Kommandant In Auschwitz Autobiographische Aufzeichnungen Rudolf Höss
Rudolf Höss, geboren am 25. November 1900 in Baden-Baden und hingerichtet am 16. April 1947 in Auschwitz, war als SS-Obersturmbannführer und Kommandant des Konzentrationslagers Auschwitz einer der Hauptverantwortlichen für den Holocaust. Seine "Kommandant in Auschwitz: Autobiographische Aufzeichnungen" (ursprünglich in deutscher Sprache verfasst) sind ein historisch bedeutsames und zugleich erschütterndes Dokument. Dieses Werk bietet Einblicke in die Denkweise, Motivation und die Ausführung des Massenmords durch einen der zentralen Täter. Für alle, die sich mit der Geschichte des Nationalsozialismus und insbesondere des Holocausts auseinandersetzen möchten, ist dieses Buch eine unverzichtbare Quelle.
Inhalt und Kontext der Autobiographie
Die Autobiographie entstand im Frühjahr 1946 während Höss’ Haft in Polen, kurz vor seinem Prozess vor dem Obersten Nationalen Tribunal. Sie wurde von dem polnischen Psychologen Dr. Johann Paul Kremer angeregt und begleitet. Höss schildert darin seinen Lebensweg, beginnend mit seiner Jugend, seinen Eintritt in die NSDAP und die SS, seine Karriere innerhalb der Organisation und schließlich seine Zeit als Kommandant von Auschwitz. Dabei geht er detailliert auf die Organisation des Lagers, die Durchführung der Massenvernichtung und seine persönliche Rolle ein.
Es ist wichtig zu betonen, dass die Autobiographie eine Täterperspektive einnimmt. Höss versucht, seine Handlungen zu rechtfertigen oder zumindest in einen Kontext zu stellen, der seine Verantwortung relativiert. Er beruft sich auf Befehlsnotstand und betont, dass er lediglich Anweisungen ausgeführt habe. Dennoch bietet das Buch wertvolle Informationen über die inneren Abläufe des Vernichtungslagers und die psychologischen Mechanismen, die es ermöglichten, den Holocaust in industriellem Maßstab durchzuführen.
Die Jugend und der frühe Werdegang von Rudolf Höss
Höss beschreibt seine Jugend als streng katholisch geprägt. Er meldete sich freiwillig im Ersten Weltkrieg und trat später verschiedenen Freikorps bei, die in den unruhigen Nachkriegsjahren aktiv waren. Diese Zeit formte seine politische Einstellung und führte ihn in die Kreise des aufkommenden Nationalsozialismus. Er trat früh der NSDAP und der SS bei und stieg rasch in den Rängen auf. Sein Engagement und seine Disziplin machten ihn zu einem geeigneten Kandidaten für leitende Positionen innerhalb des NS-Regimes.
Die Zeit als Kommandant von Auschwitz
Im Mai 1940 wurde Höss zum Kommandanten des Konzentrationslagers Auschwitz ernannt. Ursprünglich war Auschwitz als Lager für polnische politische Gefangene gedacht. Doch unter Höss’ Leitung wurde es zum größten Vernichtungslager des NS-Regimes ausgebaut. Die Autobiographie beschreibt detailliert, wie Höss die Umwandlung von Auschwitz in ein Vernichtungslager plante und umsetzte. Er berichtet von der Entwicklung der Gaskammern und Krematorien, der Selektion der ankommenden Transporte und der systematischen Tötung von Juden, Sinti und Roma, politischen Gefangenen und anderen Verfolgten. Er schildert auch seine Besuche in Treblinka, um sich dort über die bereits etablierten Vernichtungsmethoden zu informieren und diese in Auschwitz zu optimieren.
Höss’ Schilderungen sind oft von einer erschreckenden Kälte und Distanziertheit geprägt. Er beschreibt die Massenmorde als administrative Aufgabe, die er effizient und reibungslos zu erledigen hatte. Er versucht, den Eindruck zu erwecken, dass er von den Gräueltaten persönlich unberührt blieb und lediglich seinen Pflichten nachkam. Diese Haltung ist ein wichtiger Aspekt, um die Banalität des Bösen, wie sie Hannah Arendt beschrieb, zu verstehen. Höss’ Autobiographie illustriert, wie gewöhnliche Menschen durch ideologische Verblendung und blindem Gehorsam zu Mittätern an monströsen Verbrechen werden können.
Kritische Auseinandersetzung mit der Autobiographie
Obwohl die Autobiographie wertvolle Informationen liefert, ist es entscheidend, sie kritisch zu hinterfragen. Höss’ Darstellung ist subjektiv und von dem Versuch geprägt, seine eigene Verantwortung zu minimieren. Er verharmlost seine Rolle bei der Planung und Durchführung des Holocaust und versucht, sich als Werkzeug höherer Instanzen darzustellen. Es ist wichtig, seine Aussagen mit anderen historischen Quellen und Zeugenaussagen von Überlebenden zu vergleichen, um ein vollständiges Bild zu erhalten.
Experten haben darauf hingewiesen, dass Höss in seiner Autobiographie möglicherweise auch falsche oder beschönigende Angaben gemacht hat, um sich selbst zu schützen oder seine Taten in einem milderen Licht erscheinen zu lassen. Daher sollte die Autobiographie nicht als unfehlbare Quelle betrachtet werden, sondern als ein Dokument, das im Kontext seiner Entstehung und der Intentionen des Autors interpretiert werden muss. Die Werke der Geschichtswissenschaften, die sich kritisch mit Höss’ Leben und Wirken auseinandersetzen, sind daher eine unerlässliche Ergänzung.
Warum ist die Autobiographie wichtig?
Trotz der genannten Einschränkungen ist die Autobiographie von Rudolf Höss ein wichtiges historisches Dokument. Sie bietet einen seltenen Einblick in die Denkweise eines der Hauptverantwortlichen für den Holocaust. Sie zeigt, wie die NS-Ideologie Menschen dazu bringen konnte, unvorstellbare Verbrechen zu begehen. Sie verdeutlicht die Mechanismen der Verdrängung, Rechtfertigung und Entmenschlichung, die den Holocaust ermöglichten.
Die Autobiographie dient auch als Warnung. Sie zeigt, wie gefährlich es ist, sich von Ideologien blenden zu lassen und blindem Gehorsam zu folgen. Sie mahnt, wachsam zu sein gegenüber jeglicher Form von Rassismus, Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit. Sie erinnert daran, dass jeder Einzelne Verantwortung trägt, sich gegen Unrecht und Diskriminierung zu stellen. Gerade in einer Zeit, in der rechtsextreme und populistische Tendenzen wieder zunehmen, ist es wichtig, sich mit der Geschichte des Nationalsozialismus auseinanderzusetzen und aus ihr zu lernen.
Zugänglichkeit und Weiterführende Informationen
Die Autobiographie von Rudolf Höss ist in verschiedenen Ausgaben erhältlich, sowohl in deutscher als auch in übersetzter Form. Sie ist in vielen Bibliotheken und Archiven zugänglich und kann auch online bestellt werden. Es gibt auch zahlreiche Sekundärliteratur, die sich kritisch mit Höss’ Leben und Werk auseinandersetzt. Darüber hinaus gibt es Gedenkstätten und Museen, die sich der Aufarbeitung der Geschichte von Auschwitz widmen und Informationen über Rudolf Höss und seine Rolle bei der Vernichtung des europäischen Judentums bieten.
Fazit
Die "Kommandant in Auschwitz: Autobiographische Aufzeichnungen" von Rudolf Höss sind ein komplexes und verstörendes Dokument. Sie bieten einen einzigartigen, wenn auch subjektiven Einblick in die Denkweise eines der Haupttäter des Holocausts. Die Auseinandersetzung mit diesem Werk ist unerlässlich, um die Geschichte des Nationalsozialismus und des Holocausts zu verstehen und aus ihr zu lernen. Es ist jedoch wichtig, die Autobiographie kritisch zu hinterfragen und im Kontext anderer historischer Quellen zu interpretieren. Nur so kann man ein vollständiges und differenziertes Bild von Rudolf Höss und seiner Rolle bei der Vernichtung des europäischen Judentums erhalten. Die Lektüre ist zwar keine leichte Kost, aber sie ist ein wichtiger Beitrag zur Erinnerungskultur und zur Auseinandersetzung mit den dunkelsten Kapiteln der deutschen Geschichte.
"Wer die Vergangenheit nicht kennt, kann die Gegenwart nicht verstehen und die Zukunft nicht gestalten."Dieses Zitat von Helmut Kohl unterstreicht die Bedeutung der Auseinandersetzung mit historischen Dokumenten wie der Autobiographie von Rudolf Höss, um aus der Geschichte zu lernen und eine bessere Zukunft zu gestalten.
