Nathan Der Weise 3 Aufzug 1 Auftritt
Gotthold Ephraim Lessings Nathan der Weise ist ein Schlüsselwerk der deutschen Aufklärung und plädiert für Toleranz und Vernunft. Der dritte Aufzug, erste Auftritt, ist besonders bedeutsam, da er die Weichen für die weitere Entwicklung des Dramas stellt und wichtige Themen wie Identität, Religion und Familie aufgreift. Dieser Artikel analysiert diesen Auftritt detailliert, um Ihnen, dem Leser, ein besseres Verständnis des Stücks und seiner zentralen Botschaften zu ermöglichen.
Die Szene und ihre Bedeutung
Der dritte Aufzug beginnt mit einer Szene im Haus Nathans. Recha, Nathans Adoptivtochter, ist in Begleitung der Gesellschafterin Daja. Die beiden Frauen sprechen über das Ereignis, bei dem Recha von einem jungen Tempelherrn aus einem brennenden Haus gerettet wurde. Daja, eine gläubige Christin, versucht Recha davon zu überzeugen, dass dies ein Wunder Gottes war und der Tempelherr somit ein von Gott gesandter Retter sei.
Dieser Auftritt ist entscheidend, weil er mehrere Konflikte etabliert und vertieft:
- Religiöser Konflikt: Dajas christlicher Glaube steht im Kontrast zu Nathans jüdischer Erziehung Rechas. Daja versucht, Recha in ihrem christlichen Glauben zu bestärken, während Nathan sie zu Toleranz und Vernunft erzieht.
- Identitätskonflikt: Recha ist sich ihrer eigenen Identität nicht sicher. Sie weiß, dass sie von Nathan adoptiert wurde, aber ihre wahre Herkunft ist ihr unbekannt. Dies macht sie empfänglich für Dajas religiösen Einfluss und ihre Erzählungen von einem göttlichen Wunder.
- Konflikt zwischen Gefühl und Vernunft: Recha fühlt sich dem Tempelherrn aufgrund ihrer Rettung tief verbunden, während Nathan sie dazu anhält, diese Gefühle kritisch zu hinterfragen und nicht blindlings zu vertrauen.
Die Charaktere im Fokus
Um den Auftritt vollständig zu verstehen, ist es wichtig, die beteiligten Charaktere genauer zu betrachten:
Recha
Recha ist eine junge, naive Frau, die von Nathan liebevoll aufgezogen wurde. Sie ist intelligent und wissbegierig, aber auch beeinflussbar. Ihre Rettung durch den Tempelherrn hat einen tiefen Eindruck bei ihr hinterlassen, und sie ist geneigt, dies als ein Wunder zu interpretieren. Ihr Mangel an Wissen über ihre eigene Herkunft macht sie anfällig für Dajas religiöse Überzeugungen.
Daja
Daja ist Rechas christliche Gesellschafterin. Sie ist fromm und überzeugt von der Wahrheit ihres Glaubens. Sie sieht die Rettung Rechas als ein Zeichen Gottes und versucht, Recha von der Richtigkeit des Christentums zu überzeugen. Dajas Verhalten ist nicht böswillig, aber es zeigt die Intoleranz und den religiösen Fanatismus, der zu Lessings Zeit weit verbreitet war. Sie ist loyal zu Recha, aber ihre Loyalität zu ihrem Glauben ist stärker.
Nathan (abwesend, aber präsent)
Obwohl Nathan in diesem Auftritt nicht persönlich anwesend ist, ist seine Präsenz dennoch spürbar. Recha und Daja sprechen über ihn und seine Erziehungsmethoden. Nathans Philosophie der Toleranz und Vernunft steht im direkten Gegensatz zu Dajas religiösem Eifer. Sein Einfluss auf Recha ist zwar stark, aber Dajas Einfluss droht, diesen zu untergraben. Nathan repräsentiert die aufklärerische Ideale, die Lessing in seinem Werk vermitteln möchte.
Die Schlüsselszene und ihre Analyse
Die zentrale Szene des Auftritts ist das Gespräch zwischen Recha und Daja über die Rettung durch den Tempelherrn. Daja schildert die Rettung als ein Wunder und versucht, Recha von der göttlichen Natur des Ereignisses zu überzeugen. Recha ist beeindruckt von Dajas Erzählung, äußert aber auch Zweifel:
Recha: Ist es denn gewiß, daß Engel es gewesen?
Daja: Wer anders denn? Wer sollte sonst so rasch,
So menschlich, so geschickt, so zu der Stunde
Zur Stelle sein?
Diese Passage zeigt Rechas innere Zerrissenheit. Sie möchte an ein Wunder glauben, aber sie ist auch von Nathans vernünftigem Denken geprägt. Dajas Überzeugung ist stark, aber Rechas Zweifel bleiben bestehen.
Daja nutzt geschickt Rechas Unwissenheit über ihre eigene Herkunft aus, um ihre christlichen Überzeugungen zu vermitteln. Sie suggeriert, dass Gott Recha durch den Tempelherrn gerettet hat, um sie zu einem bestimmten Zweck zu führen. Dies ist ein subtiler Versuch, Recha für das Christentum zu gewinnen.
Die Sprache, die Daja verwendet, ist sehr bildhaft und emotional. Sie spricht von Engeln, die Recha gerettet haben, und von der göttlichen Vorsehung. Diese Sprache appelliert an Rechas Gefühle und versucht, ihren Verstand auszuschalten. Nathan hingegen würde stets versuchen, Recha zum kritischen Denken anzuregen und Fakten zu überprüfen, bevor sie Schlüsse zieht.
Die Bedeutung des Auftritts für das Gesamtwerk
Der dritte Aufzug, erste Auftritt, ist von großer Bedeutung für das Gesamtwerk Nathan der Weise aus mehreren Gründen:
- Er bereitet den Konflikt vor: Der Auftritt etabliert den Konflikt zwischen den Religionen und den unterschiedlichen Weltanschauungen der Charaktere. Dieser Konflikt wird im Laufe des Dramas weiter eskalieren und schließlich in der berühmten Ringparabel gipfeln.
- Er charakterisiert die Figuren: Der Auftritt gibt wichtige Einblicke in die Charaktere von Recha, Daja und Nathan (indirekt). Wir erfahren mehr über ihre Überzeugungen, ihre Motive und ihre Beziehungen zueinander.
- Er thematisiert die zentralen Themen: Der Auftritt greift die zentralen Themen des Dramas auf, wie Toleranz, Vernunft, Religion, Identität und Familie. Diese Themen werden im Laufe des Dramas weiter vertieft und diskutiert.
- Er schafft Spannung: Der Auftritt erzeugt Spannung, indem er die Frage aufwirft, ob Recha sich von Dajas religiösem Einfluss beeinflussen lassen wird oder ob sie Nathans vernünftigem Denken treu bleiben wird. Diese Spannung wird bis zum Ende des Dramas aufrechterhalten.
Zusammenfassende Betrachtung
Der dritte Aufzug, erste Auftritt, von Nathan der Weise ist eine komplexe und vielschichtige Szene, die eine Schlüsselrolle für das Verständnis des Dramas spielt. Er bereitet den Boden für die zentralen Konflikte und Themen des Stücks und gibt wichtige Einblicke in die Charaktere. Die Auseinandersetzung zwischen Recha und Daja über die Bedeutung der Rettung durch den Tempelherrn verdeutlicht die Schwierigkeit, Wahrheit und Glauben voneinander zu trennen, und unterstreicht die Notwendigkeit von Toleranz und Vernunft. Lessing verwendet diese Szene geschickt, um die aufklärerischen Ideale zu präsentieren, die sein Werk prägen. Das Verständnis dieses Auftritts ist unerlässlich, um die tieferen Botschaften von Nathan der Weise zu erfassen. Der Kampf zwischen Gefühl und Verstand, Glaube und Skepsis, der hier angedeutet wird, zieht sich durch das gesamte Stück und findet seine Auflösung erst am Ende des Dramas. Lessing fordert uns auf, die Welt mit offenen Augen zu betrachten, Vorurteile abzubauen und die Menschlichkeit in jedem Menschen zu erkennen, unabhängig von seiner Religion oder Herkunft. Die hier etablierten Konflikte bilden die Grundlage für die ethischen und philosophischen Fragestellungen, die Lessing im weiteren Verlauf des Stücks untersucht.
