Maria Stuart 3 Aufzug 4 Auftritt
Der dritte Aufzug, vierte Auftritt in Friedrich Schillers Trauerspiel Maria Stuart ist ein zentraler und oft diskutierter Abschnitt des Werkes. Er beinhaltet die einzige und von Schiller frei erfundene Begegnung zwischen den beiden Königinnen Maria Stuart und Elisabeth I. Dieser Auftritt ist von immenser dramatischer Bedeutung, da er die unterschiedlichen Charaktere, politischen Positionen und emotionalen Zustände der beiden Kontrahentinnen direkt aufeinanderprallen lässt.
Kontext und Vorbereitung
Um die Bedeutung des vierten Auftritts im dritten Aufzug vollständig zu verstehen, ist es wichtig, den vorhergehenden Kontext zu berücksichtigen. Maria Stuart, die gefangene schottische Königin, befindet sich seit Jahren in englischer Haft. Elisabeth I., die englische Königin, zögert, Maria zu verurteilen, da dies innen- und außenpolitische Konsequenzen hätte. Beide Königinnen sind in einer schwierigen Lage: Maria sehnt sich nach Freiheit und Anerkennung ihres königlichen Ranges, während Elisabeth ihre Krone und ihr Reich vor den katholischen Ansprüchen Marias schützen muss.
Die Begegnung selbst wird von Graf Leicester arrangiert, der beide Königinnen manipuliert und versucht, seinen eigenen Vorteil aus der Situation zu ziehen. Er überredet Elisabeth, sich auf die Jagd zu begeben, in der Nähe von Marias Gefängnis, Fotheringhay Castle, und suggeriert, dass ein zufälliges Treffen stattfinden könnte. Gleichzeitig ermutigt er Maria, Elisabeth um Gnade zu bitten, in der Hoffnung, dass dies ihre Freilassung bewirken könnte.
Der Ort des Geschehens: Fotheringhay Castle und seine Umgebung
Die räumliche Anordnung ist symbolisch aufgeladen. Maria befindet sich in einem Gefängnisgarten, einem begrenzten und kontrollierten Raum, der ihre Gefangenschaft widerspiegelt. Elisabeth hingegen nähert sich auf der Jagd, einem Zeichen ihrer Freiheit und Macht. Der Garten fungiert als eine Art neutrale Zone, in der die beiden Königinnen aufeinandertreffen, aber die Unterschiede in ihrer Position und ihrem Schicksal dennoch deutlich hervortreten.
Der Auftritt der Königinnen
Als Elisabeth mit ihrem Gefolge eintrifft, zögert sie zunächst, Maria tatsächlich zu treffen. Sie ist sich der Risiken bewusst, die ein solches Treffen birgt, sowohl in Bezug auf ihre eigene Autorität als auch auf die möglichen emotionalen Auswirkungen. Maria, auf der anderen Seite, ist begierig auf die Begegnung. Sie sieht darin eine Chance, ihr Schicksal zu wenden und Elisabeth von ihrer Unschuld zu überzeugen.
Maria nähert sich Elisabeth und wirft sich vor ihr nieder, um Gnade zu bitten. Elisabeth versucht, sie davon abzuhalten, da sie diese Geste als Demütigung empfindet und nicht als Zeichen echter Reue. Diese Szene ist von Anfang an von Spannung geprägt und verdeutlicht die ungleichen Machtverhältnisse zwischen den beiden Frauen.
Der Dialog zwischen Maria und Elisabeth ist von Misstrauen, Vorwürfen und verletzten Gefühlen geprägt. Maria versucht zunächst, Elisabeth zu beschwichtigen und ihr Mitgefühl zu wecken. Sie betont ihre königliche Würde und ihr unverdientes Leid. Elisabeth reagiert jedoch mit Kühle und Vorwürfen. Sie beschuldigt Maria, eine Gefahr für England und ihre Krone zu sein, und wirft ihr vor, an Verschwörungen gegen sie beteiligt gewesen zu sein.
Elisabeth: "Ihr seid's, die meinen Thron bedrohen, die mein Volk verhetzen."
Maria: "Ich? Ich, die Gefangene, die Machtlose?"
Im Verlauf des Gesprächs eskalieren die Emotionen. Marias anfängliche Demut weicht Empörung und Verzweiflung. Sie erkennt, dass Elisabeth nicht bereit ist, ihr zu vergeben oder ihr zu glauben. Schließlich bricht sie zusammen und wirft Elisabeth ihre Heuchelei vor. Sie beschuldigt sie, ihren eigenen Erfolg auf unlautere Weise erreicht zu haben und sie zu Unrecht zu verfolgen.
Der Wendepunkt: Marias Ausbruch
Der entscheidende Moment des Auftritts ist Marias Ausbruch. Nachdem Elisabeth sie als "Bastard" und "ehrlos" bezeichnet hat, verliert Maria die Beherrschung und schleudert Elisabeth eine Reihe von beleidigenden und anklagenden Worten entgegen. Sie nennt Elisabeth eine "unehrliche Tochter Heinrichs des Achten", eine "Schmach für Englands Thron" und eine Frau, die ihre Macht durch Intrigen und Verrat erlangt hat.
Maria: "Weh dir, dass deine schändliche Geburt dich zur Königin machte! Wärst du wie ich, wärst du eine Königin, die von Ahnherr zu Ahnherr abstammt, dann müsstest du nicht dein Heil in Lügen suchen!"
Dieser Ausbruch ist ein Wendepunkt in der Handlung. Er zerstört jede Hoffnung auf Versöhnung und besiegelt Marias Schicksal. Elisabeth ist tief gedemütigt und verletzt durch Marias Worte. Sie verlässt den Garten in Wut und Schwur Rache. Marias Ausbruch mag ihr kurzfristig Genugtuung verschafft haben, aber er hat ihre Situation aussichtslos gemacht.
Interpretation und Bedeutung
Der vierte Auftritt des dritten Aufzugs ist ein vielschichtiger und interpretationsbedürftiger Abschnitt des Dramas. Er kann aus verschiedenen Perspektiven betrachtet werden:
- Politische Dimension: Der Auftritt verdeutlicht den politischen Konflikt zwischen England und Schottland, Protestantismus und Katholizismus. Er zeigt, wie persönliche Feindschaften und Machtinteressen ineinandergreifen und zu tragischen Konsequenzen führen können.
- Psychologische Dimension: Der Auftritt ist ein psychologisches Duell zwischen zwei starken Frauen. Er enthüllt ihre innersten Ängste, Sehnsüchte und Verletzungen. Marias Ausbruch kann als Ausdruck ihrer Verzweiflung und ihres Freiheitsdrangs interpretiert werden, aber auch als Zeichen ihrer Unfähigkeit, sich den politischen Realitäten anzupassen.
- Dramatische Dimension: Der Auftritt ist ein dramatisches Highlight des Stücks. Er ist voller Spannung, Konflikt und emotionaler Intensität. Er verdeutlicht Schillers Fähigkeit, komplexe Charaktere und Situationen auf der Bühne zum Leben zu erwecken.
Es ist wichtig zu beachten, dass Schiller die historische Begegnung zwischen Maria und Elisabeth frei erfunden hat. Es gibt keine Beweise dafür, dass ein solches Treffen tatsächlich stattgefunden hat. Schiller nutzte diese fiktive Begegnung jedoch, um die dramatischen und politischen Implikationen des Konflikts zwischen den beiden Königinnen zu verdeutlichen.
Die Szene wirft auch Fragen nach Gerechtigkeit, Schuld und Verantwortung auf. Sind Maria und Elisabeth Opfer ihrer Umstände? Tragen sie selbst die Verantwortung für ihr Schicksal? Gibt es eine Möglichkeit, den Konflikt zwischen ihnen zu lösen, oder ist er von vornherein zum Scheitern verurteilt?
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass der vierte Auftritt im dritten Aufzug von Maria Stuart ein Meisterwerk dramatischer Kunst ist. Er ist ein Schlüsselmoment des Stücks, der die Handlung vorantreibt, die Charaktere vertieft und die zentralen Themen des Dramas beleuchtet. Die Szene regt bis heute zu Diskussionen und Interpretationen an und zeigt die zeitlose Relevanz von Schillers Werk.
