Nathan Der Weise 3 Aufzug 7 Auftritt Analyse
Nathan der Weise, Lessings dramatisches Gedicht, ist ein Eckpfeiler der Aufklärung. Die Szene 3. Aufzug, 7. Auftritt ist besonders bedeutsam, da sie einen Wendepunkt in der Handlung markiert und wesentliche Themen des Stücks verdichtet. Diese Analyse soll Ihnen helfen, die Szene besser zu verstehen, insbesondere wenn Sie neu in Deutschland sind oder sich mit der deutschen Literaturgeschichte vertraut machen wollen.
Kontext der Szene
Um die Bedeutung des 3. Aufzugs, 7. Auftritts vollständig zu erfassen, ist es wichtig, den vorherigen Handlungsverlauf zu kennen. Nathan, der reiche jüdische Kaufmann, kehrt nach Jerusalem zurück und erfährt vom Tod aller Christen, die er gekannt hat, während er auf Geschäftsreise war. Recha, seine vermeintliche Tochter, wurde durch einen Brand gerettet. Der Tempelherr, ein junger Kreuzritter, hat Recha aus dem Feuer gerettet, sich aber geweigert, sie anzusehen oder ihren Dank anzunehmen. Er ist, durch den Patriarchen dazu verurteilt, auf Bewährung gestellt, weil er einen muslimischen Reisenden getötet hat. Saladin, der muslimische Sultan, ist in finanziellen Schwierigkeiten und sucht nach Wegen, sein Reich zu stabilisieren. Die gegenseitigen Vorurteile und Misstrauen zwischen den Religionen sind allgegenwärtig.
Ort und Zeit
Die Szene spielt im Kloster, dem Zufluchtsort des Tempelherrn. Die Zeit ist nicht explizit angegeben, aber es handelt sich um einen Tag kurz nach Nathans Rückkehr nach Jerusalem und kurz nach der Rettung Rechas.
Personen in der Szene
In dieser Szene treffen zwei Charaktere aufeinander:
- Der Tempelherr: Ein junger, idealistischer, aber auch von Vorurteilen geprägter Kreuzritter. Er fühlt sich moralisch verpflichtet, die "Ungläubigen" zu bekämpfen, aber seine Begegnung mit Recha hat ihn innerlich erschüttert.
- Nathan: Der weise und tolerante jüdische Kaufmann. Er ist bekannt für seine Klugheit, seine Menschenliebe und seinen Reichtum. Er sucht den Tempelherrn auf, um ihm für die Rettung Rechas zu danken.
Handlungsverlauf
Die Szene beginnt damit, dass Nathan den Tempelherrn im Kloster aufsucht. Er möchte ihm persönlich für die Rettung Rechas danken. Der Tempelherr reagiert zunächst abweisend und misstrauisch. Er kann nicht verstehen, warum ein Jude ihm Dank schuldet. Er ist von religiösen Vorurteilen geprägt und sieht in Nathan zunächst nur einen "Ungläubigen".
Nathan versucht, das Eis zu brechen und dem Tempelherrn seine Dankbarkeit auszudrücken. Er lobt dessen Mut und Selbstlosigkeit bei der Rettung Rechas. Er betont, dass er ihn nicht als "Juden" anspricht, sondern als Menschen. Dieser Ansatz verfehlt zunächst seine Wirkung, da der Tempelherr immer noch misstrauisch bleibt.
Im Laufe des Gesprächs erkennt der Tempelherr jedoch, dass Nathan anders ist als die Juden, die er zu kennen glaubt. Er spürt Nathans Aufrichtigkeit und seine Weisheit. Nathan erzählt ihm von Recha und ihrer außergewöhnlichen Rettung. Er beschreibt sie als ein liebeswürdiges und kluges Mädchen.
Der Tempelherr beginnt, sein Misstrauen abzubauen und zeigt Interesse an Recha und Nathan. Er fragt nach Nathans Geschichte und nach den Umständen, die ihn zu dem gemacht haben, was er ist. Nathan weicht diesen Fragen zunächst aus, da er befürchtet, dass der Tempelherr seine wahre Identität nicht akzeptieren könnte.
Am Ende der Szene gibt der Tempelherr zu, dass er von Nathan beeindruckt ist und dass er bereit ist, seine Vorurteile zu überdenken. Er stimmt zu, Nathan und Recha zu besuchen, um sie besser kennenzulernen. Dies markiert einen Wendepunkt in der Beziehung zwischen den beiden Charakteren und deutet auf eine mögliche Überwindung der religiösen Barrieren hin.
Interpretation und Bedeutung
Der 3. Aufzug, 7. Auftritt ist von zentraler Bedeutung für die Interpretation von "Nathan der Weise". Die Szene verdeutlicht mehrere wichtige Themen:
- Toleranz und Menschlichkeit: Nathan verkörpert die aufklärerischen Ideale von Toleranz und Menschlichkeit. Er begegnet dem Tempelherrn mit Respekt und Verständnis, obwohl dieser ihn zunächst ablehnt. Er versucht, ihn durch Vernunft und Empathie zu überzeugen.
- Überwindung von Vorurteilen: Die Szene zeigt, wie Vorurteile abgebaut werden können, wenn Menschen bereit sind, miteinander zu sprechen und einander kennenzulernen. Der Tempelherr beginnt, seine Vorurteile gegenüber Juden zu hinterfragen, nachdem er Nathan persönlich kennengelernt hat.
- Die Bedeutung von Bildung: Nathan ist ein gebildeter Mann, der seine Weisheit nutzt, um andere zu beeinflussen. Er ist ein Vorbild für aufgeklärtes Denken und Handeln.
- Die Suche nach Wahrheit: Der Tempelherr befindet sich auf einer Suche nach Wahrheit. Er ist verunsichert über seinen Glauben und seine Rolle in der Welt. Nathan hilft ihm, seine eigenen Vorurteile zu erkennen und zu überwinden.
"Ich bin Jude. Und was denn mehr?" - Nathan (sinngemäß)
Dieses Zitat verdeutlicht Nathans Haltung. Er reduziert sich nicht auf seine religiöse Zugehörigkeit, sondern betont seine Menschlichkeit.
Sprachliche Gestaltung
Lessing verwendet in dieser Szene eine klare und präzise Sprache. Die Dialoge sind lebendig und dynamisch. Lessing verwendet rhetorische Mittel, um die Argumente der Charaktere zu unterstreichen. Besonders auffällig ist die Verwendung von Fragen und Gegenfragen, die den inneren Konflikt des Tempelherrn verdeutlichen. Die Sprache spiegelt die aufklärerische Denkweise wider, die auf Vernunft und Logik basiert.
Bedeutung für das Gesamtwerk
Der 3. Aufzug, 7. Auftritt ist ein Schlüsselmoment in "Nathan der Weise". Er bereitet den Weg für die weiteren Entwicklungen der Handlung und für die Auflösung der Konflikte. Die Begegnung zwischen Nathan und dem Tempelherrn ist ein wichtiger Schritt hin zur Versöhnung der verschiedenen Religionen und Kulturen. Die Ringparabel, die im 3. Aufzug, 7. Auftritt angedeutet wird (obwohl sie erst später vollständig erzählt wird), ist ein zentrales Symbol für die Gleichwertigkeit der Religionen. Die Szene unterstreicht die Botschaft des Stücks, dass Toleranz, Vernunft und Menschlichkeit die Grundlage für ein friedliches Zusammenleben sind.
Diese Szene, in der Nathan dem Tempelherrn begegnet, ist von größter Bedeutung für das Verständnis von Lessings Drama. Die Auseinandersetzung mit Vorurteilen, die Betonung der Menschlichkeit und die Suche nach Wahrheit sind Themen, die auch heute noch relevant sind. Für Expats und Neuankömmlinge in Deutschland bietet die Lektüre und Analyse dieser Szene einen Einblick in die deutsche Geistesgeschichte und die Werte, die in der deutschen Gesellschaft hochgehalten werden.
Um das Verständnis der Szene zu vertiefen, empfiehlt es sich, den gesamten Text von "Nathan der Weise" zu lesen und sich mit der Epoche der Aufklärung auseinanderzusetzen. Auch die Auseinandersetzung mit anderen Interpretationen und Analysen kann hilfreich sein.
