Meine Freundin Ist Unersättlich Hilf Mir
Okay, Freunde, lasst uns ehrlich sein. Jeder hat dieses eine Ding, bei dem er einfach nicht genug bekommen kann. Bei manchen ist es Schokolade, bei anderen vielleicht der neueste Krimi. Aber meine Freundin? Meine Freundin ist unersättlich… in Bezug auf Brettspiele.
Ich meine, ich mag Brettspiele auch. Ein gemütlicher Abend mit Freunden, ein bisschen Strategie, vielleicht ein Glas Wein – alles gut. Aber bei Anna ist das eine ganz andere Liga. Es fing harmlos an. "Ach, lass uns mal ein Spiel spielen", sagte sie. Und ich dachte: "Klar, warum nicht?"
Dann kam der Tag, an dem sie ihr erstes Abo für eine monatliche Brettspielbox abschloss. Ich dachte noch: "Nett, ein bisschen Abwechslung." Aber dann kamen die speziellen Regale. Erst eins, dann zwei, jetzt sieht unser Wohnzimmer eher aus wie eine kleine Filiale von Spielwaren Schmidt.
Die Spielfamilie
Was mich aber wirklich umgehauen hat, war, als sie anfing, die Spiele zu vermenschlichen. "Das ist Gustav, der griesgrämige Gnom aus 'Zwergenzorn'", erklärte sie mir eines Abends, während sie Figuren einsortierte. Gustav? Griesgrämig? Es ist ein Stück Plastik, Anna!
Ich glaube, ich habe kurz Panik bekommen. War das normal? Sollte ich mir Sorgen machen? Oder sollte ich einfach mitspielen (im wahrsten Sinne des Wortes)? Ich entschied mich für Letzteres. Immerhin ist es auch eine gute Möglichkeit, Zeit miteinander zu verbringen, auch wenn ein großer Teil davon darin besteht, sich komplizierte Regeln zu merken und zu versuchen, den fiesen Gustav mit meinen Elfen zu besiegen.
Das Lustige ist, dass ich mittlerweile selbst ein bisschen angefixt bin. Anna hat mich in eine Welt eingeführt, von der ich nicht wusste, dass sie existiert. Es gibt Spiele über den Aufbau von Eisenbahnimperien, über das Züchten von Schafen auf fernen Planeten und sogar über das Brauen des perfekten Biers. Wer hätte das gedacht?
Die Sucht überwinden?
Natürlich gibt es auch Herausforderungen. Zum Beispiel der Moment, als wir bei einem Spieleabend mit Freunden in einen heftigen Streit über die korrekte Anwendung der "Kartenverschiebungsregel" in "Die Siedler von Catan" geraten sind. Der Abend endete mit einem kollektiven Schmollen und dem Versprechen, nie wieder "Catan" zu spielen. (Natürlich haben wir es eine Woche später wieder gespielt.)
Oder die Tatsache, dass unser Budget für Abendessen im Restaurant mittlerweile fast ausschließlich für Brettspiele draufgeht. "Wir können doch auch zu Hause kochen", argumentiert Anna dann immer. "Und danach spielen wir das neue Spiel, das ich heute bekommen habe!"
Manchmal frage ich mich, ob ich intervenieren sollte. Ob ich Anna sanft darauf hinweisen sollte, dass es vielleicht auch noch andere Hobbys gibt. Aber dann sehe ich, wie sie strahlt, wenn sie ein neues Spiel auspackt oder wenn sie mit leuchtenden Augen eine komplizierte Strategie erklärt. Und ich weiß, dass ich es nicht übers Herz bringe.
Liebe ist, wenn man jemanden so akzeptiert, wie er ist – auch wenn er eine unstillbare Sehnsucht nach Würfelspielen hat.
Und mal ehrlich: Es ist ja auch nicht so schlimm. Ich habe gelernt, mit Gustav dem Gnom zu leben. Ich kenne mittlerweile die Unterschiede zwischen verschiedenen Holzarten von Spielsteinen. Und ich kann mit Fug und Recht behaupten, dass ich in "7 Wonders" unschlagbar bin (zumindest, wenn Anna mich lässt).
Also, was mache ich? Ich unterstütze ihre Leidenschaft. Ich lerne die Regeln. Ich versuche, nicht allzu oft zu schummeln. Und ich freue mich über jeden gemeinsamen Spieleabend – auch wenn er bis tief in die Nacht dauert.
Denn am Ende ist es doch das, was zählt: gemeinsame Zeit, Lachen und die Freude am Spiel. Und vielleicht, ganz vielleicht, gelingt es mir ja irgendwann, Anna davon zu überzeugen, dass wir auch mal wieder einen Film schauen können. Oder vielleicht… spielen wir einfach ein Brettspiel darüber, wie man den perfekten Film dreht!
Also, wenn ihr das nächste Mal jemanden trefft, der von einem bestimmten Hobby besessen ist, verurteilt ihn nicht gleich. Vielleicht steckt dahinter ja eine Leidenschaft, die auch euch begeistern kann. Und vielleicht… findet ihr ja auch euren ganz persönlichen Gustav, den griesgrämigen Gnom, mit dem ihr die Welt erobern könnt.
