Present Participle Or Infinitive After Verbs Of Perception
Die Frage, ob nach Verben der Wahrnehmung im Deutschen der Infinitiv mit "zu" oder das Partizip Präsens verwendet wird, ist nicht nur eine grammatikalische Spitzfindigkeit, sondern hat subtile Auswirkungen auf die Bedeutung und die Wahrnehmung des Beschriebenen. Insbesondere bei der Gestaltung von museumspädagogischen Texten und Ausstellungskatalogen ist die bewusste Wahl zwischen diesen beiden Konstruktionen entscheidend, um dem Besucher ein möglichst präzises und ansprechendes Bild der Exponate und ihrer Bedeutung zu vermitteln.
Das Spektrum der Wahrnehmungsverben
Zunächst ist es wichtig, das Spektrum der Verben zu betrachten, die hier in Frage kommen. Zu den häufigsten Wahrnehmungsverben zählen: sehen, hören, fühlen, spüren, riechen, schmecken und beobachten. Diese Verben beschreiben, wie wir die Welt um uns herum sinnlich erfassen. Die nachfolgende Konstruktion, also entweder der Infinitiv mit "zu" oder das Partizip Präsens, modelliert die Art und Weise, wie diese Wahrnehmung in der Sprache dargestellt wird.
Der Infinitiv mit "zu": Ein Ereignis im Werden
Die Verwendung des Infinitivs mit "zu" betont häufig den Ablauf oder die Möglichkeit einer Handlung. Sie vermittelt das Gefühl eines Ereignisses, das sich gerade entfaltet oder im Begriff ist, zu geschehen. Betrachten wir folgendes Beispiel:
Ich sehe den Künstler zu seinem Pinsel greifen.
Hier wird der Fokus auf den Moment der Handlung, den Beginn des Pinselgreifens gelegt. Der Betrachter wird Zeuge eines Ereignisses, das sich vor seinen Augen abspielt. Im Kontext einer Ausstellung könnte dieser Satz in einer Bildunterschrift verwendet werden, um eine historische Fotografie eines Künstlers bei der Arbeit zu beschreiben. Der Infinitiv mit "zu" erzeugt hier eine gewisse Dynamik und Unmittelbarkeit. Er suggeriert, dass die Handlung im Moment des Fotografierens noch nicht abgeschlossen war, sondern sich in einem fortlaufenden Prozess befand.
Die Verwendung des Infinitivs kann auch eine Absicht oder einen Plan implizieren. Zum Beispiel:
Ich höre das Wasser zu kochen beginnen.
Dieser Satz vermittelt nicht nur die akustische Wahrnehmung des Wassers, sondern auch die Antizipation des bevorstehenden Kochvorgangs. Im Museumskontext könnte dies relevant sein, um beispielsweise die Funktionsweise einer historischen Dampfmaschine zu erläutern. Der Besucher "hört" das Wasser "zu kochen beginnen" – eine Metapher für den Beginn des Prozesses, der die Maschine antreibt.
Das Partizip Präsens: Ein andauernder Zustand
Im Gegensatz dazu betont das Partizip Präsens den andauernden Zustand oder die gleichzeitige Ausführung einer Handlung. Es beschreibt etwas, das sich im Moment der Wahrnehmung bereits im Gange befindet und fortgesetzt wird. Ein Beispiel:
Ich sehe den Künstler malend.
Hier liegt der Fokus nicht auf dem Beginn der Handlung, sondern auf dem Zustand des Malens selbst. Der Künstler ist bereits in den Prozess des Malens vertieft, und der Betrachter nimmt ihn in diesem Zustand wahr. In einer Ausstellungsbeschreibung könnte dieser Satz verwendet werden, um den Stil eines Künstlers zu charakterisieren, indem betont wird, dass seine Werke immer einen bestimmten "malenden" Charakter aufweisen. Das Partizip Präsens erzeugt hier eine gewisse Ruhe und Kontinuität.
Die Verwendung des Partizip Präsens kann auch eine gewisse Unmittelbarkeit und Authentizität vermitteln, da es die Handlung als etwas Direktes und Unmittelbares darstellt. Zum Beispiel:
Ich fühle die Erde bebend.
Dieser Satz vermittelt die unmittelbare Erfahrung eines Erdbebens. Die Erde "bebt" im Moment des Fühlens, es ist ein direkter und sinnlicher Eindruck. Im Museumskontext könnte dies verwendet werden, um die Bedrohung durch Naturkatastrophen zu thematisieren, indem die Besucher die Erschütterungen "bebend" vor ihrem inneren Auge sehen.
Die Wahl für den Museumsbesucher
Die bewusste Wahl zwischen Infinitiv mit "zu" und Partizip Präsens kann die Interpretation und das Verständnis eines Exponats maßgeblich beeinflussen. Bei der Gestaltung von museumspädagogischen Texten sollte daher genau überlegt werden, welche Aspekte der Handlung oder des Zustands hervorgehoben werden sollen. Möchte man den Fokus auf den Ablauf, die Möglichkeit oder die Absicht legen, ist der Infinitiv mit "zu" die bessere Wahl. Möchte man hingegen den andauernden Zustand, die Gleichzeitigkeit oder die Unmittelbarkeit betonen, ist das Partizip Präsens vorzuziehen.
Ein konkretes Beispiel: Stellen wir uns ein Museum vor, das eine Sammlung historischer Musikinstrumente ausstellt. Eine Bildunterschrift zu einer Laute könnte lauten:
Ich höre den Lautenspieler zu spielen beginnen (Infinitiv mit "zu").
Dieser Satz betont den Moment des Beginns des Spielens, die ersten Töne, die der Laute entlockt werden. Er könnte verwendet werden, um die Bedeutung des Instruments für den Beginn einer musikalischen Darbietung zu unterstreichen.
Alternativ könnte die Bildunterschrift lauten:
Ich höre den Lautenspieler spielend (Partizip Präsens).
Dieser Satz betont den andauernden Zustand des Spielens, die Melodie, die der Laute entströmt. Er könnte verwendet werden, um die Schönheit und den Klang des Instruments hervorzuheben.
Die Wahl zwischen diesen beiden Formulierungen hängt also davon ab, welche Botschaft das Museum vermitteln möchte. Es ist wichtig, sich bewusst zu machen, dass die scheinbar kleine grammatikalische Entscheidung einen großen Einfluss auf die Wahrnehmung und das Verständnis des Besuchers haben kann.
Fazit: Bewusste Sprachgestaltung für eine immersive Erfahrung
Die Verwendung von Wahrnehmungsverben in Kombination mit Infinitiv oder Partizip Präsens bietet eine subtile, aber wirkungsvolle Möglichkeit, die Besuchererfahrung im Museum zu gestalten. Durch die bewusste Wahl der grammatikalischen Konstruktion kann das Museum die Aufmerksamkeit des Besuchers lenken, seine Emotionen ansprechen und sein Verständnis der Exponate vertiefen. Es geht darum, die Sprache als Werkzeug zu nutzen, um eine immersive und authentische Erfahrung zu schaffen, die den Besuchern noch lange in Erinnerung bleibt. Die Kunst besteht darin, die sprachlichen Nuancen zu erkennen und sie gezielt einzusetzen, um die gewünschte Wirkung zu erzielen. Indem wir diese Feinheiten berücksichtigen, können wir sicherstellen, dass unsere Texte nicht nur informativ, sondern auch ansprechend und inspirierend sind.
