Pferde Sehen 7 Mal Größer
Es kursiert oft die Annahme, dass Pferde die Welt 7-mal größer sehen als wir Menschen. Diese Vorstellung ist jedoch ein Missverständnis, das sich hartnäckig hält. Obwohl Pferde eine faszinierende Sehweise haben, ist die Realität deutlich komplexer und nuancierter. Anstatt Objekte in übertriebener Größe wahrzunehmen, unterscheiden sich ihre Augen in anderen wichtigen Aspekten von unseren, was ihre Wahrnehmung der Umgebung stark beeinflusst.
Die Anatomie des Pferdeauges: Unterschiede zum menschlichen Auge
Um zu verstehen, wie Pferde sehen, ist es wichtig, die Unterschiede in der Anatomie ihrer Augen zu betrachten. Hier sind einige Schlüsselaspekte:
Augenposition und Sichtfeld
Pferde sind Beutetiere, und ihre Augen sind seitlich am Kopf positioniert. Diese Positionierung bietet ihnen ein fast 350-Grad-Sichtfeld, was es ihnen ermöglicht, Raubtiere aus fast jeder Richtung zu erkennen. Im Gegensatz dazu haben Menschen ein binokulares Sehen, bei dem sich die Sichtfelder beider Augen überlappen, was zu einer besseren Tiefenwahrnehmung führt, aber ein kleineres Gesamt-Sichtfeld bietet. Pferde haben zwar auch einen Bereich binokularen Sehens direkt vor sich (ca. 60-70 Grad), aber der Großteil ihres Sichtfeldes ist monokular, d.h. jedes Auge sieht ein leicht unterschiedliches Bild.
Akkommodation und Sehschärfe
Die Akkommodation, also die Fähigkeit des Auges, sich auf Objekte in unterschiedlichen Entfernungen scharfzustellen, ist bei Pferden weniger ausgeprägt als bei Menschen. Das bedeutet, dass sie Schwierigkeiten haben könnten, Objekte, die sich sehr nah vor ihnen befinden, scharf zu sehen. Dies ist ein Grund, warum Pferde manchmal ihren Kopf heben oder senken, um etwas besser zu erkennen. Die Sehschärfe von Pferden ist ebenfalls geringer als die des Menschen. Man schätzt, dass die Sehschärfe eines Pferdes etwa 20/30 bis 20/60 beträgt, was bedeutet, dass sie ein Objekt aus 20 Fuß Entfernung so klar sehen, wie ein Mensch mit normalem Sehvermögen es aus 30 bis 60 Fuß Entfernung sehen würde. Das bedeutet aber nicht, dass sie die Welt 7-mal größer sehen, sondern dass Details für sie weniger scharf sind.
Farbsehen
Lange Zeit ging man davon aus, dass Pferde farbenblind sind. Neuere Forschungen haben jedoch gezeigt, dass sie dichromatisch sind, was bedeutet, dass sie nur zwei Arten von Farbrezeptoren (Zapfen) in ihren Augen haben, im Gegensatz zu den drei Zapfen, die Menschen besitzen. Dies bedeutet, dass Pferde Farben auf einer Blau-Gelb-Achse sehen, aber Schwierigkeiten haben, Rot- und Grüntöne zu unterscheiden. Die Welt erscheint ihnen also in gedämpfteren Farben als uns.
Nachtsicht
Pferde haben eine bessere Nachtsicht als Menschen. Dies liegt daran, dass sie mehr Stäbchen in ihren Augen haben, die für das Sehen bei schwachem Licht verantwortlich sind. Außerdem haben sie ein Tapetum lucidum, eine reflektierende Schicht hinter der Netzhaut, die das Licht zurückwirft und so die Lichtmenge erhöht, die die Photorezeptoren erreicht. Dies verbessert ihre Fähigkeit, im Dunkeln zu sehen, aber es kann auch ihre Sehschärfe bei Tageslicht leicht beeinträchtigen.
Wie Pferde die Welt wahrnehmen: Die Bedeutung des Kontextes
Die Art und Weise, wie Pferde die Welt wahrnehmen, ist nicht nur von ihren Augen abhängig, sondern auch von ihrem Gehirn und ihren Erfahrungen. Pferde sind sehr aufmerksame Tiere und nutzen alle ihre Sinne, um sich ein Bild von ihrer Umgebung zu machen. Sie verlassen sich stark auf ihr Gehör und ihren Geruchssinn, um Gefahren zu erkennen und sich zu orientieren.
Es ist wichtig zu verstehen, dass Pferde die Welt anders interpretieren als wir. Was für uns harmlos erscheint, kann für ein Pferd bedrohlich sein. Beispielsweise kann eine flatternde Plastiktüte oder ein ungewohntes Geräusch ein Fluchtverhalten auslösen. Dies liegt daran, dass Pferde instinktiv darauf programmiert sind, auf potenzielle Gefahren schnell zu reagieren.
Warum die Annahme von "7-mal größer" irreführend ist
Die Vorstellung, dass Pferde die Welt 7-mal größer sehen, ist wahrscheinlich auf ein Missverständnis der Perspektive zurückzuführen. Da ihre Augen weiter auseinander liegen als unsere und sie einen größeren Sichtwinkel haben, könnten sie das Gefühl haben, dass ihre Umgebung weiter entfernt ist. Dies bedeutet jedoch nicht, dass sie Objekte in vergrößerter Form wahrnehmen. Vielmehr nehmen sie ein breiteres Panorama auf, was für ein Tier, das ständig auf der Hut vor Raubtieren sein muss, überlebenswichtig ist.
Der Fehler liegt darin, das binokulare Sehen des Menschen, das eine präzise Tiefenwahrnehmung ermöglicht, direkt mit der monokularen Sicht eines Pferdes zu vergleichen. Pferde "sehen" die Welt nicht einfach größer. Sie erleben sie anders, basierend auf ihren sensorischen Fähigkeiten, ihrer Physiologie und ihren instinktiven Verhaltensweisen.
Wie man das Wissen über die Pferde-Sehweise im Umgang mit Pferden anwendet
Das Verständnis der Sehweise von Pferden kann im Umgang mit ihnen sehr hilfreich sein:
- Langsame Annäherung: Gehen Sie langsam und ruhig auf ein Pferd zu, damit es Zeit hat, Sie zu erkennen und sich an Ihre Anwesenheit zu gewöhnen. Sprechen Sie beruhigend, damit es Sie nicht nur sieht, sondern auch hört.
- Vermeidung von plötzlichen Bewegungen: Vermeiden Sie plötzliche Bewegungen oder laute Geräusche, die das Pferd erschrecken könnten. Denken Sie daran, dass es eine eingeschränkte Tiefenwahrnehmung hat.
- Berücksichtigung des toten Winkels: Achten Sie auf den toten Winkel des Pferdes direkt vor seiner Nase und hinter ihm. Vermeiden Sie es, sich in diesen Bereichen aufzuhalten, ohne das Pferd zu warnen.
- Verständnis für Farben: Berücksichtigen Sie, dass Pferde Schwierigkeiten haben, Rot- und Grüntöne zu unterscheiden. Wählen Sie daher möglicherweise andere Farben für Hindernisse oder Ausrüstung, um die Sicherheit zu gewährleisten.
- Anpassung der Umgebung: Stellen Sie sicher, dass die Umgebung des Pferdes sicher und übersichtlich ist. Entfernen Sie potenzielle Gefahren wie lose Gegenstände oder flatternde Planen.
Fazit
Die Vorstellung, dass Pferde die Welt 7-mal größer sehen, ist ein Mythos. Pferde haben eine einzigartige Sehweise, die an ihre Bedürfnisse als Beutetiere angepasst ist. Sie haben ein breiteres Sichtfeld, eine bessere Nachtsicht und sind dichromatisch. Ihr Sehvermögen ist jedoch nicht so scharf wie das des Menschen, und sie haben Schwierigkeiten, nahe Objekte scharf zu sehen. Indem wir die Unterschiede in der Sehweise von Pferden verstehen, können wir besser mit ihnen kommunizieren und ihre Bedürfnisse erfüllen. Es ist wichtig, sich von simplifizierenden Aussagen zu lösen und die Komplexität der tierischen Wahrnehmung zu erkennen. Das Wissen über die tatsächlichen Unterschiede hilft uns, respektvoller und verständnisvoller mit diesen faszinierenden Tieren umzugehen.
