Mit Dem Bus Nach Berlin Von Hamburg
Der Plan war simpel: Mit dem Bus nach Berlin! Von Hamburg aus. Klingt nach einem 08/15-Trip, oder? Falsch gedacht! Denn was dazwischen lag, war alles andere als gewöhnlich. Ich hatte mir das so vorgestellt: Kopfhörer rein, Podcast an, und zack, schon sind wir da. Eine ruhige Fahrt durch die norddeutsche Landschaft. Ha!
Die Mitreisenden: Eine bunte Truppe
Schon am Busbahnhof in Hamburg wurde klar, dass es anders kommen würde. Da war Helga, eine Dame im besten Alter, die gefühlt ihren gesamten Hausstand in zwei riesigen Koffern verstaut hatte und lautstark telefonierte, um ihren Mann zu beruhigen, dass sie rechtzeitig zum Skatabend in Berlin sein würde. Dann der junge Mann mit der leuchtend pinken Gitarre, der offenbar auf dem Weg zu einem Auftritt war und die gesamte Wartezeit nutzte, um schief, aber mit Inbrunst, irgendwelche Punkrock-Songs zu trällern. Und nicht zu vergessen, die Gruppe Austauschschüler aus Japan, die mit leuchtenden Augen alles und jeden fotografierten – inklusive mir, während ich versuchte, meine Kaffeeflecken von der weißen Bluse zu wischen.
Die erste Überraschung: Der Stau
Kaum hatten wir Hamburg hinter uns gelassen, kam die erste Überraschung: Stau. Nicht irgendein Stau, nein, ein Stau der Sorte, die einem das Gefühl gibt, die Zeit würde rückwärts laufen. Helga nutzte die Gelegenheit, um eine Dose selbstgemachte Buletten auszupacken und sie an alle Mitreisenden zu verteilen. Der Punkrocker stimmte ein spontanes Konzert an, das zwar nicht unbedingt besser wurde, aber die Stimmung hob. Und die japanischen Austauschschüler nutzten den Stau, um ein Gruppenfoto mit einem gelangweilten LKW-Fahrer zu machen.
In diesem Moment wurde mir klar: Diese Busfahrt wird alles, nur nicht langweilig.
Der Busfahrer, ein Mann namens Günther mit dem Humor eines norddeutschen Fischers, kommentierte die Situation trocken: "Tja, meine Damen und Herren, so ist das nun mal auf der A24. Da können wir jetzt entweder jammern, oder das Beste draus machen." Er entschied sich für Letzteres und legte Schlager auf. Was folgte, war eine skurrile Mischung aus Stau-Frust, Buletten-Genuss und Schlager-Karaoke.
Die Raststätte: Ein Mikrokosmos der Gesellschaft
Die Raststätte, die wir nach gefühlten Ewigkeiten erreichten, war ein Mikrokosmos der deutschen Gesellschaft. Hier trafen sich Geschäftsleute im Anzug, Familien mit quengelnden Kindern, Rentner auf Kaffeefahrt und eben wir, die bunt zusammengewürfelte Truppe aus dem Bus. Helga nutzte die Gelegenheit, um ihr Skatblatt zu zücken und ein paar Mitreisende für eine Runde zu begeistern. Der Punkrocker übte seine Gitarrensoli auf der Toilette (was zu einigen Beschwerden führte). Und die japanischen Austauschschüler versuchten verzweifelt, eine Currywurst mit Pommes zu essen, ohne sich komplett zu bekleckern.
Ich selbst versuchte, in Ruhe einen Kaffee zu trinken, wurde aber unweigerlich in die Skatrunde hineingezogen. Ich hatte seit Jahren kein Skat mehr gespielt, aber Helga war gnadenlos. Sie erklärte mir die Regeln gefühlt hundertmal und schimpfte jedes Mal, wenn ich einen Fehler machte. Aber irgendwie war es auch lustig. Man kam ins Gespräch, lachte zusammen und vergaß für einen Moment den Stau und die unbequemen Sitze im Bus.
Endlich Berlin! (Fast)
Nach weiteren Stunden der Reise, in denen wir gefühlt jede Raststätte zwischen Hamburg und Berlin kennengelernt hatten, sahen wir endlich die ersten Hochhäuser von Berlin. Die Freude war groß. Doch kurz vor dem Ziel passierte es: Der Bus hatte eine Panne. Mitten im Nirgendwo. Günther, der Busfahrer, versuchte sein Bestes, um das Problem zu beheben, aber es half nichts. Wir saßen fest.
Wieder war es Helga, die die Situation rettete. Sie hatte in ihrem Koffer nicht nur Buletten und Skatblätter, sondern auch eine Flasche Schnaps. Und was macht man, wenn man mitten im Nirgendwo mit einem kaputten Bus festsitzt? Richtig, man trinkt Schnaps. Es dauerte nicht lange, bis die Stimmung wieder stieg. Der Punkrocker spielte auf seiner Gitarre, die japanischen Austauschschüler tanzten im Takt und Helga erzählte Witze, die so alt waren, dass sie schon wieder lustig waren.
Irgendwann kam dann endlich ein Ersatzbus. Und mit einiger Verspätung erreichten wir Berlin. Erschöpft, aber glücklich. Es war keine gewöhnliche Busfahrt gewesen. Es war ein Abenteuer. Eine Reise mit unerwarteten Begegnungen, skurrilen Situationen und dem Gefühl, Teil einer kleinen, verrückten Familie geworden zu sein.
Die Moral von der Geschichte? Manchmal sind es nicht die Ziele, die zählen, sondern die Menschen, die man auf dem Weg dorthin trifft. Und manchmal ist eine Busfahrt von Hamburg nach Berlin eben doch mehr als nur eine Busfahrt. Es ist eine Geschichte, die man noch Jahre später mit einem Schmunzeln erzählen kann.
