sich schließlich in ihn, unabhängig von seinem Reichtum.
"Sie war ein junges, blühendes Geschöpf, das nach Höherem strebte."
Nettchen durchläuft eine Wandlung. Zunächst von äußeren Werten geblendet, erkennt sie schließlich die Bedeutung von Ehrlichkeit und Liebe. Ihre Entscheidung, zu Strapinski zu stehen, nachdem seine wahre Identität aufgedeckt wurde, zeigt ihre innere Stärke und ihren Charakter. Sie repräsentiert das Potential zur Güte und Einsicht, das auch in einer von Standesdünkel geprägten Gesellschaft vorhanden sein kann.
Melchior Böhni
Melchior Böhni ist ein Schneidergeselle und Strapinskis Gegenspieler. Er ist derjenige, der Strapinskis wahre Identität aufdeckt und ihn bloßstellt. Böhni verkörpert die Missgunst und den Neid, die in der Gesellschaft herrschen. Er ist ein intrigantes und berechnendes Individuum.
Äußere Erscheinung
Böhni wird als unscheinbar beschrieben, was seinen Charakter als jemand, der im Verborgenen agiert, unterstreicht. Sein Äußeres lässt keine Rückschlüsse auf seine hinterlistigen Absichten zu.
Innere Eigenschaften
Böhni ist von Neid und Missgunst getrieben. Er beneidet Strapinski um dessen vermeintlichen Reichtum und Status und versucht, ihn zu Fall zu bringen. Er ist skrupellos und bereit, andere zu manipulieren, um seine Ziele zu erreichen. Seine Boshaftigkeit dient dazu, Strapinskis Unschuld und Gutmütigkeit hervorzuheben.
"Er war ein Neider und ein Intrigant, der keine Gelegenheit ausließ, anderen zu schaden."
Böhni ist eine negative Figur, die die dunklen Seiten der menschlichen Natur repräsentiert. Er ist ein Spiegelbild der gesellschaftlichen Vorurteile und der kleinlichen Rivalitäten, die in Goldach herrschen. Seine Handlungen tragen zur Zuspitzung des Konflikts bei und verdeutlichen die Gefahr von Missgunst und Intrigen.
Nebenfiguren
Neben den Hauptfiguren spielen auch die Nebenfiguren eine wichtige Rolle in der Novelle. Sie tragen zur Gestaltung des gesellschaftlichen Hintergrunds bei und verdeutlichen die vorherrschenden Werte und Normen.
Die Bürger von Goldach
Die Bürger von Goldach sind von Standesdünkel und Oberflächlichkeit geprägt. Sie sind schnell bereit, Strapinski aufgrund seines Äußeren und seiner vermeintlichen Herkunft zu verurteilen oder zu idealisieren. Ihre Reaktion auf die Verwechslung zeigt die Bedeutung von sozialem Status und äußerem Schein in ihrer Gesellschaft.
Der Amtsrat
Der Amtsrat, Nettchens Vater, repräsentiert die Autorität und die bürgerliche Ordnung. Er ist zunächst von Strapinskis vermeintlichem Reichtum beeindruckt, zeigt aber auch moralische Integrität, als er Strapinskis wahre Identität erfährt und dessen Ehrlichkeit anerkennt.
Die Wirtsleute
Die Wirtsleute, insbesondere der Wirt des Gasthofs, profitieren von Strapinskis Anwesenheit und behandeln ihn dementsprechend zuvorkommend. Sie verkörpern die Geschäftstüchtigkeit und die Opportunität, die in der Gesellschaft anzutreffen sind.
Zusammenfassung
Die Charakterisierung der Figuren in "Kleider machen Leute" ist entscheidend für das Verständnis der Novelle. Strapinski, Nettchen und Böhni verkörpern unterschiedliche Aspekte der menschlichen Natur und der gesellschaftlichen Realität. Die Nebenfiguren tragen zur Gestaltung des sozialen Hintergrunds bei und verdeutlichen die vorherrschenden Werte und Normen. Die Novelle zeigt, wie äußere Umstände und gesellschaftliche Vorurteile das Leben und die Beziehungen der Figuren beeinflussen können. Keller gelingt es, durch die detaillierte Charakterisierung ein realistisches und kritisches Bild der Gesellschaft seiner Zeit zu zeichnen.
