Menschen Des 20. Jahrhunderts August Sander
August Sander, geboren 1876 in Herdorf (Siegerland) und gestorben 1964 in Köln, war einer der bedeutendsten deutschen Porträtfotografen des 20. Jahrhunderts. Sein Lebenswerk, das Porträtwerk Menschen des 20. Jahrhunderts, ist ein monumentales Unterfangen, das die deutsche Gesellschaft der Weimarer Republik und der darauffolgenden Jahrzehnte dokumentiert.
Einblicke in Sanders Leben und Werk
Sander begann seine fotografische Laufbahn als Bergmann und arbeitete später in verschiedenen Fotostudios. Diese Erfahrungen ermöglichten ihm, ein tiefes Verständnis für die Technik und die Kunst der Fotografie zu entwickeln. Früh erkannte er das Potenzial der Fotografie als Mittel zur Dokumentation und zur künstlerischen Darstellung der Realität.
Nach Wanderjahren durch Deutschland und Österreich ließ sich Sander 1910 in Köln nieder und eröffnete dort ein eigenes Fotoatelier. Seine Arbeit umfasste zunächst Auftragsporträts, doch bald entwickelte er ein größeres Projekt: die fotografische Erfassung der deutschen Gesellschaft. Sanders Ziel war es, ein möglichst umfassendes und objektives Bild der Menschen zu zeichnen, unabhängig von ihrem Stand, ihrer Herkunft oder ihrem Beruf.
Das Konzept von "Menschen des 20. Jahrhunderts"
Menschen des 20. Jahrhunderts ist kein bloßes Sammelsurium von Porträts. Sander ordnete seine Bilder in thematische Gruppen, die verschiedene gesellschaftliche Schichten und Berufsstände repräsentieren. Das Werk ist in sieben Hauptgruppen unterteilt:
- Der Bauer: Bilder von Landwirten und Menschen, die eng mit dem Land verbunden sind.
- Der Handwerker: Porträts von Handwerkern aller Art, vom Schreiner bis zum Schmied.
- Die Frau: Eine Sammlung von Frauenporträts, die die Vielfalt weiblicher Rollen in der Gesellschaft zeigen.
- Die Stände: Porträts von Menschen aus verschiedenen Berufen und sozialen Schichten, darunter Beamte, Künstler und Industrielle.
- Die Künstler: Bilder von Malern, Bildhauern, Schriftstellern und anderen Kulturschaffenden.
- Die Großstadt: Porträts von Menschen, die das Leben in der Großstadt prägen, darunter Arbeiter, Angestellte und Geschäftsleute.
- Die Letzten Menschen: Eine Sammlung von Porträts von Menschen, die am Rande der Gesellschaft leben, darunter Behinderte, Kranke und Obdachlose.
Innerhalb dieser Hauptgruppen ordnete Sander die Porträts nach Typen und Berufen. So schuf er eine Art visuelles Klassifikationssystem der Gesellschaft. Sander selbst betrachtete sein Werk als einen Kulturspiegel seiner Zeit.
Sanders fotografischer Stil
Sander legte großen Wert auf die Objektivität seiner Aufnahmen. Er vermied es, seine Porträts zu inszenieren oder zu retuschieren. Seine Porträts sind geprägt von einer klaren Bildsprache und einer hohen Detailgenauigkeit. Die Menschen, die er fotografierte, blickten in der Regel direkt in die Kamera, wodurch ein direkter und unverfälschter Eindruck entsteht.
Sander verwendete meist eine großformatige Plattenkamera, die es ihm ermöglichte, gestochen scharfe Bilder zu erzeugen. Er arbeitete mit natürlichem Licht und achtete auf eine sorgfältige Komposition. Seine Porträts sind oft vor neutralem Hintergrund aufgenommen, um die Persönlichkeit des Abgebildeten in den Vordergrund zu stellen.
Ein charakteristisches Merkmal von Sanders Arbeit ist die Würde, die er seinen Modellen verlieh. Unabhängig von ihrem sozialen Status behandelte er alle Menschen mit Respekt und Wertschätzung. Seine Porträts sind Zeugnisse menschlicher Vielfalt und Individualität.
Die Rezeption und Bedeutung von "Menschen des 20. Jahrhunderts"
In der Zeit des Nationalsozialismus wurde Sanders Werk als "nicht zeitgemäß" und "entartet" verurteilt. 1936 wurden seine Bücher beschlagnahmt und die weitere Veröffentlichung untersagt. Sander zog sich daraufhin nach Kuchhausen im Westerwald zurück, wo er die Kriegsjahre verbrachte. Trotz der Repressionen setzte er seine Arbeit fort und rettete einen großen Teil seines Archivs.
Nach dem Zweiten Weltkrieg erfuhr Sanders Werk eine zunehmende Anerkennung. Menschen des 20. Jahrhunderts gilt heute als eines der wichtigsten fotografischen Dokumente des 20. Jahrhunderts. Es ist nicht nur ein wertvolles historisches Zeugnis, sondern auch ein bedeutendes künstlerisches Werk. Sanders Porträts haben Generationen von Fotografen inspiriert und beeinflusst.
Die Bedeutung von Sanders Werk liegt in seiner Authentizität und seiner gesellschaftlichen Relevanz. Er hat es geschafft, ein umfassendes und vielschichtiges Bild der deutschen Gesellschaft zu zeichnen, das auch heute noch von Bedeutung ist. Seine Porträts sind nicht nur Bilder von Menschen, sondern auch Spiegelbilder einer Zeit.
Sander in Köln: Spuren seines Wirkens
Obwohl Sander in Herdorf geboren wurde, ist seine Arbeit untrennbar mit Köln verbunden. Hier lebte und arbeitete er viele Jahre, und hier entstanden die meisten seiner berühmten Porträts. Auch wenn sein ursprüngliches Atelier nicht mehr existiert, gibt es in Köln mehrere Orte, die an ihn erinnern.
Das Museum Ludwig in Köln besitzt eine umfangreiche Sammlung von Sanders Fotografien, darunter viele Originalabzüge aus Menschen des 20. Jahrhunderts. Die Sammlung wird regelmäßig in Ausstellungen präsentiert und bietet einen umfassenden Einblick in sein Werk. Das SK Stiftung Kultur betreibt das August Sander Archiv und kümmert sich um den Nachlass des Fotografen. Hier werden nicht nur seine Fotografien, sondern auch seine Briefe, Notizen und andere Dokumente aufbewahrt.
Ein Spaziergang durch Köln kann auch dazu dienen, die Orte zu entdecken, an denen Sander seine Porträts aufgenommen hat. Viele seiner Motive, wie beispielsweise die Kölner Domplatte oder der Rhein, sind auch heute noch erkennbar.
Für Expatriates und Neuankömmlinge in Köln bietet die Auseinandersetzung mit dem Werk August Sanders eine Möglichkeit, die deutsche Geschichte und Kultur besser kennenzulernen. Seine Porträts sind nicht nur ästhetisch ansprechend, sondern auch informativ und anregend. Sie laden dazu ein, über die Vielfalt und die Komplexität der menschlichen Existenz nachzudenken.
Tipps für die Auseinandersetzung mit Sanders Werk
- Besuchen Sie das Museum Ludwig: Die Sammlung von Sanders Fotografien im Museum Ludwig ist ein Muss für jeden, der sich für sein Werk interessiert.
- Informieren Sie sich über die Ausstellungen des August Sander Archivs: Das Archiv veranstaltet regelmäßig Ausstellungen, die sich mit verschiedenen Aspekten von Sanders Leben und Werk auseinandersetzen.
- Lesen Sie Bücher und Artikel über August Sander: Es gibt zahlreiche Publikationen, die sich mit seinem Werk beschäftigen.
- Nutzen Sie das Internet: Im Internet finden Sie viele Informationen über August Sander, darunter Bilder, Artikel und Videos.
- Diskutieren Sie mit anderen: Tauschen Sie sich mit anderen Menschen über Sanders Werk aus.
August Sander war ein Pionier der Porträtfotografie und ein wichtiger Zeuge seiner Zeit. Sein Werk ist ein wertvoller Beitrag zur deutschen Kulturgeschichte und eine Quelle der Inspiration für Fotografen und Künstler auf der ganzen Welt. Die Auseinandersetzung mit seinem Werk ist eine lohnende Erfahrung, die das Verständnis für die menschliche Natur und die Komplexität der Gesellschaft vertiefen kann. Sein Werk ist mehr als nur ein historisches Dokument; es ist ein zeitloses Kunstwerk, das uns auch heute noch etwas zu sagen hat.
