Kunst Gibt Nicht Das Sichtbare Wieder Sondern Kunst Macht Sichtbar
Paul Klees berühmtes Zitat, "Kunst gibt nicht das Sichtbare wieder, sondern Kunst macht sichtbar", ist mehr als nur eine ästhetische Maxime. Es ist ein Schlüssel, um das Wesen von Kunstausstellungen, ihre pädagogische Bedeutung und die transformative Kraft der Besuchererfahrung zu verstehen. Dieser Leitfaden soll Ihnen helfen, Ausstellungen unter diesem Blickwinkel zu betrachten, um nicht nur Kunstwerke zu sehen, sondern die dahinterliegenden Ideen, Emotionen und verborgenen Realitäten zu entdecken.
Die Ausstellung als Fenster zur Unsichtbarkeit
Viele Kunstausstellungen kuratieren Werke, die auf den ersten Blick vielleicht nur Farben, Formen oder Darstellungen von Objekten zeigen. Doch die wahre Aufgabe des Kurators und des Betrachters ist es, über diese oberflächliche Ebene hinauszugehen. Jede Ausstellung, die dem Klee'schen Prinzip folgt, präsentiert eine Gelegenheit, unsichtbare Welten sichtbar zu machen. Dies kann durch:
- Thematische Zusammenstellung: Die Art und Weise, wie Werke thematisch gruppiert werden, kann neue Bedeutungen freisetzen. Eine Ausstellung über den Ersten Weltkrieg, die nicht nur Schlachtszenen zeigt, sondern auch die inneren Konflikte der Soldaten und die Auswirkungen auf die Zivilbevölkerung, macht die psychologischen und sozialen Narben des Krieges sichtbar.
- Kontextualisierung: Informationen über den Künstler, seine Zeit, seine Inspirationen und seine Techniken bieten einen Kontext, der hilft, die verborgenen Botschaften des Kunstwerks zu entschlüsseln. Ein Gemälde von Van Gogh wird durch das Wissen um seine psychische Erkrankung und seinen unermüdlichen Schaffensdrang zu einer noch intensiveren Erfahrung.
- Infragestellung der Perspektive: Ausstellungen, die alternative Perspektiven präsentieren, sei es durch die Werke marginalisierter Künstler oder durch die Dekonstruktion etablierter Normen, machen unsichtbare Realitäten sichtbar. Eine Ausstellung, die die Rolle von Frauen in der Kunstgeschichte beleuchtet, deckt beispielsweise die lange Zeit übersehene Beiträge und Perspektiven von Künstlerinnen auf.
Beispiele für Ausstellungen, die "sichtbar machen":
- Eine Fotoausstellung über Flüchtlinge, die nicht nur ihre Not, sondern auch ihre Stärke, ihren Überlebenswillen und ihre kulturelle Identität zeigt.
- Eine Skulpturenausstellung, die mit Materialien arbeitet, die normalerweise als wertlos gelten, und so die Frage nach Wert und Nachhaltigkeit aufwirft.
- Eine Performance-Kunst-Ausstellung, die durch körperliche Aktionen soziale Ungerechtigkeiten thematisiert und das Publikum zur Reflexion anregt.
Der pädagogische Wert: Mehr als nur Fakten
Der pädagogische Wert einer Kunstausstellung geht weit über das bloße Vermitteln von Fakten über Künstler, Epochen und Techniken hinaus. Er liegt in der Fähigkeit, kritisches Denken anzuregen, Empathie zu fördern und neue Perspektiven zu eröffnen. Eine gute Ausstellung:
- Fördert die aktive Auseinandersetzung: Sie fordert den Besucher heraus, eigene Interpretationen zu entwickeln, Fragen zu stellen und sich mit den Werken und den Ideen dahinter auseinanderzusetzen.
- Vermittelt interdisziplinäre Bezüge: Sie stellt Verbindungen zu anderen Bereichen wie Geschichte, Philosophie, Soziologie und Naturwissenschaften her und zeigt, wie Kunst ein Spiegel der Gesellschaft und ein Instrument des Wandels sein kann.
- Entwickelt Medienkompetenz: Sie lehrt den Besucher, wie man Kunstwerke analysiert, interpretiert und in ihren historischen und kulturellen Kontext einordnet.
Museumspädagogen spielen eine entscheidende Rolle bei der Vermittlung dieser Kompetenzen. Führungen, Workshops und Begleitmaterialien sind wichtige Instrumente, um das Verständnis der Besucher zu vertiefen und die unsichtbaren Botschaften der Kunstwerke sichtbar zu machen. Wichtig ist dabei, dass die Vermittlung nicht belehrend, sondern dialogorientiert erfolgt.
Die beste Art, ein Kunstwerk zu betrachten, ist, mit ihm zu sprechen. Nicht wörtlich, natürlich, sondern indem man sich ihm öffnet, sich von ihm berühren lässt und versucht, seine Sprache zu verstehen.
Die Besuchererfahrung: Eine Reise der Selbstentdeckung
Die Besuchererfahrung in einer Kunstausstellung sollte mehr sein als nur ein Spaziergang durch schön dekorierte Räume. Sie sollte eine transformative Reise sein, die den Besucher dazu anregt, sich selbst, seine Umwelt und die Welt um ihn herum neu zu betrachten. Eine positive Besuchererfahrung:
- Schafft eine anregende Atmosphäre: Die Gestaltung der Ausstellung, die Beleuchtung, die Raumakustik und die Präsentation der Werke tragen dazu bei, eine Atmosphäre zu schaffen, die die Sinne anspricht und die Fantasie beflügelt.
- Ermöglicht individuelle Begegnungen: Sie gibt dem Besucher genügend Raum und Zeit, sich mit den Werken auseinanderzusetzen und seine eigenen Interpretationen zu entwickeln.
- Fördert den Austausch: Sie bietet Möglichkeiten für den Austausch mit anderen Besuchern, sei es durch geführte Diskussionen, Workshops oder informelle Gespräche.
Die persönliche Resonanz auf ein Kunstwerk ist entscheidend. Was ein Kunstwerk in einem Betrachter auslöst, ist subjektiv und hängt von seinen eigenen Erfahrungen, Perspektiven und Emotionen ab. Eine Ausstellung, die sichtbar macht, ermöglicht es dem Besucher, sich selbst besser zu verstehen, seine eigenen Werte und Überzeugungen zu hinterfragen und neue Perspektiven zu gewinnen. Es geht nicht darum, die "richtige" Antwort zu finden, sondern darum, sich auf eine persönliche Reise der Selbstentdeckung zu begeben.
Tipps für eine bereichernde Besuchererfahrung:
- Bereiten Sie sich vor: Informieren Sie sich vor dem Besuch über die Ausstellung und den Künstler.
- Nehmen Sie sich Zeit: Hetzen Sie nicht durch die Ausstellung, sondern nehmen Sie sich Zeit, jedes Werk in Ruhe zu betrachten.
- Lesen Sie die Begleittexte: Die Begleittexte geben Ihnen wichtige Informationen und Anregungen.
- Sprechen Sie mit anderen Besuchern: Tauschen Sie sich über Ihre Eindrücke aus.
- Seien Sie offen für Neues: Lassen Sie sich von der Kunst überraschen und inspirieren.
- Reflektieren Sie Ihre Erfahrung: Denken Sie nach dem Besuch über das nach, was Sie gesehen und erlebt haben.
Kunst macht sichtbar. Sie ist ein Spiegel, der uns unsere eigene Menschlichkeit, unsere Stärken und Schwächen, unsere Hoffnungen und Ängste zeigt. Sie ist ein Werkzeug, das uns hilft, die Welt um uns herum besser zu verstehen und uns für die Schönheit und Komplexität des Lebens zu öffnen. Indem wir uns auf diese Weise mit Kunst auseinandersetzen, können wir nicht nur unsere eigene Perspektive erweitern, sondern auch einen Beitrag zu einer gerechteren und mitfühlenderen Gesellschaft leisten.
