Psychisch Kranke Eltern Mit Kindern
Psychische Erkrankungen sind in Deutschland weit verbreitet. Etwa jeder vierte Erwachsene leidet im Laufe seines Lebens an einer psychischen Störung. Wenn Eltern psychisch krank sind, betrifft dies die gesamte Familie, insbesondere die Kinder. Dieser Artikel soll einen Überblick über die Herausforderungen und Unterstützungsmöglichkeiten für Familien geben, in denen ein oder beide Elternteile an einer psychischen Erkrankung leiden. Er richtet sich speziell an Expatriates und Neuzugewanderte in Deutschland, die sich über dieses Thema informieren möchten.
Herausforderungen für Kinder psychisch kranker Eltern
Kinder, die mit einem psychisch kranken Elternteil aufwachsen, stehen vor besonderen Herausforderungen. Die Auswirkungen auf die Kinder können vielfältig sein und hängen von verschiedenen Faktoren ab, wie der Art und Schwere der Erkrankung, dem Alter des Kindes, der Verfügbarkeit von Unterstützung und der Resilienz des Kindes.
Mögliche Auswirkungen auf die Kinder:
- Emotionale Probleme: Kinder können Angstzustände, Depressionen, Trauer, Schuldgefühle oder Scham entwickeln. Sie fühlen sich möglicherweise verantwortlich für das Wohlbefinden des erkrankten Elternteils oder versuchen, dessen Stimmung aufzuhellen.
- Verhaltensprobleme: Einige Kinder zeigen externalisierende Verhaltensweisen wie Aggression, Hyperaktivität oder oppositionelles Verhalten. Andere ziehen sich zurück, sind introvertiert oder haben Schwierigkeiten, soziale Kontakte zu knüpfen.
- Schulische Probleme: Konzentrationsschwierigkeiten, Motivationsverlust oder häufige Fehlzeiten können zu schlechteren schulischen Leistungen führen.
- Beziehungsprobleme: Schwierigkeiten, stabile und vertrauensvolle Beziehungen zu Gleichaltrigen oder anderen Erwachsenen aufzubauen.
- Erhöhtes Risiko für eigene psychische Erkrankungen: Kinder psychisch kranker Eltern haben ein erhöhtes Risiko, selbst eine psychische Erkrankung zu entwickeln, insbesondere wenn die Erkrankung des Elternteils unbehandelt bleibt.
- Rollenumkehr: Kinder übernehmen unter Umständen frühzeitig elterliche Verantwortung und kümmern sich um den erkrankten Elternteil oder jüngere Geschwister. Dies kann zu einer Überlastung und zum Verlust der eigenen Kindheit führen.
- Unsicherheit und Verwirrung: Kinder verstehen oft nicht, was mit dem Elternteil los ist und warum er sich so verhält. Dies kann zu Unsicherheit, Verwirrung und Angst führen.
- Stigmatisierung und Isolation: Familien mit psychisch kranken Eltern sind oft mit Stigmatisierung und sozialer Isolation konfrontiert. Kinder schämen sich möglicherweise für die Erkrankung des Elternteils und ziehen sich von Freunden und Aktivitäten zurück.
Es ist wichtig zu betonen, dass nicht alle Kinder psychisch kranker Eltern negative Auswirkungen erfahren. Viele Kinder entwickeln Resilienz und lernen, mit den Herausforderungen umzugehen. Eine stabile Beziehung zu einem gesunden Elternteil, einem anderen Familienmitglied oder einer Vertrauensperson kann die Widerstandsfähigkeit der Kinder stärken.
Unterstützungsmöglichkeiten für Familien
In Deutschland gibt es eine Vielzahl von Unterstützungsmöglichkeiten für Familien, in denen ein oder beide Elternteile an einer psychischen Erkrankung leiden. Es ist wichtig, frühzeitig professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen, um die Auswirkungen auf die Kinder zu minimieren und die Familie zu stärken.
Angebote für Eltern:
- Psychotherapie: Eine Psychotherapie kann Eltern helfen, ihre Erkrankung zu bewältigen, ihre Symptome zu reduzieren und ihre Elternkompetenzen zu stärken. Es gibt verschiedene Therapieformen, die auf die individuellen Bedürfnisse der Eltern zugeschnitten sind. Die Krankenkassen übernehmen in der Regel die Kosten für eine Psychotherapie.
- Medikamentöse Behandlung: In einigen Fällen kann eine medikamentöse Behandlung notwendig sein, um die Symptome der psychischen Erkrankung zu lindern. Die Verordnung und Überwachung der Medikamente erfolgt durch einen Facharzt für Psychiatrie.
- Selbsthilfegruppen: Der Austausch mit anderen Betroffenen in Selbsthilfegruppen kann sehr hilfreich sein. Eltern können sich gegenseitig unterstützen, Erfahrungen austauschen und voneinander lernen. Informationen zu Selbsthilfegruppen erhalten Sie bei den regionalen Selbsthilfekontaktstellen.
- Elternberatung: Eine Elternberatung kann Eltern dabei unterstützen, ihre Erziehungsfähigkeiten zu verbessern und besser mit den Bedürfnissen ihrer Kinder umzugehen. Elternberatungsstellen bieten kostenlose oder kostengünstige Beratungsgespräche an.
- Familientherapie: Eine Familientherapie kann helfen, die Kommunikation und Interaktion innerhalb der Familie zu verbessern und Konflikte zu lösen.
- Sozialpsychiatrischer Dienst: Die sozialpsychiatrischen Dienste bieten ambulante Hilfen für Menschen mit psychischen Erkrankungen und ihre Familien an. Sie können beispielsweise bei der Bewältigung des Alltags, der Wohnungssuche oder der Integration in das Arbeitsleben unterstützen.
Angebote für Kinder:
- Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie: Eine Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie kann Kindern helfen, ihre Ängste, Sorgen und Probleme zu bewältigen, die im Zusammenhang mit der Erkrankung des Elternteils stehen.
- Beratungsstellen für Kinder und Jugendliche: Diese Stellen bieten kostenlose und vertrauliche Beratungsgespräche für Kinder und Jugendliche an, die sich in schwierigen Lebenssituationen befinden.
- Gruppenangebote für Kinder psychisch kranker Eltern: In diesen Gruppen können Kinder sich mit anderen Kindern austauschen, die ähnliche Erfahrungen machen. Sie lernen, ihre Gefühle auszudrücken und Strategien zur Bewältigung schwieriger Situationen zu entwickeln.
- Familienhilfe: Eine Familienhilfe kann Familien im Alltag unterstützen, beispielsweise bei der Betreuung der Kinder, der Hausarbeit oder der Organisation des Familienlebens.
Wichtige Anlaufstellen und Informationen:
- Hausarzt: Der Hausarzt ist oft die erste Anlaufstelle bei psychischen Problemen. Er kann eine erste Einschätzung vornehmen und an einen Facharzt oder Therapeuten überweisen.
- Psychiater: Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie.
- Psychotherapeut: Bietet Psychotherapie an.
- Gesundheitsamt: Bietet Informationen und Beratungsangebote zu psychischen Erkrankungen und Unterstützungsmöglichkeiten.
- Familienzentrum: Bietet verschiedene Angebote für Familien, darunter Beratung, Kurse und Gruppenangebote.
- Jugendamt: Bietet Unterstützung und Beratung für Familien mit Kindern.
- Nummer gegen Kummer: Kostenloses und anonymes Beratungsangebot für Kinder und Jugendliche (Tel. 116 111).
- Telefonseelsorge: Kostenloses und anonymes Beratungsangebot für Menschen in Krisensituationen (Tel. 0800/111 0 111 oder 0800/111 0 222).
Rechtliche Aspekte
In Deutschland haben psychisch kranke Eltern grundsätzlich die gleichen Rechte und Pflichten wie gesunde Eltern. Das Sorgerecht für die Kinder bleibt in der Regel bei den Eltern, solange keine Kindeswohlgefährdung vorliegt. Das Jugendamt kann jedoch einschreiten, wenn das Wohl der Kinder gefährdet ist. Dies kann beispielsweise der Fall sein, wenn die Eltern aufgrund ihrer Erkrankung nicht in der Lage sind, die Kinder ausreichend zu versorgen oder zu erziehen.
In solchen Fällen kann das Jugendamt verschiedene Maßnahmen ergreifen, beispielsweise:
- Beratung und Unterstützung der Eltern: Das Jugendamt kann den Eltern Beratung und Unterstützung anbieten, um ihre Erziehungsfähigkeiten zu verbessern.
- Einleitung einer Familienhilfe: Eine Familienhilfe kann die Familie im Alltag unterstützen und die Eltern entlasten.
- Unterbringung der Kinder in einer Pflegefamilie oder einem Heim: Wenn das Wohl der Kinder nicht anders gewährleistet werden kann, kann das Jugendamt die Kinder vorübergehend oder dauerhaft in einer Pflegefamilie oder einem Heim unterbringen.
Es ist wichtig zu betonen, dass das Jugendamt immer das Wohl der Kinder in den Vordergrund stellt. Die Entscheidung, ob eine Kindeswohlgefährdung vorliegt, wird sorgfältig geprüft und auf der Grundlage aller relevanten Informationen getroffen.
Tipps für Expatriates und Neuzugewanderte
Als Expatriate oder Neuzugewanderter in Deutschland kann es besonders schwierig sein, mit der psychischen Erkrankung eines Elternteils und den Auswirkungen auf die Kinder umzugehen. Die sprachlichen und kulturellen Barrieren können die Suche nach geeigneter Unterstützung erschweren. Hier sind einige Tipps, die Ihnen helfen können:
- Sprechen Sie Deutsch oder suchen Sie einen Dolmetscher: Versuchen Sie, Ihre Deutschkenntnisse zu verbessern oder suchen Sie einen Dolmetscher, um die Kommunikation mit Ärzten, Therapeuten und anderen Fachkräften zu erleichtern.
- Informieren Sie sich über das deutsche Gesundheitssystem: Machen Sie sich mit dem deutschen Gesundheitssystem vertraut, um zu wissen, welche Leistungen Ihnen zustehen und wie Sie diese in Anspruch nehmen können.
- Suchen Sie nach Beratungsstellen, die mehrsprachige Angebote anbieten: Einige Beratungsstellen bieten mehrsprachige Beratungsgespräche an oder arbeiten mit Dolmetschern zusammen.
- Nehmen Sie Kontakt zu anderen Expatriates auf: Der Austausch mit anderen Expatriates, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben, kann sehr hilfreich sein.
- Bauen Sie ein soziales Netzwerk auf: Versuchen Sie, Kontakte zu knüpfen und ein soziales Netzwerk aufzubauen, das Ihnen Unterstützung und Halt geben kann.
- Scheuen Sie sich nicht, Hilfe anzunehmen: Es ist kein Zeichen von Schwäche, Hilfe anzunehmen. Nutzen Sie die vielfältigen Unterstützungsmöglichkeiten, die in Deutschland angeboten werden.
- Erklären Sie Ihren Kindern die Situation altersgerecht. Vermeiden Sie Geheimnisse und vermitteln Sie Ihrem Kind, dass es nicht Schuld an der Situation hat.
Zusammenfassend lässt sich sagen: Psychische Erkrankungen von Eltern können eine große Herausforderung für die ganze Familie darstellen. Es ist wichtig, frühzeitig professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen und die vielfältigen Unterstützungsmöglichkeiten zu nutzen. Mit der richtigen Unterstützung können Familien lernen, mit den Herausforderungen umzugehen und ein stabiles und liebevolles Umfeld für die Kinder zu schaffen. Als Expatriate oder Neuzugewanderter sollten Sie sich nicht scheuen, Hilfe zu suchen und sich über die spezifischen Angebote in Ihrer Region zu informieren. Das Wohl der Kinder sollte immer im Vordergrund stehen.
